Herausgegeben und mit einem Nachwort von Eckhard Gruber. Während an der Front gekämpft wird, feiern die beiden Schulfreundinnen Patience und Grete im April 1918 in einer kleinen Konditorei in Berlin ihr bestandenes Abitur. Beide sind froh, dass ihnen bei der Prüfung kein Bekenntnis zur Nation abverlangt wurde, stimmen sie doch schon lange nicht mehr in den patriotischen Überschwang ihrer Umgebung mit ein: Grete ist Sozialistin und Patience, die eine englische Mutter hat, wurde von den Mitschülerinnen ständig daran erinnert, dass sie "nicht dazugehört". Margaret Goldsmith schildert in ihrem erstmals 1931 veröffentlichten Roman "Patience geht vorüber" die Lebensentwürfe und Enttäuschungen der sympathischen Heldin Patience - von ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Grete bis hin zu ihrem "neusachlichen" Umgang mit Beziehungen Ende der 1920er-Jahre. Zwischen den Klassen, den Nationen, aber auch den Geschlechtern stehend, lotet die junge Berlinerin die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nachkriegskulturen, der Sexualmoral und der Rollenbilder in Deutschland und England aus. Aus der Sicht einer selbstbewussten jungen Frau entsteht dabei ein dichtes Zeitbild vom Ende des Ersten Weltkriegs und der Novemberrevolution über die Inflation 1923 bis ins Jahr 1930. Der Roman ist der Künstlerin Martel Schwichtenberg gewidmet, mit der Goldsmith befreundet war und von der die Umschlagillustration stammt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 29.12.2020
Rezensentin Edelgard Abenstein freut sich über die Neuausgabe dieses 1931 erschienenen Romans der englisch-deutsch-amerikanischen Autorin Margaret Goldsmith. Überraschend "unkonventionell" erscheint der Kritikerin der Roman, der ihr von der jungen Patience erzählt, die eine Menage-a-trois mit einem jungen Soldaten und einer Freundin eingeht, diese bald auflöst, ihr Geld als Journalistin und Ärztin verdient und allein eine Tochter großzieht. Psychologisches Einfühlungsvermögen, exakte Beobachtungen auch auf die politischen Hintergründe der Zeit und ein nüchterner Erzählton lassen die Rezensentin die Autorin in eine Reihe mit den "großen Namen" zwanziger Jahre einordnen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2020
Ziemlich angesteckt an der Unterkühltheit dieses Romans der neuen Sachlichkeit hat sich Rezensentin Maria Frisé. Was sie aus dem Nachwort zur Biografie der Autorin erfahren hat - u.a. über ihre Liebe zu Vita Sackville-West - scheint sie ein wenig mehr beeindruckt zu haben als der Roman selbst. Zwar steht im Mittelpunkt eine jener aus den Rollenmustern ihrer Zeit ausbrechenden Frauen, eine, die zudem "intensiv lebt", aber mehr, als dass sie ihre Freundin Gretel heftig liebt und ihren Mann nur aus Mitleid heiratet, erfahren wir nicht. Davon erzählt die Autorin "in klarer, schmuckloser Sprache", meint die Kritikerin, findet aber in einigen Stereotypisierungen der Briten am Ende noch ein Haar in der Suppe.
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