Peter Stamm

Wir fliegen

Erzählungen
Cover: Wir fliegen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN 9783100751287
Gebunden, 176 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Heidi zeichnet das junge Mädchen, das sie nie gewesen ist. Vor Jahren wollte sie Künstlerin werden, in Wien studieren an der Akademie, aber die Reise ging nur bis Innsbruck. Jetzt hat sie Mann und Kind, die sie nie gewollt hat. Erst durch Carmen, die hübsche Lehrtochter aus der Bäckerei, fängt sie wieder an zu träumen. - Bruno arbeitet seit dreißig gleichmäßigen Jahren als Portier in einem Hotel. Er war beim Arzt, ein schlimmes Ergebnis könnte ihn erwarten. Noch weiß er nichts endgültiges, es ist seine letzte Nacht vor dem Resultat. Aber es wird nichts sein, bestimmt nicht. Für einen Moment ist er ganz glücklich. Es sind diese Momente, in denen sich etwas verändert im Leben, in denen etwas geschieht, man merkt es kaum...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.08.2008

Zwiespältig fällt Pia Reinachers Urteil über diesen Erzählungsband von Peter Stamm aus. Sympathisch ist ihr das Werk des Autors allemal, sie sieht allerdings die Gefahr, dass die immer wiederkehrende inhaltliche Struktur seiner Texte langsam zur Masche wird. Oft nämlich ziehen, so Reinacher, die Erzählungen aus der Überlagerung und Kontrastierung von banaler Realität und kompensatorischer Fantasie ihren Effekt. Hervorragend gelungen sei das im Erstlingsroman "Agnes" und in manchen der vorliegenden Geschichten funktioniere es durchaus auch. Sie nennt insbesondere "Die Erwartung", in der Stamm von einer einsamen Frau erzählt, die sich die Wirklichkeit aufregender denkt. "Erstaunliche Sogwirkung" bescheinigt sie der Erzählung "Drei Schwestern", anderes aber, das Geheimnisse bergen soll, bleibe eher "flaches Abziehbild".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.05.2008

Als literarischen Meister des Scheiterns bezeichnet Rezensent Karl-Markus Gauß den Schweizer Autor Peter Stamm. Dessen zwölf Erzählungen "Wir fliegen" führen ihm die Verzaghtheit als Normalzustand des Menschen vor. Gauß wundert sich über den Klappentext des Bandes, der die Veränderung im zäh fließenden Leben der Figuren hervorhebt. Nach Lesart des Rezensenten bestimmt jedoch einzig das stille Leiden die Figuren, nur in drei der Erzählungen werde so etwas wie ein Aufbruch angedeutet. Gauß möchte dem Autor eine besondere Einfühlung in Frauen und alte Menschen bescheinigen, irritiert den Leser aber mit seiner Aussage, der diskrete Autor ließe sich niemals so ein "aufdringliches Wort" wie "lesbisch" durchgehen. Beispielhaft zeigt der Rezensent anhand der Geschichte "Drei Schwestern", wie eine junge Frau Künstlerin werden will, aber schon am nächsten Bahnhof in die Trostlosigkeit einer  distanzierten Ehe abbiegt. Zwischen dem Ertragen des Lebens und mehr oder minder missglückten Versuchen, sein eigenes Leben zu gestalten, findet der Rezensent aber auch beglückende Momente in diesem Buch.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.04.2008

Helmut Böttigers Bewunderung für Peter Stamm als Meister der kleinen Form bekommt mit dem neuen Erzählungsband neue Nahrung, allerdings sieht er den Autor immer dort scheitern, wo er nach "mehr" strebt. Stamms Spezialität ist die Darstellung des gleichförmigen, unbefriedigenden Lebens, in das die Sehnsucht nach etwas anderem einbricht, meint der Rezensent. Beispielhaft ist ihm die Geschichte "Drei Schwestern", in der eine für die Kunst begabte Schülerin in einer langweiligen Durchschnittsehe landet. Hier zeigt der Autor die souveräne Beherrschung seiner erzählerischen Mittel und ein Gespür für die Ökonomie seiner Geschichte, lobt Böttiger. Seiner zumeist sehr einfachen Sprache gelingt es überzeugend, die inneren Zustände seiner Protagonisten knapp und wirkungsvoll zu schildern, so der Rezensent eingenommen. Umso irritierter ist er deshalb von Stamms Ausflügen in das Pathos, den Kitsch oder ins Plakative, wie es in der letzten Erzählung um einen Maler der Fall ist. Hier und in anderen Geschichten will Stamm zuviel und damit untergräbt er auch die Wirkung der an sich gelungenen Texte, so Böttiger bedauernd.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.04.2008

Einen Meister der Erzählökonomie nennt Christoph Schröder den Autor. Was Peter Stamm aus den "unspektakulären" Geschichten und Existenzen in seinen hier versammelten Erzählungen herausholt, findet er absolut erstaunlich. Derart "knapp, kühl, lakonisch" das Drama einer ganzen Lebensgeschichte zu fassen, funktioniert in Schröders Augen bei Stamm mittels "anmaßender Distanzlosigkeit" selbst noch in der Ich-Erzählerinnen-Perspektive, wie Schröder feststellt. Obgleich Schröder das "verpasste Leben" als ein Grundthema des Bandes erscheint, sieht er in Stamm keinen Apokalyptiker. Der Spalt breit Licht in den Texten ist ihm nicht entgangen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.04.2008

Mit großem Lob bedenkt Beatrice von Matt diese neuen Erzähungen von Peter Stamm. Sie würdigt den Autor als großartigen "Menschenzeichner", der Stimmungen und Anwandlungen subtil zu beschreiben vermag und einen Sinn für "archaische Rituale" habe. Höchst eindringlich findet sie, wie Stamm von ganz gewöhnlichen Menschen, ihrer Unsicherheit, Verlorenheit, Sehnsüchte und Angst schreibt. Oft fühlt sich Matt an Tschechow erinnert, über den Stamm noch hinausgeht in der Darstellung einer "fast erschreckenden Intimität". Die Erzählung "Kinder Gottes" zählt sie zum "Kühnsten", was man in der deutschsprachigen Literatur zur Zeit lesen kann.
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