Peter Szondi (1929-71) genießt in der Intellektuellengeschichte der Nachkriegszeit den Status einer Legende. Er ist einer der einflussreichsten Literaturwissenschaftler dieser Jahrzehnte und hat weit darüber hinaus gewirkt. Nicht nur seine bahnbrechenden Studien, sondern auch seine Freundschaft zu Theodor W. Adorno, Gershom Scholem, Paul Celan, Jacques Derrida und anderen, seine Geschichte als Shoah-Überlebender, sein Engagement im West-Berlin der Sechzigerjahre, seine intellektuelle Verve, sein dezentes und doch charismatisches Auftreten haben dazu beigetragen. Dieses Buch unternimmt den Versuch, Leben, Werk und intellektuelle Wirkung Szondis zusammenzuführen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.06.2020
Mit großer Sympathie für den Gegenstand des Buches, also Szondi, aber auch für die Vorgehensweise seines Biografen bespricht Annette Wolf dieses Buch. Ihr gefällt, wie Riechers herausarbeitet, von welchen Einflüssen sich der Protagonist hatte befreien müssen - aber auch, in welche Richtung er ging. Prüfstein seiner Hermeneutik war immer die "Treue" zu den jüdischen Opfern der Geschichte. Und ihr gefällt auch, wie sich Riechers der Psychologisierung Szondis entzieht. Allerdings bedauert sie auch auf vorsichtige Weise, dass der Autor die szondische Methode nicht anwendet, wo es darum gehen könnte, die Dialektik von Persönlichkeit und Geschichte an eben seinem Beispiel zu exemplifizieren. Besonders positiv hervorgehoben wird von ihr dann wieder Riechers Erkundung der Bedeutung von Schlegel in Szondis Denken. Dessen "Plädoyer für das Unvollendete" und die "Unverständlichkeit des Unverständlichen" hat es sowohl Szondi als auch Riechers und Annette Wolf angetan.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.06.2020
Lobend bespricht Rezensent Jörg Später dieses Buch, dass eine Biografie des Germanisten Peter Szondi ist, obwohl es auch als germanistische Dissertation ihres Verfassers diente. Deutlich wird dem Rezensenten hier eine Art heimliches Dreigestirn aus Adorno, Szondi und Celan, das für neue, radikale Töne in der Lyrik sowie in der Betrachtung von Ästhetik in den 1960er Jahre verantwortlich war und dort auf offene Ohren der nächsten Studentengeneration stieß. Herausgearbeitet wird, so der beeindruckte Kritiker, wie stark nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern auch in der Germanistik die alten, vom NS geprägten Herren den Ton angaben und wie schwer es war, gegen sie anzukommen. Dramatisch das Ende eines seelisch schwer von der Überlebensschuld nach der Shoah beschädigten Lebens; nach dem Tod der Freunde - Adorno starb 1969 und Paul Celan ertränkte sich 1970 - machte Szondi seinem Leben ein Ende.
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