Thomas Brechenmacher

Der Vatikan und die Juden

Geschichte einer unheiligen Beziehung
Cover: Der Vatikan und die Juden
C. H. Beck Verlag, München 2005
ISBN 9783406529030
Gebunden, 326 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Das Verhältnis der katholischen Kirche zu den Juden war über Jahrhunderte theologisch genau geregelt. Die Päpste erfüllten gegenüber Juden und Christen eine doppelte Schutzverpflichtung: Sie hatten einerseits die Christen vor "verderblichem Einfluss" der Juden, andererseits die Juden vor Übergriffen durch die Christen zu schützen. Seit dem 16. Jahrhundert wurde diese "doppelte Schutzherrschaft" jedoch immer einseitiger zuungunsten der Juden gewichtet, je mehr sich die katholische Kirche durch Reformation, Aufklärung und Moderne in die Defensive gedrängt sah. Der dogmatische Anspruch, die Juden zu beschützen, und das tatsächliche, gegen die Juden gerichtete Handeln klafften immer weiter auseinander. Die Kirche wurde schließlich anfällig für den Antisemitismus. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und dem nationalsozialistischen Judenmord fand sie auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu einem neuen Verhältnis zu den Juden und zum Staat Israel.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.12.2005

Als objektiv, gründlich, spannend und überraschend hat Hansjakob Stehle das Buch über das bisher unterbelichtete kontroverse Thema christlich-jüdischer Beziehungen der letzten Jahrhunderte gelesen. Da dem Autor und Historiker bis zum Jahr 1939 Einblick in die bis dato geheimen vatikanischen Archive gewährt worden seien, trete hier in aller Deutlichkeit die paradoxe Haltung "doppelter Schutzherrschaft" der katholischen Kirche zu Tage. Einerseits habe man, vor allem im Mittelalter, die Juden gegenüber der christlichen Bevölkerung degradiert, andererseits, "auch durch die Ghettos", vor Verfolgung geschützt. In jüngerer Vergangenheit habe gerade das Versagen unter Pius XII. zum Schuldbekenntnis durch Johannes Paul II. geführt: Eine "bittere Ironie", wie der Rezensent mit dem Autor befindet, und sowohl Faktenfülle als auch historischen Weitblick lobend erwähnt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.10.2005

Mit seiner Geschichte der Beziehung des Vatikans zu den Juden hat Thomas Brechenmacher nach Ansicht von Rezensent Christian Jostmann eine Chance vergeben. Nicht, dass er das Buch wirklich schlecht fände. So hält er dem Autor zugute, ein altes Problem neu aufzurollen und auch heiße Eisen anzupacken. Zudem lobt er das Buch als "kenntnisreich und scharfsinnig". Allerdings muss er mit Bedauern feststellen, dass die Überzeugungskraft des Buches geringer ist, als sie sein könnte. Er führt das zum einen darauf zurück, dass es Brechenmacher schwer fällt, das Fragwürdige, Bestürzende, Abstoßende des Verhältnisses des Vatikans zu den Juden im Raum stehen zu lassen. Er müsse es immer sofort erklären und einordnen. Mit dem "stetigen Hin- und Zurückrudern" beschränke sich der Autor selbst, vermindere die Glaubwürdigkeit seiner Arbeit und lasse sie "letztlich apologetisch erscheinen". Außerdem stößt er sich an einigen abwertenden Formulierungen, die er als "unprofessionell" empfindet, etwa wenn der Autor die Münchner Räterepublik als "Pöbelherrschaft" bezeichne, ohne Anführungszeichen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.05.2005

Als großes Verdienst schreibt Victor Conzemius dem Dramatiker Rolf Hochhuth zu, mit seinem Stück "Der Stellvertreter" den Vatikan dahin gebracht zu haben, endlich die Dokumente zu veröffentlichen, die Aufschluss über die Vertstrickung des Vatikans in den Holocaust geben können. Weniger positiv beurteilt er eine andere Folge: den Teufelskreis akkusatorischer und apologetischer Geschichtsschreibung. Diesen durchbrochen zu haben, rechnet er dafür dem Historiker Thomas Brechenmacher an, der in Conzemius' Augen eine nüchterne Studie vorgelegt, die "innere Teilnahme für die Opfer nicht vermissen lässt". Ausgangspunkt von Brechenmachers Studie sei die Stellung der Juden in Rom, der einzigen Stadt, aus der sie niemals vertrieben worden waren. Hier pflegte der Kirchenstaat die so genannte doppelte Schutzherrschaft: Schutz der Christen vor den Juden, aber auch Schutz der Juden vor den Christen. Dieses prekäre Gleichgewicht war zu Beginn des 19. Jahrhunderts verloren, zum einen durch die bürgerlichen Emanzipationsbestrebungen, zum anderen durch die Politik von Pius IX., der das römische Ghetto niederreißen ließ, referiert Conzemius. Für die Zeit während des Nationalsozialismus hält Conzemius die Zahlen von Brechenmacher für überzeugend: Von 8.000 römischen Juden wurden 1700 deportiert, drei Viertel wurden gerettet, die Hälfte kam in kirchlichen Einrichtungen unter. Insgesamt hält er der Kirch zugute, ungefähr 100.000 Juden vor dem Tod gerettet zu haben, beileibe aber nicht 850.000, die der Vatikan reklamiert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2005

Wolfgang Reinhard nimmt sich viel Raum, seine eigenen, vorsichtigen Überlegungen zum Thema "Der Vatikan und die Juden" auszubreiten, bevor er zu einem nicht ganz eindeutigen Urteil über Thomas Brechenmachers Studie gelangt. Eine "sorgfältige Langzeitanalyse" nennt er das Werk, "wissenschaftlich sauber dargelegt". Begeistert klingt es nicht. Leise Kritik übt Reinhard an der Brechenmacherischen Formel "doppelte Schutzherrschaft", mit der der Autor das Verhältnis der Päpste zu den Juden zu fassen versucht; gemeint ist, dass ebensowohl die Juden vor den Christen wie die Christen vor den Juden geschützt werden sollten. Reinhard wendet ein, dass die Profiteure im christlich-jüdischen Verhältnis doch wohl eindeutig die Christen waren. Insofern empfindet er die Ahnung von Gleichberechtigtheit, die in dem Terminus "doppelte Schutzherrschaft" liegt, "irreführend". Auch in anderen Punkten ist der Rezensent mit der Deutung seines Autors nicht ganz einverstanden. Aber das scheint dann wieder eher auf das Konto der professionellen Deformation zu gehen, wenn es später, als es um die Zeit des Nationalsozialismus geht, ganz deutlich heißt: "Brechenmacher weiß zu allem eine Fülle spannender Details aus den Quellen zu berichten."
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