Jean Echenoz

Laufen

Roman
Cover: Laufen
Berlin Verlag, Berlin 2009
ISBN 9783827008633
Gebunden, 126 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Er hasst den Sport, aber er hat keine andere Wahl. Bei einem Wettkampf im "Reichsprotektorat" wird sein Talent als Läufer entdeckt; er ist siebzehn. Auf der ersten Meisterschaft nach dem Krieg läuft er zwei Landesrekorde. Sein Laufstil lässt zu wünschen übrig, aber er ist sein eigener Coach, trainiert mit schwerem Schuhwerk, hängt sich Gewichte ans Bein und erfindet den Endspurt. Auf der ersten Nachkriegsolympiade in London holt er Gold für die CSSR. Er wird zum Leutnant befördert. Vier Jahre später, in Helsinki, dreimal Gold. Die Welt jubelt ihm zu.
Er hält acht Weltrekorde. Er wird zum Hauptmann befördert. Und läuft immer in Rot, der Farbe der proletarischen Revolution: Er ist zur Symbolfigur für den Erfolg des realen Sozialismus geworden. Nur einmal stand er auf der "falschen" Seite: Im "Prager Frühling", als er auf dem Wenzelsplatz von einem Panzer herab die sowjetischen Soldaten aufforderte, nach Hause zurückzukehren. Er wird für acht Jahre in ein Uranbergwerk verbannt, darf nach Prag zurück. Aber wenn er, zur Müllabfuhr relegiert, hinter einem Karren durch die Vorortstraßen läuft, jubelt ihm die Bevölkerung immer noch zu. 

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.04.2010

Steffen Richter lobt die Kunst des Autors Jean Echenoz als eine der Erleichterung, des intelligenten Weglassens. Scheinbar klar, dass sich diese Gabe wunderbar entfalten kann, wenn sich der Autor dem Laufen, auch eine Kunst der Leichtigkeit, zuwendet. Doch was, wenn der Held der legendäre tschechische Langstreckenläufer Emil Zatopek ist, dessen Lauf den Rezensenten an ein Schaufeln und Schuften erinnert, keine Spur von Leichtigkeit also? Seine Geschichte erzählt Echenoz laut Richter anhand mit Bedacht ausgewählter Szenen aus Zatopeks Leben und abseits traditioneller Läufergeschichten und ihrer Kategorien, wie Einsamkeit und Identität, nämlich eben mit Blick auf den schweren Stil. Und kommt dadurch so richtig in Form, weil sein eigener Stil sich so schärfer konturiert denn je. Findet jedenfalls Richter.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.02.2010

Hingerissen ist Christoph Bartmann von Jean Echenoz' schmalem Roman über den tschechischen Ausnahmeläufer Emil Zatopek. Dieses Buch, das die Lebensgeschichte des Langstreckenläufers mit dem Einmarsch der Deutschen in Mähren beginnen lässt und dessen letztes Kapitel mit Zatopeks Engagement im Prager Frühling beginnt, in dessen Folge er von Partei und Armee ausgeschlossen und zum Müllmann degradiert wird, ist weder Biografie noch mit Einfühlung und Dialogen gefülltes Lebensbild, betont der Rezensent. Ein besonderes Interesse an den politischen Umständen erkennt Bartmann allerdings ebenso wenig, denn in seinen Augen geht es in diesem Roman um das Laufen selbst. Auf jeden Fall aber ein kleines "Meisterwerk", das die Einordnung in Kategorien wie Fiktion, Biografie oder Historie "elegant offen lässt", wie Bartmann preist.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.01.2010

Thomas Laux zeigt sich von diesem Roman, der vom tschechischen Langstreckenlaufwunder Emil Zatopek erzählt, bewegt und eingenommen. Der französische Autor Jean Echenoz stützt sich darin, wie schon in seinem Romanvorgänger "Ravel" auf biografische Daten und nähert sich seinem Protagonisten mit taktvoller Einfühlung, findet der Rezensent. Dass er dabei von Zatopek, der nach Goldmedaillen und Hofierung durch das Regime wegen seiner Unterstützung Dubceks fallen gelassen wurde, nicht mehr enthüllt, als der Läufer selbst von sich "zu zeigen bereit" war, ist Laux dabei sehr sympathisch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2009

Eingenommen ist Rezensent Kolja Mensing für Jean Echenoz Roman über den berühmten tschechischen Langstreckenläufer Emil Zatopek. Ihm gefällt der lässige Plauderton, in dem der Autor die Geschichte des Ausnahmesportlers erzählt: von ersten Erfolgen im besetzten Protektorat Böhmen, von Wettkämpfen nach dem Krieg in Berlin, vom großen Triumph bei der Olympiade Helsinki 1952, wo Zatopek drei Goldmedaillen holte, und auch von der Rede in Prag 1968, durch die der einstige Nationalheld in Ungnade fiel. Für Mensing hat Echenoz' "lockerer Tonfall" Methode: denn damit gelinge es dem Autor, Zatopek fast beiläufig von allem "falschen Pathos" zu befreien.