Daniel Schönpflug

Kometenjahre

1918: Die Welt im Aufbruch
Cover: Kometenjahre
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017
ISBN 9783100024398
Gebunden, 320 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

November 1918. Der Große Krieg hat die alte Welt in Schutt und Asche gelegt, und doch scheint das Schicksal der Menschheit so offen wie selten zuvor. Hell leuchten neue Möglichkeiten und Träume auf, das Ringen um die Zukunft beginnt. Die Kosakin Marina Yurlova kämpft in Sibirien gegen die Revolution, Käthe Kollwitz macht ihren Schmerz zu Kunst, Rudolf Höß marschiert mit dem Freikorps, Virginia Woolf revolutioniert den Roman, Walter Gropius will mit der Architektur die Gesellschaft verändern und die Publizistin Louise Weiss wirbt in Paris leidenschaftlich für ein vereintes Europa. Virtuos schildert Daniel Schönpflug diesen einmaligen Moment und die Jahre, die folgten, aus der Perspektive von Menschen, die sie erfahren und geprägt haben. Das Panorama einer einzigartigen Zeit zwischen Enthusiasmus und Enttäuschung, zwischen Zukunftstrunkenheit und Zerstörung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2017

Bücher über bestimmte Jahre sind seit einiger Zeit in Mode. Hans Ulrich Gumbrecht schrieb vor Jahren über 1926, Florian Illies über 1913. Von Jahren wie 1967 oder gar 68, die ganze Fluten von Publikationen auslösen, zu schweigen. Rezensent Stephan Speicher schweift mit Gewinn durch die Vignetten, die Daniel Schönpflug hier über die Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg präsentiert. Wie stets in solchen Büchern scheinen sich hier Nähmaschinen mit Regenschirmen auf einem Operationstisch zu begegnen: Wir erfahren etwa durch den Rezensenten, dass der junge Ho Chi Minh für eine kurze Zeit in einem Londoner Hotel beim Meisterkoch Escoffier lernte. Alles in allem goutiert Speicher diesen Rundgang durch ein Jahr, der ihm allerdings gerade bei den Ausflügen nach Indien und Vietnam auch etwas überdehnt scheint. Dennoch: die Ereignisse des scheinbar vertrauten Jahres werden ihm fremd genug, um ihm wieder interessant zu erscheinen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2017

Rezensent Gerd Krumeich hat etwas Mühe, all die Splitter einzusammeln, die Daniel Schönpflug in seinem Buch zuweilen recht sprunghaft ausstreut. Interessante Splitter durchaus, meint Krumeich, auch wenn er eigentlich nichts rasend Spezifisches über 1918 erfährt in dem Buch, sondern mit Berichten von Zeitgenossen der Jahre 1918-1923 vorliebnehmen muss. Die wieder sind derart gegen den Strich gebügelt, dass Krumeich staunt und die Katastrophe Europas relativiert sieht. Der Trick: Der Autor fischt in sämtlichen Kulturkreisen und angelt neben Texten von Gandhi oder Lawrence von Arabien auch weniger bekannte Namen und Lebensgeschichten. Ein Index hätte es dem Rezensenten leicher gemacht, sie zu genießen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.09.2017

Fasziniert ist Rezensent Alexander Gallus mit Daniel Schönpflugs Kometen um die Welt gereist und hat ganz neue Perspektiven auf das Jahr 1918 gewonnen. Wie ein "Kaleidoskop" funkelnder Geschichten erscheint dem Kritiker das Buch, in dem der Historiker Beobachtungen, Erfahrungen, Hoffnungen und Enttäuschungen von Zeitgenossen feinsinnig zusammengestellt und verlebendigt hat. Gallus lauscht hier deutschen Künstlern und Politikern, amerikanischen Soldaten, irischen und nahöstlichen Unabhängigkeitskämpfern, begegnet Alma Mahler in Wien, Ho Chi Minh in Fernost, Thomas E. Lawrence auf der Arabischen Halbinsel oder der Kosakin Marina Jurlowa in der Sowjetunion, liest von Diskriminierungstendenzen und Emanzipationsbemühungen und erfährt, wie eng Kreativität und Destruktion miteinander verknüpft waren. Gelegentliche Unschärfen in der Analyse, etwa im Hinblick auf die Epochengrenze 1918, verzeiht der Kritiker diesem "historischen Seiltanz" gern.