Marie-Janine Calic

Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert

Cover: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert
C. H. Beck Verlag, München 2010
ISBN 9783406606465
Gebunden, 415 Seiten, 26,95 EUR

Klappentext

Warum ist Jugoslawien zerfallen? War der gewaltsame Untergang unvermeidlich? Warum hat der heterogene Staat dann überhaupt so lange überlebt? Dieses Buch analysiert, warum und unter welchen Umständen Jugoslawien entstand, was den Vielvölkerstaat über siebzig Jahre zusammenhielt und weshalb er sich schließlich gewaltsam auflöste. Im Mittelpunkt stehen die um die Wende zum 20. Jahrhundert einsetzenden fundamentalen Wandlungsprozesse, die die Ideologien, politischen Systeme, wirtschaftlich-sozialen Beziehungen sowie die Lebensweisen in ganz Europa nachhaltig prägten und auch Jugoslawien im Laufe des 20. Jahrhunderts von einer Agrar- in eine moderne Industriegesellschaft verwandelten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.01.2011

Für Lothar Höbelt strotzt Marie-Janine Calics Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert vor gedanklichen Widersprüchen, naiven Verkürzungen und Fehlurteilen, und er signalisiert nur an wenigen Stellen verhaltene Zustimmung zur Darstellung. Kritischen Umgang mit den Quellen vermisse er bei der Autorin ebenso, wie eine Reflexion ihrer "nationaler Stereotypen", die sie andernorts ablehne, moniert der Rezensent. Den marxistisch-leninistischen Jargon, den Calic nach seinem Dafürhalten an den Tag legt, findet der der FPÖ nahe stehende Historiker schwer goutierbar, und allein die "postindustrielle Gesellschaft" für den Zerfall Jugoslawien verantwortlich zu machen, reicht ihm bei Weitem nicht aus. Immerhin, den, wie er betont, auf eigenen Forschungen beruhenden, sozialgeschichtlichen Überlegungen der Autorin kann er einiges abgewinnen, wenn sie ihm auch nicht weit und tief genug gehen, und Calics Schilderung der historischen Atmosphäre des19. Jahrhunderts sind für ihn zumindest "interessant". Am Ende signalisiert Höbelt zwar Nachsicht für die von ihm kritisierten sprachlichen Schwächen des Buches, immerhin sei die Autorin keine deutsche Muttersprachlerin. Bei aller Emphase, die Calic in ihre Darstellung gelegt habe, könne sie aber wegen ihres "naiven Pathos" selbst dort nicht überzeugen, wo sie im Prinzip richtig liege, so der Rezensent ablehnend.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.12.2010

Was das war, Jugoslawien, ein durchaus nicht künstliches Konstrukt von immerhin einigem Bestand  - in der Gesamtschau über den südslawischen Vielvölkerstaat, die die Historikerin Marie-Janine Calic erarbeitet hat, kann Renate Wiggershaus es nachlesen. Verdienstvoll erscheint ihr nicht nur der weite Bogen der Darstellung, von der Vorgeschichte der Staatenbildung bis zum Zerfall, sondern auch die von der Autorin vermittelte Erkenntnis, dass es sich bei der Geschichte Jugoslawiens um eine, wenngleich komplexe, Form des Wandels agrarischer Gesellschaften zu Industriegesellschaften handelt, ein gesamteuropäisches Phänomen also. Calics dementsprechende Kernthese, nicht Völkerhass, sondern die politische Instrumentalisierung von Differenz in der Massengesellschaft des 20. Jahrhunderts habe den Vielvölkerstaat zerstört, scheint Wiggershaus einzuleuchten.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.10.2010

Rezensentin Doris Akrap gefällt sehr gut, was die Münchner Geschichtsprofessorin Marie-Janine Calic zur Geschichte Jugoslawiens im letzten Jahrhundert schreibt. Sie lobt, dass Calic zum Beispiel mit dem "Mythos" aufräume, das Land sei ein ethnisch zu heterogenes, "künstliches Gebilde" gewesen. Stattdessen analysiert sie die tatsächlichen Konfliktlinien und wirtschaftlichen Probleme des Landes, die dann erst von den Konfliktparteien in "ethnonationale" Kategorien umgedeutet wurden. Das Land ist nicht an jahrhundertealten ehtnischen Konflikten zerbrochen, lernt Akrap, sondern aus aktuellen sozioökonomischen. Das findet sie zugleich "komprimiert" und "facettenreich".