Peter Stamm

Ungefähre Landschaft

Roman
Arche Verlag, Zürich - Hamburg 2001
ISBN 9783716022887
Gebunden, 192 Seiten, 18,41 EUR

Klappentext

Der Schauplatz: ein norwegisches Dorf nördlich des Polarkreises. Im Mittelpunkt: Kathrine, die Zöllnerin, 28, zum zweitenmal verheiratet, ein Kind, die eines Tages einfach fortgeht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.09.2001

Eine deutliche Kritik an der Hauptperson und der Handlung und ein (fast) ebenso deutliches Lob des Erzählstils lässt Eberhard Falcke diesem Buch zuteil werden. Die Romanheldin Kathrine lebt in der norwegischen Einöde nördlich des Polarkreises und versucht, ihr trostloses Leben und ihre ebenso trostlose Ehe mit amourösen Abenteuern und einer Reise in den Süden erträglicher zu gestalten, doch die Suche nach Glück bleibt erfolglos. Die "mit großer Kunstfertigkeit durchgeführte Technik", die Stimmungen evoziert ohne sie explizit darzustellen, kann nach Ansicht Falckes nicht darüber hinwegtäuschen, daß Stamm letztlich ebenso wenig Wagnisse eingeht wie seine Titelheldin: Während Kathrine stoisch ihr belangloses Leben lebt, verlasse sich Stamm darauf, daß sein stilistisches Geschick die Handlung schon tragen werde.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.08.2001

In seiner Besprechung porträtiert Ulrich Greiner den Autor Peter Stamm, der nach Ansicht des Rezensenten über die Fähigkeit verfügt, den Leser sehr stark gefangen zu nehmen, obwohl sich in seinen Büchern, so Greiner, "die Dramen der Leidenschaft so geräuschlos ereignen, als läge überall dichter Schnee". Greiner fragt sich nun, worauf diese Suggestion beruht und ob sie von Dauer ist.
1.) Peter Stamm: "Ungefähre Landschaft"
Dieses Buch findet der Rezensent "ganz gut", auch wenn der 1998 erschienene Roman "Agnes" "bedeutend besser" sei. Greiner sucht einen Vergleich aus der Welt der Musik und meint, dass "Ungefähre Landschaften" vor allem Leser ansprechen wird, die sich für die Minimal Musik von Jan Gabarek begeistern können. Das Wichtigste an diesem Roman scheint für den Rezensenten zu sein, dass Stamm die "äußeren Kräfte" darstellt, die das Leben der Protagonistin bestimmen. Gleichzeitig habe Stamm dies mit "heller und leichter Prosa" beschrieben, so dass man als Leser "gerne und wehmütig zuhört", zumal einem so manches vertraut erscheint. Weniger gut scheint der Rezensent zu finden, dass Stamm "allzu sehr auf die Überzeugungskraft einer Archaik (setzt), die von sich aus noch wenig beweist", etwa die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, "ein Zimmer in Manhattan", verschneite Landschaft etc. Das ist für Greiners Geschmack zwar sehr schön, aber auch sentimental.
2.) Ders.: "Blitzeis"
Wie so oft bei Peter Stamm geht es auch hier, so Greiner, um die Liebe - doch nicht unbedingt eine primäre sexuelle Art von Liebe. Eher gehe es um Sehnsüchte, und wenn die Protagonisten die begehrten Frauen bekommen, "so wissen sie nicht mit ihrem Glück umzugehen". Man liebt nach Greiners Diagnose aneinander vorbei und geht wie auseinander. Beeindruckt zeigt sich der Rezensent von Stamms Fähigkeit, die Geschehnisse in seinen Geschichten äußerst kurz und knapp und dennoch eindrucksvoll darzustellen. Es sind seiner Ansicht nach eher Bruchstücke, aus denen die Geschichten bestehen, "aus der Sicht des jeweiligen Subjekts (erzählt), das kaum begreift, was ihm widerfährt, das weniger handelt als erleidet". Ein zweiter wichtiger Aspekt ist für Greiner, dass sich der Erzähler nicht als wissend präsentiert und nicht psychologisiert und deutet, sondern "scheinbar weniger weiß als seine Personen."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.08.2001

Mehr Lob als Kritik erteilt Reto Sorg dem Schriftsteller Peter Stamm für seinen neuen Roman "Ungefähre Landschaft", dessen Protagonistin Kathrine dem Rezensenten wie eine Wiedergängerin der Protagonistin Agnes aus "Blitzeis", dem Romandebüt des Autors, erscheint. Auch hier ist die Geschichte im ewigen Eis angesiedelt, auch Kathrine verlässt den Mann und begibt sich in die Kälte, allerdings nicht, um zu sterben, sondern um einen Kompromiss für das verpfuschte Leben zu finden, referiert der Rezensent den Inhalt. Die Geschichte ist für Sorg eher eine Novelle als ein Roman: Die Handlung sei einfach, werde aber bestechend in faszinierende Landschaftsbeschreibungen, Stimmungsbilder und atmosphärische Momentaufnahmen gebettet. Auch die leichte, nüchterne Sprache Stamms hat dem Rezensenten gefallen. Nur die sprachliche, für Sorg symbolisch überfrachtete Beschwörung des Zwielichts hat ihm missfallen und seine Lesespannung beeinträchtigt. Trotzdem - der neue Roman von Peter Stamm sei ein Kabinettstück, in dem der Autor Vielsagendes und Nichtssagendes poetisch reizvoll verdichtet habe.