Marie Luise Kaschnitz

Marie Luise Kaschnitz: Tagebücher aus den Jahren 1936-1966

2 Bände
Cover: Marie Luise Kaschnitz: Tagebücher aus den Jahren 1936-1966
Insel Verlag, Frankfurt am Main 1999
ISBN 9783458169710
Gebunden, 1300 Seiten, 75,67 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Christian Büttrich, Marianne Büttrich und Iris Schnebel-Kaschnitz. Mit einem Nachwort von Arnold Stadler.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.09.2000

In einer sehr ausführlichen Besprechung begrüßt Hanns-Josef Ortheil euphorisch die Herausgabe von Kaschnitz` Tagebüchern. Die Aufzeichnungen sind keine Selbstauskunft über das Innenleben, sie enthalten so gut wie nichts "Intimes" und sind keine psychischen Auseinandersetzung mit der Außenwelt, stellt der Rezensent fest. Stattdessen sei das Tagebuch ein Reservoir von "Weltbrocken", die dann in den Prosawerken der Autorin weiterverarbeitet wurden. Ortheil schwärmt von den Tagebüchern als "poetisches Wunderwerk", die die literarische Entwicklung Kaschnitz` verständlich machten. Zudem lobt er begeistert den Anmerkungsapparat der Herausgeber, der manch rätselhafte Stelle erhelle und zum Verständnis unbedingt erforderlich sei. So könne es passieren, dass man sich im Anmerkungsteil geradezu festlese, denn er enthalte "Geschichten" und mache die "Doppelbödigkeit" mancher Eintragungen der Autorin transparent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.04.2000

Ist Albert von Schirnding zunächst auch etwas enttäuscht von den Tagebüchern Kaschnitz`, weil sie seiner Ansicht nach keine wirkliche persönlichen Einsichten in das "authentische Ich" der Schriftstellerin bieten, so erkennt er doch ihren Wert im Vergleich mit dem literarischen Werk. Die eher "Merkbücher" als Tagebücher zu nennenden Schriften, so Schirnding, erlauben "hochinteressante und bewegende Einblicke in das Verwandlungswunder", nämlich der poetischen Verdichtung von Alltag und persönlicher Erfahrung im literarischen Werk. Diese Beobachtung entkräftet dann auch die vom Rezensenten anfangs geäußerte Vermutung, die Publikation der Tagebücher sei "überflüssig".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.12.1999

Günter Ohnemus hat hier "wieder einmal die Erfahrung gemacht, dass Langeweile, bevor sie tödlich wird, ein sehr schmerzhafter Vorgang ist", womit sein vernichtendes Urteil unmissverständlich gefällt ist. Deutlich macht er seinem Unmut Luft über Kaschnitz` Auflistungen von Blumensorten in der Gärtnerei und Bildern im Museum. "Inventarlisten" nennt Ohnemus das und fragt: "Wer will das lesen?" Was Ohnemus wesentlich mehr interessieren würde, nämlich Kaschnitz` Eindrücke und Einschätzungen während der Zeit des Nationalsozialismus, komme dagegen in den Tagbüchern fast gar nicht vor. Aus "Angst vor Entdeckung" und Papiermangel habe Kaschnitz - so ihre Biografin Dagmar von Gersdorff - dazu schriftlich kaum etwas festgehalten. Dies mag Ohnemus jedoch nur teilweise akzeptieren und findet, dass kleine Anmerkungen, Andeutungen zwischen den Zeilen, durchaus hätten möglich sein müssen. Aber nicht alles findet Ohnemus in diesen Tagebüchern langweilig: Etwa 200 von 1344 Seiten dieser Veröffentlichung findet er durchaus lesenswert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1999

Gerade das "Punktuelle" und Unfertige gefällt Walter Hinck an den Tagebuchnotizen der Lyrikerin. Mit Sympathie zeichnet er ihren Weg nach - geboren in der Hocharistokratie, angeekelt vom Nationalsozialismus, allem Neuen in der Kunst aufgeschlossen, aber auf selbstverständliche Art, so Hinck, weltläufig und den Kontakt mit den wichtigsten Künstlern und Intellektuellen ihrer Zeit pflegend. Hinck weist auf die Bedeutung hin, die sie für Paul Celan hatte, für den sie die Preisrede hielt, als er den Büchner-Preis erhielt. Auch die Freundschaft zu Adorno finde in einigen Einträgen Eingang in dieses Tagebuch. Im übrigen lobt Hinck das Tagebuch als "Vorratskammer" und "Rohstofflager" für ihre Dichtung. Wer ihre Gedichte kenne, so Hinck werde hier auf interessante Urformen und Skizzen treffen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.10.1999

Diese Rezension ist ein Glücksfall. Ina Hartwig schreibt klug und kenntnisreich, von ungeheurer Sympathie für Marie Luise Kaschnitz geleitet, ohne dabei aufdringlich zu werden. Sie hat aufmerksam gelesen und kann viel erklären. Ausdrücklich lobt sie die "vorzügliche Edition". In ruhigem Ton führt Hartwig in das Leben der Kaschnitz ein, in ihr Leben und Werk sowie in die Gattung "Tagebuch". Auffallend ist für Hartwig, dass Kaschnitz ihre schriftstellerischen Erfolge genauso vornehm verschweigt wie ihr Innenleben: "Für die geborene Freifrau sind Leidenschaft oder erotische Abhängigkeit kein Anlaß zur Selbstdarstellung." Nicht skupellose Indiskretion hält einen bei diesem Tagebuch in Atem, sondern, wie Hartwig meint, dass "hier eine tapfere, disziplinierte und sehr intelligente Frau versucht, einfach nur ein Mensch zu sein - beziehungsweise es zu bleiben".

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