Andre Heller

Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein

Eine Erzählung
Cover: Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN 9783100302090
Gebunden, 138 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Andre Heller greift Szenen und Begebenheiten seiner Kindheit auf und verwandelt sie in die Geschichte eines Jungen mit funkelnder Phantasie. In einem Asbest-Anzug als erster Mensch in das Innere des Vesuvs hinabzusteigen, um in der glühenden Lava nach Feuerfischen zu suchen, das ist einer von Pauls Plänen. Ein anderer: Weltmeister im Unsichtbarsein. Doch zuvor muss er dem erzkatholischen Internat entfliehen. Als Pauls Vater, der Süßwarenfabrikant und Kommerzialrat Roman Silberstein, zu Tode kommt, darf der Junge in das Elternhaus zurückkehren. Zugleich reisen die jüdischen Onkel aus Übersee zum Begräbnis an und übertreffen einander im Schildern von Anekdoten aus dem merkwürdigen Leben der Silbersteins, einer mondänen und sonderbaren Familie, in der die versunkene kaiserlich und königliche Welt weiterlebt. Andre Heller schreibt eine poetische Erinnerung an ein Kind, eine Industriellendynastie und die schillernde Gesellschaft des Wiener Großbürgertums.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.02.2009

Eine Teufelsaustreibung in eigener Sache nennt Hans Riebsamen Andre Hellers Erzählung. Dass es Heller mit diesem autobiografisch gefärbten Buch über die Loslösung eines Sohnes vom Vater nicht nur gelingt, das Drama seiner eigenen Jugend zu erzählen, sondern dem Ganzen auch echt Heller'schen Zauber und Wiener Morbidität und das Komische der Tragödie angedeihen zu lassen, macht den Text für Riebsamen zum Genuss. Echt Wiener Leichenbegängnisse, Jesuiten-Internat - schlimmer geht's nimmer. Doch bei Heller, darauf kann sich der Rezensent verlassen, wird noch das größte Trauma zu Poesie.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.12.2008

Etwas unbefriedigt hinterlässt Andre Hellers Kindheitserzählung den Rezensenten Jochen Jung. Zu seinem Bedauern gelingt es dem Autor nicht, aus seiner autobiografischen Erzählung heraus einen Bezug zu seinem Schaffen als Unterhaltungskünstler und großen Illusionisten herzustellen, um etwa zu klären, was das Fantastische für ihn bedeute. Dabei hätten die von ihm geschaffenen Kunstwelten einiges mit dem Glück des Kindseins zu tun. Die Erzählung, die in drei Abschnitten von einem Jesuiteninternat, dem nach Wien zurückgekehrten jüdischen Vater und dem Aufbruch in die Welt handelt, bleibt jedoch für den Rezensenten weitgehend in Inszenierungen der Auserwähltheit, Aufsässigkeit und Andersartigkeit des Erzählers stecken, wobei sich Autobiografisches mit Fiktion vermische. Das Versprechen des etwas "verschwommenen" Titels wird durch diese "kleine Erzählung" jedoch für den Rezensenten nicht eingelöst.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.10.2008

Der autobiografische Gehalt von Andre Hellers Erzählung "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein" steht für Paul Jandl außer Frage, denn er erkennt im Internatschüler Paul Silberstein, dessen autoritärer Vater stirbt und der sich in ein "lockiges Mädchen" verliebt, ohne Schwierigkeit den Autor wieder. Die Selbststilisierung als übersensiblen und fantasiebegabten Protagonisten kann den Rezensenten nicht begeistern, und die Worte des kleinen Paul scheinen ihm allzu gesucht und prätentiös. Nur wenn sich der Autor auf die Figur des Vaters konzentriert, "vergisst er sein Ich" und dann gelingt ihm ein tatsächlich fesselndes, authentisches Porträt, lobt Jandl. Wenn Heller sich anstatt auf seinen feinsinnigen Helden auf die Familienbiografie besonnen hätte, hätte aus seinem Buch immerhin ein "passabler Roman" werden können, so der Rezensent verhalten, an der restlichen Erzählung aber vermisst er diese "Qualität" entschieden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.10.2008

Durchaus zufrieden zeigt sich Rezensent Burkard Müller mit Andre Hellers Erzählung "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein". Er räumt ein, dem Buch anfänglich skeptisch begegnet zu sein und nicht allzu viel erwartet zu haben, scheint ihm Heller mit seinen Filmen, Chansons und Zirkusspielen doch oft zu nah am Kitsch. Seine negativen Erwartungen haben sich allerdings nur zum Teil erfüllt. Manche Erlebnisse und Träumereien des elfjährigen Ich-Erzählers dieser Familiengeschichte fallen seines Erachtens einfach keinem Kind ein. Wenn Heller aber aus seiner eigenen Familiengeschichte schöpft und in anekdotischen Episoden vom jüdisch-großbürgerlichen Milieu erzählt, hält er das meist für recht gelungen. Er schätzt die Erzählung vor allem als "Fundgrube des grotesken und schaurigen Witzes". Allerdings fügen sich die einzelnen Episoden in seinen Augen nicht wirklich zu einem Ganzen.
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