Karl Schlögel

Der Duft der Imperien

"Chanel No 5" und "Rotes Moskau"
Cover: Der Duft der Imperien
Carl Hanser Verlag, München 2020
ISBN 9783446265820
Gebunden, 224 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Mit Abbildungen. Kann ein Tropfen Parfüm die Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählen? Karl Schlögel entwickelt einen ungewöhnlichen Zugang zur Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Kann ein Duft Geschichte aufbewahren? Zwei Parfums liefern Karl Schlögel den Stoff, die europäischen Abgründe des 20. Jahrhunderts neu zu erzählen. Durch die Turbulenzen der Revolution gelangte die Formel für einen Duft, der zum 300. Kronjubiläum der Romanows kreiert worden war, nach Frankreich. Er lieferte die Grundlage für Coco Chanels Nº 5 und für sein sowjetisches Pendant Rotes Moskau, das bis heute unter diesem Namen produziert wird. Verantwortlich für die Parfümindustrie war Polina Schemtschuschina, die Frau des Außenministers Molotow. Sie fiel später einer Säuberungskampagne zum Opfer - und Coco Chanel kollaborierte mit den deutschen Besatzern. Ein unscheinbarer Zufall führt Karl Schlögel zu erstaunlichen Entdeckungen in einer Epoche, die wir gründlich zu kennen glaubten.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 21.03.2020

Rezensentin Barbara Vinken liest Karl Schlögels Duftgeschichte Ost und West mit Freude. Der Magistrale Paris-Moskau verleiht der Autor laut Vinken damit eine neue Note, auch wenn der Vergleich der beiden Markenmacherinnen Coco Chanel und Polina Schemtschuschina-Molotowa durchaus nicht nur Gemeinsamkeiten zu Tage fördert, wie die Rezensentin feststellt. Die Geschichte der beiden Parfüms Chanel No. 5 und Rotes Moskau erzählt der Osteuropahistoriker Schlögel Vinken mit Nase für den "verflogenen Duft von Imperien" und Kenntnis russischer Umtriebe in Paris wie französischer Umtriebe in Moskau nach dem Krieg. Dass sich beide Düfte auf die gleiche Basis zurückführen lassen, lernt Vinken hier ebenso, wie sie in Schlögels Profilierung die Unterschiede der beiden Frauen erkennt: Hier die libertäre Chanel, dort die konformistische Molotowa.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.03.2020

Dieser Essay hat Rezensent Adam Soboczynski gut gefallen, er findet ihn "anregend" und "faktensatt". Mit leichter Hand, so der Eindruck, erzähle der Autor die biografischen Geschichten zweier Parfüme und ihrer Erfinder, eine Ost- und eine Westgeschichte. Dass beide Frauen, die jeweils dem Parfüm ihrer Seite zum Durchbruch verhalfen, es mit totalitären Regimen zu tun hatten und wie sie sich verhielten, und was heute in der Erinnerung noch zu finden ist - an das Rote Moskau und den engen Verwandten von Chanel No 5 -, darüber hat sich der Kritiker gerne von Karl Schlögel aufklären lassen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.03.2020

Barbara Oertel liest Karl Schlögel immer gern, und wenn der Historiker in seinem neuen Buch der Geschichte der berühmten Parfüms Chanel No.5 und Rotes Moskau nachspürt, dann folgt sie ihm gebannt. Schlögel erzählt vom französischen Parfumeur Ernest Beaux, der erst in Moskau den Duft Bouquet de L'imperatrice Catherine II kreierte, bevor er wieder zurück in Paris für Chanel arbeitete. Wer jetzt genau Rotes Moskau geschaffen hat, verrät Ortel nicht und wechselt mit Schlögel elegant die Spur: Interessant sei nämlich auch die Geschichte der Polina Schemtschuschina, der Ehefrau des sowjetischen Außenministers Molotow, die erst Volkskommissarin für Parfüm und Kosmetik wurde und später wegen zionistischer Umtriebe in die Verbannung geschickt wurde. Eine lohnende Lektüre, versichert Oertel.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.03.2020

Mit einer großen Verbeugung vor dem Autor, den er einen "Schüler Walter Benjamins" nennt, beginnt Rezensent Stephan Wackwitz - und ist auch am Ende der Besprechung noch ganz auf der Höhe dieses Lobes. Wie es Schlögel gelingt, an einem privaten Geruchserlebnis Geschichte zu entfalten, hat ihn vollständig überzeugt. Wie er dann die zwei Lebensläufe der Protagonistinnen in Russland und Paris parallel führt, ist für den Kritiker ein "Highlight" des Buches. Mit großer Begeisterung taucht er in die Fülle der Geschichten und Hinweise ein - darunter auch auf Olga Tschechowa und Kasimir Malewitsch -, die sich durch diesen Autor laut Wackwitz zu einer Kulturhistorie zweier Parfüms und zweier Imperien geformt haben.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 03.03.2020

Ulrich Krökel lässt sich inspirieren von Karl Schlögels olfaktorischer Geschichte aus Ost und West. Wie der Autor sich wagemutig auf eine Geruchsgeschichte einlässt, indem er die Düfte Chanel No 5 und Rotes Moskau und ihre Geschichte einander gegenüberstellt und biografische Parallelen ihrer Erfinder herausarbeitet, scheint Krökel lesenswert. Besonders stark findet der Rezensent das Kapitel über die Gerüche in deutschen Vernichtungslagern und im Gulag. Lebens- und Todeswelten, Politik und Gesellschaft im 20. Jahrhundert kommen dabei laut Krökel in den Blick, mitunter recht sprunghaft oder auch allzu zaghaft, meint er, doch durchaus anregend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2020

Rezensent Thomas Karlauf verfällt dem Duft von Schlögels Parallelgeschichte zweier Parfüms in West und Ost. Dass Schlögel nicht nur über "Rotes Moskau" und "Chanel No. 5" plaudert, sondern soziale Realitäten hüben wie drüben und ihren Geruch sowie die Lebensgeschichten der "Duftmischerinnen" Coco Chanel und der tiefroten Polina Shemtschushina gleich miterzählt, findet Karlauf famos. Dass Ästhetik über Weltanschauung triumphiert, lernt der Rezensent mit dieser Geschichte fast spielend. Redundanzen und Brüche in der Komposition sieht der Kritiker gern nach.
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