Hannes Grandits (Hg.), Karl Kaser (Hg.)

Birnbaum der Tränen

Lebensgeschichtliche Erzählungen aus dem alten Jugoslawien
Cover: Birnbaum der Tränen
Böhlau Verlag, Wien 2003
ISBN 9783205992301
Gebunden, 232 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Migration, Abschied von Familien und Freunden, Sehnsucht nach Zuhause und das Leben in der Fremde sind Erfahrungen, die viele Tausende Angehörige jeder Generation im Verlauf dieses Jahrhunderts gemacht haben. Der "Birnbaum der Tränen" stand am Rande eines makedonischen Dorfes, an dem sich die Wanderarbeiter von ihren Familien verabschiedeten. Er wird in der vorliegenden Sammlung von Autobiografien zum Symbol, das mehr Einsichten über das Leben von einfachen Menschen vermittelt als jedes Geschichtebuch. Menschen aus allen ehemaligen Republiken Jugoslawiens - Frauen und Männer, Angehörige islamischen, orthodoxen und katholischen Bekenntnisses - berichten über ihr Leben und das ihrer Vorfahren. Sie bringen uns ihre individuelle Sichtweise über einen Staat nahe, den es damals galt aufzubauen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2003

Eine in "vielerlei Hinsicht ungewöhnlichen Textsammlung" erblickt Rezensent Rolf Wörsdörfer in diesem Band, der "lebensgeschichtliche Erzählungen aus dem alten Jugoslawien" versammelt. Wie Wörsdörfer berichtet, haben die Herausgeber Hannes Grandits und Karl Kaser siebzehn Texte aus der umfangreichen Sammlung des amerikanischen Anthropologen Joel M. Halpern zusammengestellt und übersetzt. Dieser hatte um 1960 mit einem Team von einheimischen Historikern und Ethnologen die disparaten Erfahrungen von Menschen aufgezeichnet, die zum großen Teil im Jugoslawien der Zwischenkriegszeit aufgewachsen waren. Tatsächlich könnten die hier versammelten Geschichten nach Ansicht Wörsdörfers kaum verschiedener sein: neben einer slowenischen Familiensaga finden sich etwa Erinnerungen von serbischen und montenegrinischen Kriegsveteranen oder die Schilderung der Welt junger Mädchen aus der muslimischen Oberschicht Sarajevos. Doch bei aller Unterschiedlichkeit haben die Geschichten eines gemeinsam: "Immer", findet der Rezensent, "wecken diese Geschichten das Interesse des Lesers und die Bereitschaft, Anteil zu nehmen".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.06.2003

Die Erosion Jugoslawien ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass es nicht einmal mehr als Name für den Bundesstaat existent ist. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch mit der Föderation von Serbien und Montenegro der letzte Rest der jugoslawischen Idee Titos Geschichte wird. Einen Blick auf das Land vor der Selbstauflösung und den damit verbunden Kriegen bietet das vorliegende Buch, von dem der Rezensent mit dem Kürzel "HEH" begeistert ist. In siebzehn exemplarischen Lebensgeschichten aus allen Teilen Ex-Jugoslawiens - aufgenommen in den 50-er und 60-er Jahren - zeigen die Autoren auf, "dass sich die Geschichte Jugoslawiens auch lebensweltlich im Spannungsfeld zwischen Modernisierung und Nationalismus bewegte". Etwas vergleichbares gäbe es bisher nicht, meint der Rezensent und resümiert, dass das Buch deshalb so lesenswert sei, weil es eben nicht durch die blutigen Ereignisse der letzten zwölf Jahre gebrochen ist. So biete es einen ungetrübten Blick auf das, woher Jugoslawien kam, was es war und was es hätte sein können.