Rene Schickele

Die blauen Hefte

Faksimile-Edition mit textgenetischer Transkription und Kommentar. 2 Bände im Schuber
Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783878778714
Gebunden, 522 Seiten, 48,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Annemarie Post-Martens. "Elsässischer Jude", "Pazifist und Vaterlandverräter": Das sind die Schimpfworte, mit denen Rene Schickele 1931 von den Nazis attackiert wird. Er flüchtet 1935 in die Schweiz, weil er als Redakteur und Herausgeber der pazifistischen Weißen Blätter zunehmenden Pressionen wie Hausdurchsuchungen ausgesetzt war. Im November 1935 werden sämtliche beim S. Fischer Verlag und beim Rowohlt Verlag erschienenen Bücher Schickeles von der Polizei beschlagnahmt. Die vier Blauen Hefte, die Tagebücher Rene Schickeles aus den Jahren 1932/33, nehmen nicht nur für die Deutung des Spätwerks eine Schlüsselposition ein, sie stellen zugleich ein zeitgeschichtliches Zeugnis ersten Ranges dar. Als kritischer Beobachter und -zugleich in höchstem Grade selbst Betroffener dokumentiert und kommentiert Schickele die Vorgänge in Deutschland, die zur Machtübernahme Hitlers führten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.03.2004

Eine "Frühdiagnose einer Schreckensherrschaft" sieht der hgr. zeichnende Rezensent in René Schickeles (1883-1940)Tagebüchern aus den Jahren 1932/33, die nun, von Annemarie Post-Martens herausgegeben und kommentiert, vorliegen. Der Rezensent beschreibt den Elsässer Schickele als einen Wanderer zwischen zwei Welten, der einen "besonderen Blick" (Post-Martens) für die politische Situation der Wendezeit hatte. Er hebt hervor, dass der Band nicht nur die Faksimiles der Tagebuchblätter bietet, sondern im Rahmen der "textgenetischen Transkription" den Leser auch am Entstehungsprozess der Aufzeichnungen teilhaben lässt. Wie er weiter berichtet, geht die Herausgeberin Annemarie Post-Martens in einem zweiten Band der Frage nach, ob die politische Wende des Jahres 1933 auch Schickeles Poetik nachhaltig beeinflusst hat. "Die zweibändige Edition", resümiert der Rezensent, "erinnert an einen Erzähler, für den die helle Landschaft der Provence inmitten einer Welt politischer Verdunkelung zum 'Mass aller Dinge' geworden ist."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2003

Keiner seiner Romane, kein Erzählungsband und nur ein einziger Essay-Band von Rene Schickele sind überhaupt noch lieferbar, klagt Eberhard Rathgeb und begrüßt das Erscheinen von Schickeles "Blauen Heften" als ein Zeichen in der Lesewüste. Es handelt sich dabei um Schickeles Tagebücher aus den Jahren 1932/33, erklärt Rathgeb, worin der gebürtige Elsässer bereits die aufziehende Gefahr des Nationalsozialismus dokumentierte. Schickele selbst emigrierte 1932 nach Frankreich. Für die Herausgeberin dienen "Die blauen Hefte" zugleich, erläutert Rathgeb weiter, als Beleg für ein von ihr behauptetes neues poetisches Verfahren Schickeles, das seinem Roman "Die Witwe Bosca" eine besondere politisch-ästhetische Stellung zukommen lasse. In ihrem beigefügten Essay übt sich die Verfasserin in der "Kunst des Fährtenlesens", so der Rezensent, geschickt stecke sie das Terrain mit Deleuze und Guattari ab, weshalb Rathgeb halb spöttisch vom "Witwen-Rhizom" spricht, das ein starkes symbolisches Geflecht aufweist. Denn Schickele, behauptet Rathgeb, war schließlich ein "Lyriker in Prosa". Die Herausgeberin Annemarie Post-Martens jedenfalls hat reichlich Ausbeute gemacht, findet Rathgeb, ansonsten sei dem Roman "Die Witwe Bosca" dringend eine Neuauflage zu wünschen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.02.2003

Jürgen Berger vermeldet eine Entdeckung: die politischen Tagebuchnotizen des Elsässer Schriftstellers René Schickele aus den Jahren 1932 und 1933, die jetzt in einer "doppelbändigen textkritischen Ausgabe" vorliegen. Schickele schrieb sie, so Berger, als aufmerksamer Chronist, der in seinem südbadischen Landhaus Zeitung las, Gerüchte reflektierte, Informationen sammelte - über Schriftstellerkollegen, die sich bei den Nazis anbiederten, über die Verfolgung von Linken und Juden. Zusammengefügt ergäben sie ein hellsichtiges Zeitzeugnis. Berger lobt den Kommentarteil der Herausgeberin Annemarie Post-Martens, der die Aufmerksamkeit - und zwar "alles andere als gespreizt-gelehrt" - auf die Person Schickeles lenke, beispielsweise auf seine besondere Beziehung zu den Mann-Brüdern: Mit Heinrich war er befreundet, dem wie er selbst exilierten Thomas war er im Sommer 1933 in Südfrankreich behilflich - und notierte dessen Unwillen, sich die Realitäten in Deutschland wirklich einzugestehen, im letzten seiner blauen Hefte.
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