Martin Mulsow

Prekäres Wissen

Eine andere Ideengeschichte der Frühen Neuzeit
Cover: Prekäres Wissen
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
ISBN 9783518585832
Gebunden, 556 Seiten, 39,95 EUR

Klappentext

Mit zahlreichen, zum Teil farbigen Abbildungen. Die Debatte um die Gestalt einer Wissensgeschichte des neuzeitlichen Europa bedarf der Korrektur. Es ist an der Zeit, endlich auch die prekäre Seite zu beleuchten: die Unsicherheit und Gefährdung bestimmter Theorie- und Wissensbestände, den heiklen Status ihres Trägermaterials, die Reaktion auf Bedrohung und Verlust, das Risiko häretischen Transfers. Martin Mulsow begibt sich auf die Spur dieses prekären Wissens mit dem Ziel, es in seiner Bedeutung für den Prozess der europäischen Wissensgeschichte zu rehabilitieren. In materialreichen Fallstudien, die den Zeitraum von der Renaissance bis zur Aufklärung umspannen, präsentiert er die Taktiken, die Intellektuelle ersonnen haben, um mit diesen Fährnissen leben zu können, ihre Rückzugsgesten, ihre Ängste, aber auch ihre Ermutigungen und Versuche, verlorenes Wissen wieder zurückzugewinnen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.04.2013

Florian Welle scheint richtig dankbar über die Leistung des Verfassers zu sein. Wozu immer wieder über Descartes, Leibniz oder Hume lesen? Der Theologe Christoph August Herrmann oder der Jurist Theodor Ludwig Lau sind doch auch interessant. Wenn Martin Mulsow diese und andere vergessene Gelehrte in unseren Gesichtskreis stellt und seine "andere Ideengeschichte" mit ihnen bevölkert, lernt Welle nicht nur über die Unsicherheit von Wissen, sondern auch über prekäre Lebensumstände und die Gefährdung des Wissenstransfers. Dass Mulsow seine begeistert notierten Fallgeschichten immer wieder an übergreifende Fragestellungen zurückbindet, seine Monografie so für Spezialisten und Laien gleichermaßen urbar macht und dem Leser eine Menge Aha-Effekte beschert, macht das Buch für Welle so empfehlenswert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 31.12.2012

Von Martin Mulsow lässt sich Dirk Pilz die Schönheit prekären Wissens erklären, auch Laien kommen mit diesem Buch in den Genuss, meint er. Dabei stellt der Rezensent fest, dass der Autor sich nicht auf Marx und seine "Geschichte von unten" beruft, sondern auf die Uneindeutigkeit von Wissen und Wahrheit abhebt und das Wissensprekariat außer bei Freimaurern und Radikalaufklärern auch in den bourgeoisen Gelehrtenzirkeln aufstöbert. Nicht um Wahrheit geht es Mulsow, wie Pilz herausfindet, sondern um Handlungsmotivationen, und die ergeben sich auch aus falschem Wissen beziehungsweise einer Art Gegen-Wissen, lernt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.12.2012

Leider hat der Verlag die Illustrationen mitunter so klein gedruckt, dass Caspar Hirschi vermutet, es gehe darum, das verborgene oder prekäre Wissen, auf dessen Sichtbarmachung es dem Autor doch ankommt, wiederum zu verbergen. Vergnügen hat ihm der Band des Frühneuzeithistorikers Martin Mulsow dennoch bereitet. Durch reiches, rares Material aus den Archiven und dessen Interpretation, durch Intellekt und sprachliche Eleganz. Der Autor, erläutert Hirschi, schließt mit diesem Buch an vorhergehende Arbeiten zu Freidenkern an, pflegt einen historisch möglichst wertneutralen Wissensbegriff und dehnt seine Untersuchung von ca. 1700 bis in unsere Zeit des digitalsierten, darum nicht weniger, eher prekäreren Wissens aus. Außer von den schrägen Vögeln des Wissens, die reichlich vorkommen, hätte Hirschi gerne mehr zum Thema Zensur erfahren, doch dieses Wissen behält der Autor für sich.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2012

Mit großem Interesse hat Rezensent Daniel Jütte diese Studie des Frühneuzeithistorikers Martin Mulsow gelesen, der sich darin dem gelehrten Prekariat widmet. Dabei, stellt Jütte klar, geht es Mulsow nicht um eine Geschichte von oben und unten, zumindest nicht in ökonomischer Hinsicht, sondern eher in Fragen des wissenschaftlichen Status. Von der Wissensbourgeoisie, die an der Universität fest ordiniert war oder gesicherte Publikationsmöglichkeiten hatte, trennt er das Wissensprekariat, dessen Theorien und Erkenntnisse stets dadurch wieder aus der Welt zu verschwinden drohten, da sie so schwer fixiert werden konnten oder nur im Geheimen. Die Geschichte dieser teils ungestümen, teils eigenbrötlerischen Denker erzählt Mulsow für den Rezensenten auf sehr spannende Weise, und mit großer Gelehrsamkeit.