Günther Schiwy

Eichendorff

Der Dichter in seiner Zeit. Eine Biografie
Cover: Eichendorff
C. H. Beck Verlag, München 2000
ISBN 9783406466731
Gebunden, 734 Seiten, 34,90 EUR

Klappentext

Erstmals seit achtzig Jahren liegt mit Günther Schiwys Buch wieder eine umfassende Eichendorff-Biografie vor. Sie beschreibt das Leben des bekanntesten deutschen Romantikers im Kontext von Gesellschaft und Kultur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Beschwingtheit des "Taugenichts" und der berühmten Wanderlieder lässt nicht ahnen, wie mühsam das Leben des Freiherrn Joseph von Eichendorff (1788-1857) in Wirklichkeit gewesen ist. Die Kindheit in Schlesien war überschattet vom elterlichen Bankrott. Die Studienjahre in Breslau, Halle, Heidelberg und Wien waren Hungerjahre. Eine Militärkarriere in den Befreiungskriegen scheiterte an fehlender Ausrüstung. Der preußische Beamte Eichendorff wurde zum Spielball politischer Intrigen und musste sich über ein Jahrzehnt als ministerieller "Hilfsarbeiter" verdingen. Enttäuscht ließ er sich vorzeitig pensionieren und kehrte, resigniert, nach Schlesien zurück. Ein "Zu spät" scheint dieses Leben wie ein roter Faden zu durchziehen. Günther Schiwys Werk zeigt Eichendorff in neuem Licht: Der katholisch-konservative Biedermann erscheint als kämpferische Persönlichkeit, die mit dem "Säbel-" und "Pöbelregiment" der Zeit scharf ins Gericht ging und in religiösen wie politischen Fragen durchaus progressive Ansichten vertrat.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.12.2007

Gabriele Killert hat zwei Biografien des Spätromantikers Joseph von Eichendorff gelesen, wobei sie die eine ärgerlich, die andere reichlich mühsam fand. In Günther Schiwys Lebensbeschreibung tritt ihr ein lebendiges und scharf umrissenes Bild des Schriftstellers entgegen, wie sie positiv vermerkt. Was sie an dieser Biografie aber sehr stört, ist der durch extensive Werkzitate unnötig aufgeblasene Umfang des Buches, zudem es keine Fußnoten enthält und so jede noch so nebensächliche Information aus dem Umkreis von Eichendorffs Leben im laufenden Text ausbreitet wird, wie sie angestrengt feststellt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.01.2001

Kaum zu glauben, so Klaus Harpprecht, dass die letzte größere Biografie zu Joseph von Eichendorff achtzig Jahre zurückliegt und im Fall Clemens Brentanos überhaupt nur einmal eine einzige vollständige Darstellung seiner Lebensgeschichte erschienen ist - und das im Jahr 1877. Höchste Zeit also, findet der Rezensent, für neue Biografien dieser romantischen Dichter, deren Temperament höchst unterschiedlich war. Gefallen haben Harpprecht beide Lebensdarstellungen, den Vorzug allerdings räumt er der sprachlich brillanteren Brentano-Studie von Hartwig Schultz ein, der anders als sein Kollege Schiwy geschickter und ausgesuchter die Fülle des Materials zu bewältigen wusste. Aber auch Schiwy habe ein "großartiges Panoramabild" jener Epoche ausgebreitet.
1) Günther Schiwy: "Eichendorff"
Dieser Dichter gibt trotz romantisch-dichterischer Ader wenig spektakulären Stoff für eine Biografie ab, befindet Harpprecht. Erstens hat er für diese schreib- und brieffreudige Epoche relativ wenige private Briefe hinterlassen - so wurde beispielsweise die gesamte Korrespondenz mit seiner Braut von der Familie aus dem Verkehr gezogen, berichtet der Rezensent. Zweitens hat er den finanziellen Ruin seiner feudalen Familie damit aufgefangen, dass er selbst ein biederes Beamtenleben führte. Dennoch sei Eichendorff kein politischer Biedermann gewesen, meint Harpprecht nach Lektüre des Schiwy-Buches, er nennt ihn einen "aufgeklärten Konservativen", dem Deutschtümelei fremd war, der aber auch zum Demokraten "nicht taugte". Besondere Erwähnung findet bei Harpprecht die Volkstümlichkeit der Eichendorffschen Dichtungen, wozu seiner Meinung nach auch die Vertonungen der Texte durch Mendelssohn und Schumann beigetragen haben. Ein Punkt, dem der Biograf nach Maßgabe Harpprechts zuwenig Aufmerksamkeit gewidmet hat.
2) Hartwig Schultz: "Schwarzer Schmetterling"
Brentano war in vielem das glatte Gegenteil seines Zeitgenossen Eichendorff, schreibt Harpprecht; er war ein Hitz- und Wirrkopf, der von einem Liebestaumel in den nächsten geriet und seine Umgebung stets mitzog. Vor allem aber hatte er Geld, er musste nicht arbeiten, sondern konnte sich seinen Brieffreundschaften, Liebeshändeln und schriftstellerischen Arbeiten uneingeschränkt widmen. Harpprecht verweist darauf, dass Schultz ein Phänomen herausarbeitet, dass bei vielen und vor allem den romantischen Dichtern zu beobachten war: dass sie sich entweder mit älteren reiferen Frauen umgaben oder mit Kindfrauen wie Auguste Bussmann, die Brentanos zweite Frau wurde. Welche Schlussfolgerung Schultz daraus zieht, teilt Harpprecht leider nicht mit. Stattdessen hat er bei Schultz erfahren, dass Brentano seine Liebsten in Varianten der gleichen Briefe umschwärmte. Brentano war übrigens der Urheber der Loreley-Geschichte, erfährt man weiter. Auch Brentano suchte des Volkes Stimme, die sich bei ihm jedoch nie so populär erhob wie bei Eichendorff. Dafür aber, so schreibt Harpprecht, wiesen Brentanos andere Dichtungen "mit ihrer kühnen Expressivität" weit in die Moderne voraus.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.11.2000

Rezensent Otto A. Böhmer lobt die Eichendorff-Biographie von Günther Schiwy in jeder Hinsicht: sie sei kenntnisreich und einfühlsam geschrieben, dabei nicht anbiedernd und vor allem umfassend. Nicht nur Eichendorff, der Romantiker, finde bei Schiwy Beachtung, sondern auch Eichendorff, der Realist, der Romancier, der Essayist, der sich von den Zeitströmungen immer auch mit Spott abzugrenzen wusste, nicht zu vergessen Eichendorff als mittlerer Beamter und treuer Familienvater. Eichendorffs Religiosität sei mit Sicherheit das bis auf den heutigen Tag "Unzeitgemäße" an diesem "wieder zeitgemäßen Dichter", schreibt Böhmer. Ein Leben, das wenig spektakulär war und zur Erklärung eigentlich wenig taugt. Die ihm gebührende Achtung als Literat habe Eichendorff erst nach seinem Tod erfahren. Umso mehr begreift es der Rezensent als Kunststück, dass der Autor diesem Leben eine so gründliche Recherche, eine so solide und spannende Biographie abgerungen hat.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de