Klappentext

Aus dem Ungarischen von Laszlo Kornitzer. Örkeny kam 1942 als jüdischer Arbeitsdienstler an die Ostfront. Das ungarische Armeekorps, in dem er diente, wurde Anfang 1943 am Don vernichtend geschlagen, die Überlebenden gerieten in Kriegsgefangenschaft. Zu Rodungsarbeiten an einer Bahnstation bei Tambow verurteilt, begann Örkeny Aufzeichnungen zu machen - "mit etwas Bleistiftähnlichem auf Tabaksbeutel, die mir die Russen gegeben hatten". Als sich herumsprach, daß er schrieb, strömten seine Leidensgenossen herbei. "Alle beeilten sich, etwas beizutragen: Daten, Erfahrungen, Namen, Tragödien, aber auch Anekdoten. Nicht ich habe dieses Buch geschrieben, sondern dreihunderttausend Ungarn in der Sowjetunion. Ich war nur ihr Chronist." Zehn Lebensgeschichten, die weit in die Zwischenkriegszeit zurückgreifen, erweitern das Buch zu einer Erzählung voller ethnographischer und soziologischer Details. So präzise Hunger, Heimweh und Zwangsarbeit in "Das Lagervolk" geschildert sind, so unverkennbar atmet das 1947 veröffentlichte Werk den Geist der Hoffnung auf ein neues, freies, humanes Europa.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.08.2010

Ulrich M. Schmid bedenkt Istvan Örkenys (1912-1979) Buch "Das Lagervolk", eine Beschreibung des Schicksals ungarischer Kriegsgefangener in der Sowjetunion, mit hohem Lob. Die beklemmenden, aber nüchternen Schilderungen von Angst, Hunger und Heimweh und das Fehlen jeglicher moralischer Anklage haben ihn tief beeindruckt. Er rühmt die Sprachkraft des Autors, seine "luzide, unvoreingenommene und sinnliche Prosa". Die Kritik des Übersetzers Laszlo Kornitzer, der sich einem Brief vom Februar 2010 darüber beklagte, dass der Autor den Holocaust ausspare, teilt Schmid nicht. Er hält Kornitzer Blindheit gegenüber der "ästhetischen Autonomie" des Werks vor. Zudem hebt er hervor, dass Örkeny nicht über den Holocaust schweige, sondern die Ermordung der Juden schlicht "jenseits des jenseits des Wahrnehmungshorizonts seiner Handlungsfiguren" liege. Für den Rezensenten jedenfalls ist "Das Lagervolk" ein großartiges Buch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.06.2010

Ausgesprochen faszinierende Lektüre stellt für Jörg Plath der 1947 in der "Zeitschrift Neues Ungarn" abgedruckte Roman über das sowjetische Kriegsgefangenenlager von Tambow dar. Nach Darstellung des Rezensenten setzt sich das Buch aus einer Mischung von Erlebtem, Gehörtem, soziologischen Beobachtungen und fiktionalen Elementen zusammen. Indem der Autor das Lagerleben dokumentierte, versuchte er sich seiner selbst zu versichern, gleichzeitig offenbart das Buch aber den Schriftsteller, der nicht gegen seine Lust am Erzählen ankommt, so der Rezensent. Das macht den Reiz dieses Bandes für Plath aus. Neben dem scheinbar "ungefilterten Einblick" in das Lagerleben ist gleichzeitig aber ganz klar eine Intention aus diesem Band herauszulesen, betont der Rezensent: Örkeny wollte - ganz gemäß der sowjetischen Doktrin - zeigen, dass die als Verbündete der Deutschen gefangenen Ungarn den Faschismus abgestreift hatten und die Kriegsgefangenschaft eine "Schmiede eines neuen Ungarn" darstellte. Dadurch ergeben sich so manche Beschränkungen in diesem Bericht, Örkeny spart alle Sowjetbürger im Lager aus und wiewohl er das Leben in Tambow als hart darstellt, werden die sowjetischen  Behörden doch positiv geschildert, erklärt Plath. Sehr interessant fand der Rezensent auch den wütenden Kommentar des für seine Übersetzung sehr gelobten Laszlo Kornitzer und das Nachwort von Imre Kertesz, die unter anderem auf Örkenys antisemitische Auslassungen eingehen und, indem sie den Bogen zur heutigen Situation Ungarns schlagen, dem Buch eine ungeahnte Aktualität verleihen, wie Plath lobt.