Peter Lange

Vertraute Fremde

Exil in Prag 1933-1939
Cover: Vertraute Fremde
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783690970112
Gebunden, 480 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Wenn sie in Prag über die Hauptstraße gehe, kreuzten mehr Bekannte ihren Weg als in Berlin, schrieb die emigrierte Ärztin und Sozialdemokratin Käte Frankenthal. Tausende deutsche Exilsuchende hatte es nach 1933 in die tchechoslowakische Hauptstadt verschlagen: Ernst und Karola Bloch, Bertolt Brecht, Wilhelm Cassirer, Oskar Maria Graf, Stefan Heym, Leo Kestenberg, Gabriele Tergit und viele mehr. Prag war nicht nur, besonders von Berlin aus, leichter zu erreichen als Paris oder Amsterdam, es war den meisten auch kulturell näher: Man sprach und verstand dort Deutsch. Wie schafften es die Flüchtenden über die Grenze? Wie schlugen sie sich ohne Arbeit und Einkommen durch? Welche neuen Verbindungen entstanden im Exil? Und wohin führten sie ihre Wege, als die Tschechoslowakei zerschlagen wurde? Anhand von vierzig Schicksalen entfaltet Peter Lange ein Panorama des Exils in Prag, das nicht nur der Situation jedes Einzelnen Rechnung trägt, sondern auch Fragen nach Selbstbehauptung, Hilfsbereitschaft und Widerstand in der Fremde ganz neu stellt. Mit Fluchtgeschichten von Wieland Herzfelde, Alfred Kerr, Rudolf Olden, Kurt Grossmann, Bertolt Brecht, Theodor Lessing, Gabriele Tergit, Hans Sahl, Stefan Heym, Rudolf Olden, Arnold Zweig und vielen mehr. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2026

Ein interessantes Buch legt Peter Lange hier vor, findet Rezensentin Alexandra Wach. Der Journalist hat vierzig Lebensläufe deutscher Exilanten recherchiert, die nach der Machtübernahme der Nazis 1933 zuerst nach Prag auswanderten. Wo damals noch eine liberale politische Stimmung herrschte, wodurch die insgesamt vielen Tausend Exilanten zunächst leicht Anschluss fanden. Die mit vielen Querverweisen versehene anekdotengesättigte Darstellung Langes zeigt unter anderem auf, wie politisiert viele der Flüchtlinge waren. Wach geht auf einige der dargestellten Lebensläufe - darunter bekannte Persönlichkeiten wie Stefan Heym, aber auch einige Unbekannte sowie, in vielen Quellen übersehen, Frauen - näher ein, bevor sie mit Lange rekapituliert, wie die Sache endete: oft nicht gut, das Exil bedeutete für viele einen sozialen Abstieg, manchen gelang später die Flucht in die USA oder nach Palästina, andere landeten doch noch in den Händen der Nazis. Einer abschließenden Wertung enthält sich die Rezensentin, die jedoch einiges Lesenswertes im Buch ausfindig gemacht zu haben scheint.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.02.2026

Rezensent Klaus Hillenbrand lobt Peter Langes "glänzendes Geschichtsbuch". Der Journalist widmet sich darin der Flucht vieler Naziverfolgter nach Prag und ihrem dortigen kulturellen und politischen Leben. So liest Hillenbrand von der - später bitter enttäuschten - Hoffnung der Menschen, aus dem Nachbarland gegebenenfalls schnell wieder nach Deutschland zurückkehren zu können; von den prekären Verhältnissen mit bestenfalls unregelmäßigem Einkommen und selbst organisierten Suppenküchen, aber auch von den Bemühungen, "politisch nicht in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen": man engagierte sich bei Exilverlagen wie Graphia, es wurden Flugblätter geschmuggelt und Anschluss bei der Sopade (verwandelte SPD) oder KPD gesucht - auch wenn hier bald Grabenkämpfe dominierten, wie Lange dem Leser ebenfalls vor Augen führe. Wie scharf der Autor Elend und Engagement anhand von Einzelschicksalen in den Blick nehme (z.B. Gabriele Tergit oder Alfred Kerr), imponiert dem Kritiker - und besonders betont er abschließend nochmals: möglich war das alles nur, weil eine "Regierung Flüchtlinge willkommen hieß".

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 25.11.2025

Interessiert liest Rezensent Helmut Böttiger diese Studie über Prag als liberalen Zufluchtsort für NS-Gegner in den Dreißiger Jahren. In kurzen, collage-artigen Szenen folgt der deutsche Journalist und Autor ungefähr 40 ProtagonistInnen auf ihrer Flucht vor der erstarkenden NSDAP und besitzt dabei ein sehr genaues Auge für die historischen Verflechtungen zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland, lobt Böttiger, der dieses Buch in eine Reihe populär-journalistischer Texte über die NS-Zeit stellt. Der Rezensent erfährt von den zunächst unterstützenden Strukturen in Prag unter der Regierung von Staatspräsident Tomáš Masaryk, von Organisationen, die etwa Wohnraum für Flüchtlinge boten, bevor der krankheitsbedingte Rücktritt des Präsidenten 1935 mit einem Prager Rechtsruck zusammenfiel. Ergänzend zu den gelungen beleuchteten national-politischen Strukturen und den Konfliktbildungen innerhalb der Exilantengruppen, findet Böttiger auch viel Plastizität und Nahbarkeit in den Beschreibungen der Einzelschicksale, auch wenn manche darunter etwas zu skizzenhaft ausfallen. Dennoch ein "verdienstvoller Einblick" in diesen Strang der Geschichte, schließt der Kritiker.