Fragmente meines Lebens
Die Lebenserinnerungen des bedeutenden Soziologen des Holocaust

Jüdischer Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783633543311
Gebunden, 302 Seiten, 30,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Ursula Kömen. Herausgegeben von Izabela Wagner. Zygmunt Bauman (1925-2017) gilt als einer der bedeutendsten Soziologen der Gegenwart, sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts - Krieg, Antisemitismus, Flucht und Emigration - prägten sein Leben. Fragmente meines Lebens verbindet Briefe an seine Töchter und andere Texte mit autobiografischem Charakter zu einer fesselnden Erzählung über Baumans Leben, die erstmals auch tiefe Einblicke in das Privatleben des großen Soziologen gewährt."Das erste Leben ist vergänglich. Das zweite - das erzählte - bleibt; und diese Form des Seins ist eine Eintrittskarte in die Ewigkeit. Im ersten kannst du nichts korrigieren; im zweiten - alles."
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.08.2024
Der berühmte Soziologe Zygmunt Bauman hatte ein sehr bewegtes Leben, von dem Rezensent Gerhard Gnauck jetzt in einer von Izabela Wagner herausgegebenen Autobiografie lesen kann, die aus Erinnerungsfragmenten besteht. So "schonungslos wie amüsant" erzählt Bauman zunächst von seiner Kindheit in Polen zwischen Assimilation und Judentum, der Flucht vor den Nazis und der schließlichen Rückkehr in die Heimat. Lange glaubte der junge Bauman an den Sozialismus, was der ältere seinem jüngeren Ich ankreidet. An seine Arbeit für den sowjetischen Geheimdienst will sich der Soziologe allerdings nicht erinnern, was der Rezensent irritierend findet. Trotzdem verfolgt er die Erinnerungen des großen Wissenschaftlers mit Interesse.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 17.08.2024
Rezensent und Soziologe Jens Kastner findet mit den von Izabela Wagner zusammengestellten Texten Zygmunt Baumans keine klassische Biografie, aber doch eine aufschlussreiche Textsammlung vor. Der polnisch-jüdische Soziologe tauche darin nicht wie in anderen "Intellektuellenbiografien" üblich in eigene oder andere Theorien, sondern tief in seine Kindheit und Jugend in Polen während und nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Besonders interessant, auch in Hinblick auf seine Theorieansätze, findet der Kritiker dabei etwa Baumans Schilderungen zum speziell polnischen Antisemitismus, der für Bauman schlimmer als alle anderen Ausprägungen des Antisemitismus war, oder seine Skepsis gegenüber Gruppen und "Herden", nicht zuletzt im akademischen Bereich. Auch wie Baumann seine langsame Abkehr vom Kommunismus beschreibt - 20017 noch war er als "Stalinist" in die Kritik geraten, weiß Kastner -, findet der Kritiker lesenswert, auch wenn er die anschließend von Bauman entwickelten totalitarismustheoretischen Thesen ebenfalls "etwas fraglich" findet. Insgesamt aber ein biografisches Buch, das Bauman und seine Theorien besser verstehen lässt, vermittelt er.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 25.06.2024
Für ein "literarisches Ereignis" hält Rezensent Marko Martin den Band mit persönlichen Aufzeichnungen und Essays des jüdischen Soziologen Zygmunt Bauman. Persönliche Erfahrung und Zeitgeschichte verbinden sich hier: Bauman erzähle nicht nur von seinen Erfahrungen im gerade unabhängig gewordenen Polen, das den Juden mit Misstrauen begegnete, sondern arbeitet für Martin auch "differenziert" die Stellung der Juden im sowjetischen Gebiet heraus, wo sie im Gegensatz zur deutschen Besatzungszone Überlebenschancen hatten. Weniger gefällt Martin der zweite Teil des Buches, in dem Bauman gegen die Praxis der Öffnung von Geheimdienstakten in Polen nach der Wende polemisiert, eine Auseinandersetzung mit seiner Arbeit als Politoffizier im Ministerium für Öffentliche Sicherheit, seinen Parteiaustritt 1968, die darauf folgende antisemitische Hetze und seine Emigration nach Israel aber ausspart. Dennoch zeigt sich Martin berührt von der Schilderung der Liebesgeschichte mit seiner Frau Janina, und auch wenn der Rezensent es bedauert, dass verschiedene biografische Aspekte nicht benannt werden, hält er Baumans Erinnerungen für ein "beeindruckendes" Buch.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.05.2024
Rezensent Guido Kalberer zeigt sich enttäuscht von Zygmunt Baumans autobiografischen Texten. Dass der gern moralisch (ver-)urteilende Soziologe sich nicht dazu durchringen kann, seine ausgiebige Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst und sein jahrelanges Schweigen darüber deutlich zu erklären bzw. sich dafür zu entschuldigen, erscheint Kalberer schwach und traurig. Weitgehend frei von Selbstkritik, schmallippig und "wenig reflektiert" tritt ihm der Autor in diesen Texten entgegen, wenn er den Sozialismus nicht als Ganzes kritisiert, sondern nur sein mangelhaftes Funktionieren. Befremdlich findet Kalberer schließlich auch, dass Bauman seine Akte nie einsehen wollte.