Michael Brenner

Jüdische Kultur in der Weimarer Republik

Cover: Jüdische Kultur in der Weimarer Republik
C. H. Beck Verlag, München 2000
ISBN 9783406461217
Gebunden, 340 Seiten, 14,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Holger Fliessbach. Nach dem Ersten Weltkrieg verstärkte sich zwar die jüdische Teilhabe an der deutschen Gesellschaft, doch eine vollständige Assimilation der deutschen Juden fand nicht statt. Im Gegenteil: Wie Michael Brenner in diesem Buch belegt, wurde sich die jüdische Bevölkerung der Weimarer Republik zunehmend ihres Jüdischsein bewusst und schuf in Literatur, Musik und bildenden Künsten, im Bildungswesen und in der Wissenschaft neue Formen einer deutsch-jüdischen Kultur.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.09.2000

In den 20er Jahren sprach man gar von einer "jüdischen Renaissance" in Deutschland, das kulturelle Leben der jüdischen Gemeinde blühte wie nie zuvor; umso schwerer hatten es die Schriftsteller der sogenannten zweiten Generation (d.h. die Kinder der Überlebenden des Holocausts), die in der Bundesrepublik einen literarischen Start am kulturellen Nullpunkt versuchten. Und doch gibt es davon mehr als sich die erste Generation überhaupt vorstellen konnte. Andreas Kilcher berichtet über drei Bücher, die sich der jüdischen Kultur in Deutschland vor und nach 1933 annehmen.
1) Michael Brenner: "Jüdische Kultur in der Weimarer Republik"
Martin Buber sprach von einer "jüdischen Renaissance", die Wissenschaftler heute nennen es "Dissimilation": die Neuerfindung jüdischer Kultur und Tradition zu Beginn dieses Jahrhunderts. Als herausragend bezeichnet Andreas Kilcher die Studie des Münchener Historikers Michael Brenner (warum sie aus dem Englischen übersetzt werden musste, verrät der Rezensent allerdings nicht), der die Jahre der Weimarer Republik untersucht und dem Rezensenten damit zu neuen Einsichten verhilft. Brenner sieht nämlich das Aufblühen des jüdischen Kulturlebens nicht als Folge des schwelenden Antisemitismus und auch nicht als Ausdruck einer angestrengten Akkulturation; er deutet, wie Kilcher berichtet, dieses "goldene Zeitalter" vielmehr als Antwort auf die innerjüdische Erneuerungsbewegung und als Absage an die Anpassungsbemühungen der Vätergeneration.
2) Thomas Nolden: "Junge jüdische Literatur" und
3) Helene Schruff: "Wechselwirkungen"
Mit der jüngsten deutschen Erzählergeneration jüdischer Herkunft befassen sich gleich zwei Bücher, die Kilcher ohne nennenswerte qualitative Unterscheidung und Wertung rezensiert. Beiden Bücher sei gemeinsam, dass sich ihre Protagonisten - die deutsch-jüdischen Autoren und Autorinnen der "zweiten Generation" wie Honigmann, Biller, Lustiger, Menasse, Schindel, Dischereit - "ex negativo" bestimmen; denn wo sollten sie auch anknüpfen, fragt Kilcher. Sie müssten den Verlust der eigenen Tradition in Deutschland verschmerzen, außerdem fehle ihnen die positive Identifikation mit ihrer Heimat Deutschland. Helen Schruff hat laut Kilcher ihren Blick weiter schweifen lassen. Schließlich müssten sich diese Autoren auch international orientieren und damit auseinandersetzen, dass es mittlerweile ebenso eine jüdische Literatur in Israel gebe wie in Amerika, was der Neuorientierung in Deutschland schlimmstenfalls entgegen und bestenfalls zur Seite stehe.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.08.2000

Sehr angetan ist Julius H. Schoeps von dieser Studie zur jüdischen Kultur in der Weimarer Republik. Der Autor sei sich der Problematik bewusst, jüdische Kultur zu definieren, lege jedoch überzeugend dar, dass nicht jeder, der jüdischer Herkunft ist, auch eine spezifisch jüdische Kultur hervorgebracht hat. Dafür mache Brenner zu recht den Anpassungsprozeß verantwortlich, den die Mehrheit der deutschen Juden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durchgemacht haben. Der Rezensent lobt das Buch als "brillant konzipierte Studie" und hat mit besonderer Spannung den Teil über die Auswirkungen der Weimarer Moderne auf die jüdische Kultur gelesen, eine Frage, die gemeinhin stets anders herum gestellt würde: nämlich wie die jüdische Kultur die Weimarer Moderne beeinflusst hat. Die Studie mache deutlich, wie beispielsweise Schönberg in die Synagogenliturgie oder das Bauhaus in die Synagogenarchitektur Eingang gefunden hätten, so der Rezensent begeistert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.07.2000

Der Vorzug der Studie von Michael Brenner, so Thomas Krüger, ist ihre Konzentration auf das Eigenständige der jüdischen Kultur in der Weimarer Republik. Der Rezensent ist des Lobes voll über die Genauigkeit, mit der der Versuch der Rückbesinnung auf jüdische Identität im Bezug auf Eric Hobsbawm als ihre Neuerfindung beschrieben wird. Die Einbettung in die Chronologie, und damit die Schilderung der Vorgeschichte seit dem 18. Jahrhundert überzeugt den Rezensenten ebenso wie die Konkretion durch die Konzentration auf Biografien (Buber, Rosenzweig, Scholem und andere). Eine Schattenseite habe die Betonung der Eigenständigkeit freilich: die "Wechselwirkungen" mit der Gesellschaft gerieten dabei allzu leicht aus dem Blickfeld.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.04.2000

Kurt Oesterle scheint damit zu rechnen, dass dieses Buch einigen Staub aufwirbeln wird. Denn Brenner bewegt sich seiner Ansicht nach einerseits "auf Terrain, das bestens bekannt schien", gleichzeitig habe der Beitrag aufgrund der zahlreichen und ungewöhnlichen Quellen - wie der Rezensent findet - die Kraft, "Mythen und Fehlurteile umzustürzen". Ein wichtiger Aspekt des Buches sei dabei, dass Brenner hinsichtlich jüdischen Selbstbewusstseins nicht allein die Beziehung von Juden und Deutschen beleuchte, sondern einen "von dialektischen Sprüngen gezeichneten Prozess mehrfacher Wechselwirkung" aufzeigt - beispielsweise auch den der Juden untereinander. Interessant erscheinen Oesterle dabei vor allem Brenners Ausführungen darüber, inwiefern die Moderne Juden Möglichkeiten für ein Gefühl von Authentizität eröffnet hat. So habe die Atonalität in der Musik eine Emanzipation von der "von christlicher Kirchenmusik entliehenen Harmonik" eröffnet. An anderer Stelle hebt Oesterle Brenners Ausführungen über jüdische Identität hervor, die sich jenseits von Konfession und "Abstammungsgemeinschaft" herausbildete, sondern vielmehr aus dem "Verlangen, jüdische `Sonderart` zu leben und zu erhalten" entstanden ist.
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