Louis Kaplan

Vom jüdischen Witz zum Judenwitz

Eine Kunst wird entwendet
Cover: Vom jüdischen Witz zum Judenwitz
Die Andere Bibliothek, Berlin 2021
ISBN 9783847704393
Gebunden, 300 Seiten, 44,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Jacqueline Csuss. Louis Kaplan bestellt ein vielfach umgepflügtes Feld, das spätestens seit Sigmund Freuds Behandlung des jüdischen Witzes in seiner Studie Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten von 1905 zu einer regelrechten Wissenschaft geworden ist: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschien eine ganze Reihe von mal philosophischen, mal psychoanalytischen, mal soziologischen Abhandlungen, die allesamt zum Ziel hatten, den Zauber oder Gehalt dessen zu erklären, was den Schreibern Rätsel aufgab: das "vielgestaltige Wesen des jüdischen Witzes". Diesen kulturhistorischen, politisch-literarischen und geistesgeschichtlichen Verwicklungen geht Kaplan nach. Er erzählt eine vor allem jüdisch-deutsche Geschichte von Assimilation und Ausgrenzung, Emanzipation und Übernahme kultureller "Codes" und nicht zuletzt vom Antisemitismus, der an der unbestimmten Grenze zwischen "jüdischem Witz" und "Judenwitz" wuchs und gedieh. Das 19. Jahrhundert und das erste Drittel des 20. Jahrhunderts sind in deutschsprachigen Ländern voll von Witzbüchern, Kabarettstücken und ganzen Vaudeville-Programmen, die eine je unterschiedliche Art dessen vorstellen, was als "jüdischer" Schalk und Scherz vorgestellt - oder dafür gehalten worden ist. Der Vorwurf an die Adresse der jüdischen Schwank- und Witzerzähler lautete zu jeder Epoche gleich: dass sie nämlich mit ihren selbstironischen oder gegen sich und andere Juden gerichteten Späßen den Antisemiten Waffen an die Hand gäben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2021

Rezensentin Alexandra Wach liest das Buch des Medientheoretikers Louis Kaplan mit Interesse. Die Geschichte des jüdischen Witzes misst der Autor laut Wach großzügig aus, von Salomon Aschers Witzbuch von 1810 über Freud bis zu den Shitstorms gegen jüdische Comedians. Erhellend findet Wach Kaplans Darstellung unter anderem, weil der Autor (etwa bei Siegfried Kadner) die Ambivalenz des jüdischen Witzes herausarbeitet zwischen Selbstironie und Antisemitismus. Wie sich diese auch nach der Schoa fortsetzt, zum Beispiel in "kathartischen" Witzen über das deutsch-jüdische Verhältnis, erfährt Wach im Buch auch.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 09.08.2021

Rezensent Tobias Lehmkuhl lernt mit Louis Kaplans Studie die Janusköpfigkeit des jüdischen Witzes kennen, die in dem Umstand begründet liegt, dass sich die befreiende jüdische Selbstironie in Antisemitismus verwandeln kann. Die Rolle des Witzes in den Konflikten um jüdische Identität in den zwanziger und dreißiger Jahren thematisiert der Autor laut Lehmkuhl ebenso wie seine Rolle in der NS-Propaganda und in der Nachkriegszeit. Einen blinden Fleck der ansonsten scharfen und den Blick schärfenden Analyse erkennt der Rezensent darin, dass sie nicht thematisiert, welche Funktion dem Witz in der Trauerarbeit nach dem Holocaust zukam und was genau eigentlich betrauert wurde.

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