Klappentext

Aus dem Englischen von Joachim Kalka. Eingeleitet von Matthias Bormuth, mit Erinnerungen von Jerome Kohn. Hannah Arendt dachte zeitlebens im Horizont Sokrates'. Schon in den amerikanischen Anfängen stellte sie den Lehrer Platons in den Mittelpunkt ihrer Versuche, ein politisch relevantes und persönlich haltbares Denken für die Moderne zu begründen. Meisterhaft entfaltet diese Vorlesung aus den 50er Jahren eine Apologie der menschlichen Pluralität. So wendet sich Arendt gegen die platonische Versuchung, der Relativität der möglichen Wahrheiten mit der absoluten Autorität eines wegweisenden Denkansatzes begegnen zu wollen. Entscheidend ist für Arendt der innere Dialog, den Sokrates philosophisch initiierte. Zudem hebt sie die Kommunikation unter Bürgern und Freunden hervor, die im Austausch der Meinungen gemeinsame Perspektiven der Weltgestaltung eröffnen könne. In den Erinnerungen 'In Hannah Arendts Seminar' berichtet ihr letzter Assistent Jerome Kohn, wie sich entlang platonischer Texte das gemeinsame Nachdenken mit der Philosophin an der New School of Social Research gestaltete.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.11.2016

Was ist Wahrheit und was ist Meinung und wie steht es mit dem Verhältnis zwischen beiden, fragt sich Rezensent Rainer Erlinger mit Hannah Arendt, deren Vorlesung von 1954 zu diesem hochaktuellen Thema gerade erstmals in deutscher Sprache erschienen ist. Der Begriff doxa, oder dokei moi 'was mir scheint', ist das Zentrum von Arendts Argumentation, lesen wir. Die These: Die absolute Wahrheit, wie Platon sie behauptete, gibt es nicht, alles ist doxa, was daraus folgt ist die Aufforderung zur politischen Einsicht in andere und in sich selbst, zur Anerkennung der Meinung, zur Kommunikation miteinander, kurz: zur Pluralität, so der Rezensent. Erlinger kann Arendts stringenter Argumentation und ihrem Appell nicht nur folgen, sondern bekräftigt die Philosophin in ihrem Anliegen, das ihm heute umso dringender erscheint.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.07.2016

Der hier rezensierende Zürcher Philosoph Michael Hampe nähert sich diesem Buch eher essayistisch als rezensierend. Deutlich macht er allerdings, wie aktuell der Rückgriff auf Sokrates bei Hannah Arendt ist: Hampe beschreibt ihre Reflexion über Sokrates als eine über Demokratie, die in beständiger Gefahr schwebt, dass das bloße Meinen über die Wahrheit siegt. Meinung sei zwar an sich nichts Verwerfliches, sie müsse nur im Rahmen einer ehrlichen Selbstreflexion und einer funktionierenden Öffentlichkeit vorgebracht werden. Dieser Prozess könne dann klären helfen, "was 'für uns' jetzt gerade das Richtige ist", eine scheinbar bescheidene Forderung, die aber das Beste sei, was Demokratie vermöge. Sokrates Hebammenkunst empfiehlt Hampe dabei auch als Rezept in der Auseinandersetzung mit Diskursgegnern, die es gelte, in ihre Widersprüche zu verwickeln und ihre Ideen bis zum Ende ausbuchstabieren zu lassen. Hampe lobt die Präsentation des Buchs mit der Einleitung von Matthias Bormuth und Jerome Krohns ergänzenden Erinnerungen an Arendts Sokrates-Vorträge an der University of Notre Dame, auf denen das Buch basiert.