Dénes Krusovszky

Das Land der Jungen

Erzählungen
Cover: Das Land der Jungen
AB - Die Andere Bibliothek, Berlin 2024
ISBN 9783847704713
Gebunden, 264 Seiten, 48,00 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Terézia Mora. Zwei Brüder, die ihren volltrunkenen Vater bei einem gemeinsamen Zirkusbesuch in die Manege stolpern sehen, wo er sich als Freiwilliger vor dem johlenden Publikum zersägen lassen will. Ein Mann, der sich beim Aussortieren alter Klamotten in seinem ehemaligen Kinderzimmer an den Tag erinnert, an dem er als Siebzehnjähriger seine schwangere Freundin zu einer Abtreibung in die Frauenklinik begleitete: Der Tag des Abschieds aus dem Land der Jungen. Krusovszky zeigt jene Kippmomente im Leben seiner Figuren, wie Scham neben Liebe steht, Verzweiflung und Trauer neben Gewalt, Spott neben Stolz.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.08.2024

Ilma Rakusa feiert die feinen Erzählungen des Ungarn Denes Krusovszky als Entdeckung. Wie der Autor seine Figuren, Brüder, Singles, Paare an Kipppunkte heranführt, mit denen sich ihr Leben entscheidend verändert, findet Rakusa stark. Eine Abtreibung forciert die Trennung, eine späte Rache geht schief, ein Vater wird bei einer Zirkusnummer enthauptet - der Autor setzt das "suggestiv", detailreich und so traurig wie lebensvoll in Szene, meint Rakusa begeistert. Was Erzählungen vermögen - lakonische Psychogramme und Milieuskizzen zeichnen, belegt dieser Band aufs Schönste, so die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.07.2024

Mit Interesse liest Rezensent Jörg Plath Dénes Krusovszkys Geschichtsband. Die Erzählungen, die hier versammelt sind, drehen sich, erfahren wir, keineswegs nur um Jungen, vielmehr werden die durchweg männlichen Hauptfiguren im Verlauf des Bandes älter, erreichen das Erwachsenenalter. Einzelgänger sind sie alle, stellt Plath klar, insgesamt entsteht das Bild einer problematischen Männlichkeit, die sich selbst und ihrer Umgebung nicht gut tut. Plath fasst den Inhalt einiger der Erzählungen zusammen, die fast durchweg auf Katastrophen zulaufen - Vergewaltigungen, zersägte Väter und mehr -, Katastrophen, die von der Prosa zwar sorgfältig und detailliert vorbereitet werden, selbst aber von Krusovszky ausgespart bleiben. Die gleichbleibende Struktur dieser von Terézia Mora hervorragend übersetzten, in einem unaufgeregten Stil gehaltenen Geschichten sorgt dafür, dass es in diesem Buch nicht allzu viele Überraschungen gibt, meint Plath, der allerdings als Ausnahme die titelgebende Geschichte hervorhebt, in der ein junger Mann sich vor seiner Hochzeit an eine verflossene Liebe erinnert. Insgesamt ein Buch, dessen Figuren zu großen, befreienden Handlungen unfähig sind, schließt Plath.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.07.2024

Rezensent Lothar Müller ist von der Qualität von Dénes Krusovszkys Erzählungsband überzeugt. Er handelt, wie der Titel sagt, von Jungen und heranwachsenden Männern - in der ersten Erzählung "Wie mein Vater zersägt wurde" von einem Jungen, der den Zerfall seiner Familie beobachtet und dabei einem Kamel, das zum nahe stationierten Zirkus gehört, entdeckt,  in der Titelerzählung von einem jungen Mann, der unerwartet Vater wird. Diese verschiedenen Lebensphasen werden laut dem Rezensenten ohne Effekthascherei und bemühte Bedeutungskonstruktionen dargestellt. Krusovszkys Talent liegt ihm zufolge in diesem Verzicht auf schwere "letzte Sätze", was es erlaube, differenziert die "Risikozonen" im Leben der Figuren auszumessen. Seine Erzählungen kann Müller sehr zur Lektüre empfehlen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.05.2024

Rezensent Thomas Hummitzsch bestaunt, wie simpel und abseits identitätspolitischer Diskurse Dénes Krusovszky in seinen Erzählungen Vorstellungen von Männlichkeit befragt. So gehe es in den neun Geschichten um Gewalt und Zärtlichkeit, Scham oder um Angst vor Einsamkeit, die ganz verschiedene Männer betrifft: sei es in der ungarischen Pampa wie im Falle eines Familienvaters, der nach Jobverlust und Alkoholismus Frau und Kinder nicht aufgeben mag, sei es der Hipster in einer Hundestation in Manhattan, der nicht genug "Skrupellosigkeit" aufbringen kann, einen Wurf Kätzchen zu verkaufen. Auch um andere "Konfrontationen mit den Gegebenheiten" wie Schwangerschaftsabbrüche, Polizeikonflikte oder Missbrauch gehe es. Wie Krusovszky so in seinen Texten die Ambivalenz walten lässt und in den Geschichten eine "Doppelbödigkeit" einzieht, findet Hummitzsch toll. Besonders lobt er auch die Übersetzungsarbeit der Autorin Terézia Mora, die ohnehin schon "geschliffene Prosa" mit großem Gespür ins Deutsche übertragen habe.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 19.02.2024

Rezensent Oliver Pfohlmann kann mit Dénes Krusovszkys Erzählungen nun den "ungarischen Jonathan Franzen" kennenlernen: Seine Geschichten drehen sich um Männlichkeitsbilder und die Zerbrechlichkeit ihrer Protagonisten. Man begegnet hier, berichtet Pfohlmann, männlichen Figuren "aller Altersstufen": einem Siebzehnjährigen, dessen Freundin eine Abtreibung hat, einem Tatort-Fotografen, der beim Ablichten einer toten Familie eine Erektion bekommt, aber auch einem Studenten, der unwissentlich zum Mittäter bei einer Vergewaltigung wird. Immer geht es um "Momente des existenziellen Bruchs", so Pfohlmann und die Darstellung scheinbar widersprüchlicher Gefühle. Für ihn sind nicht nur die Erzählungen in ihrem realistischen Stil außerordentlich gelungen, auch die Übertragung ins Deutsche von Terézia Mora findet sein Lob.

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