Vor einigen Jahren entdeckte Deborah Hertz in einem Berliner Archiv eine Sammlung schwarzer Notizbücher. Es handelte sich um die "Judenkartei", angelegt in den 1930er Jahren durch die Nationalsozialisten. Akribisch waren dort alle Konversionen deutscher Juden seit 1645 aufgelistet. Ausgehend von diesem Dokument spürte die Historikerin zahlreiche Briefe und Tagebücher von Juden auf, die zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert zum Christentum konvertiert waren. In ihrem Buch erzählt sie anhand dieser Quellen von den Motivationen und Hoffnungen, aber auch den Zweifeln und Anfeindungen, die mit dem Übertritt zur christlichen Kirche und dem Abschied vom Judentum verbunden waren. Im Mittelpunkt steht dabei Berlin, vor allem die Familien der berühmten Salondame Rahel Varnhagen und ihres Ehemanns Karl, in deren Umfeld etwa Heinrich Heine, Friedrich Schlegel, Ludwig Börne oder die Familie Mendelssohn verkehrten.
Mit großem Interesse hat Ludger Heid diese Studie der amerikanischen Historikerin gelesen, die er darüber hinaus auch elegant geschrieben findet. Bereits das Material erregt beim Kritiker Aufsehen: eine gigantische Katei von getauften deutschen Juden aus den Jahren 1645-1833, die von den Nationalsozialisten offensichtlich aus genealogischen Gründen angelegt worden sei, und zufällig in Berlin gefunden wurde. Deborah Hertz wolle das Material nun "rückwirkend dem NS-System entreißen" und die Schicksale und Beweggründe der Menschen recherchieren, die offenbar den Schritt ihrer Konversion zum Christentum als Akt der Assimilation unternahmen. Ein Akt, an den die geradezu messianische Hoffnung auf bürgerliche Gleichstellung geknüpft gewesen sei. Auch legt die Kritik nahe, dass sich Hertz sehr intensiv mit den vielschichtigen Folgen beschäftigt hat, den die Konversion für die Identität der Betroffenen hatte, von Selbsthass bis Heuchelei.
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