Es scheint widersprüchlich: Einerseits erklärt man das Konzept der Nationalliteratur für tot, andererseits hat die Forschung zu Nation, Nationalismus und Nationalstaat Hochkonjunktur. Sicher ist: Der Zusammenhang von Erzählen und nationaler Verortung ist nicht erledigt. Welche Rolle spielt denn aber die Kategorie des Nationalen bei der Tradierung von Imaginationsstrukturen? Und auf welcher (kultur)theoretischen und methodischen Basis lässt sich heute in der westeuropäischen Literaturwissenschaft (wieder) über Nationales sprechen?
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2004
"Knochenarbeit an Geistern", genauer gesagt am Phantom der Nationalliteratur soll mit diesem Band, dem eine Tagung zugrunde liegt, verrichtet werden, so das erklärte Ziel der Herausgeber. Nationalliteratur wird hier begriffen als eine längst überkommene, aber dennoch gebräuchliche Kategorie, der man komparatistisch und kulturwissenschaftlich beikommen will. Rezensentin Esther Kilchmann begrüßt diese Unternehmung, die Literatur als eigenständiges Forschungsmedium ernst nimmt. Hervorragend gelungen findet sie etwa einen Text von Fleur Jaeggy, der sich dem Weiterleben der Sprache der Vorfahren in Kindern widmet. Völlig erschöpfend wird das Phänomen von den Beiträgern wie Robert Schindel, Peter Bichsel und Klaus Theweleit allerdings nicht untersucht, vielmehr scheint das verdienstvolle Unterfangen, das "Gespräch mit den Geistern", fortzusetzen sein.
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