Wem gehört die deutsche Geschichte? Wir leben in turbulenten Zeiten, krisenhaften gar. Nicht nur in der Politik macht sich das Gefühl breit, eine Zeitenwende zu beobachten. Trotzdem oder gerade deshalb erfolgt immer wieder die Bezugnahme auf "die Geschichte", werden daraus sich angeblich ergebende Lehren genannt. Auf der einen Seite scheint Geschichte als Ressource und Legitimität nie so nachgefragt wie derzeit, auf der anderen Seite fühlen sich nicht unerhebliche Teile der deutschen Gesellschaft in der bundesdeutschen Gedächtnispolitik marginalisiert. Die in diesem Band versammelten Essays ergeben ein Mosaik der deutschen Erinnerungslandschaft der Berliner Republik und der großen Debatten, die um sie geführt werden.Mit Beiträgen von Eckart Conze, Hajo Funke, Efsun Kızılay, Meron Mendel, Dirk Moses, Michael Rothberg, Ilko-Sascha Kowalczuk, Franziska Davies, Sonja Hegasy u. v. m.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.09.2023
Die Lektüre von Kontantin Sakkas' Kritik des vorliegenden Bandes gestaltet sich ein bisschen wie eine Achterbahnfahrt. Zunächst konzediert der Rezensent dem Herausgeber Jürgen Zimmerer, der ein Hauptvertreter der postkolonialen Tendenz in der deutschen Geschichtswissenschaft ist, durchaus, die "geschichtspolitischen Hauptdebatten der Gegenwart " einigermaßen abzubilden. Es scheinen sogar in bestimmten Debatten entgegengesetzte Stimmen zu Wort zu kommen. Sakkas nennt hier die Debatte über das Kaiserreich, wo die "eher kaiserreichsfreundlichen Christoph Nonn und Thomas Weber auf die skeptischer eingestellten Eckart Conze und Zimmerer selbst" treffen. Diese Ausgewogenheit hört allerdings bei der hitzigsten Debatte der letzten Jahre, dem "Historikerstreit 2.0" auf, wo Zimmerer offenbar vor allem A. Dirk Moses das Wort erteilt, der bekanntlich mit gewagten Konstruktionen eine Nivellierung des Holocaust als Spezialfall des Imperialismus betreibt. Rezensent Sakkas ist mit Moses alles andere als einverstanden. Das postkoloniale Narrativ hätte in diesem Band einer engagierten Gegenrede bedurft, kritisiert er. So liest sich der Band, wie Sakkas scharfes Schlussurteil lautet, am Ende wie das "Gründungsdokument einer geschichtspolitischen 'Querfront' zwischen eher als konservativ zu verortenden Stimmen wie der Webers und antiimperialistischen Vordenkern wie Moses".
Der Historiker Steffen Klävers hat vor zwei Jahren die Studie "Decolonizing Auschwitz?" veröffentlicht und dürfte einer der besten Experten für Antisemitismus in der postkolonialen Schule sein. In der Jungle World bespricht er (leider nicht online) den von Jürgen Zimmerer herausgegebenen Band "Erinnerungskämpfe - Neues deutsches Geschichtsbewusstsein", in dem der "Historikerstreit 2.0" aus Sicht der postkolonialen Denkschule resümiert wird. Der Perlentaucher hatte bereits im Juni 2021 einen Überblick einige der wichtigsten Artikel der Debatte gegeben. Zimmerers Sammelband ist genau einen Monat vor dem Blutkarneval der Hamas erschienen und wiederholt die Positionen der postkolonialen Schule in heute obszön wirkender Unschuld. Auch Dirk Moses, eine der prominentesten Figuren der Schule schreibt, und Klävers deckt die Fehlstellen in seinem Artikel mit großer Nüchternheit auf. Unser Resümee
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