Aus dem Englischen von Susanne Held. Viele bekannte populärwissenschaftliche Bestseller behaupten auf der Basis neurowissenschaftlicher Untersuchungen: Männer und Frauen haben unterschiedliche Gehirne und daher unterschiedliche Begabungen. Vermeintliche natürliche Unterschiede werden aufgebaut und dienen als Erklärung für gesellschaftliche Rollenstereotype. Die Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine entlarvt, wie unter dem Deckmantel der Wissenschaft schlampige Untersuchungen, oberflächlich gedeutete Forschung und vage Beweise zu angeblichen Tatsachen gemacht wurden. Sie zeigt, wie unser Leben als Mann und Frau stark von geschlechtertypischen Erwartungen und Vorurteilen beeinflusst wird, selbst wenn wir sie nicht gut heißen. Und welch subtile Macht Stereotype ausüben können. Das Einzige, was wissenschaftlich bewiesen ist: Es gibt eine neuronale Plastizität. Unser Gehirn entwickelt sich vor allem durch psychologische Einflüsse, Erfahrungen und Tätigkeiten. Und für Männer und Frauen gilt: Alles ist möglich!
Claudia Pinl begrüßt dieses Buch der Psychologin und Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine über die "Geschlechterlüge". Sie attestiert der Autorin eine kritische Revision von hundert Studien und deren Schlussfolgerungen im Blick auf geschlechtsspezifisches Verhalten. Dabei wird für Pinl einmal mehr eindrucksvoll deutlich, dass sich Männer und Frauen wesentlich ähnlicher sind als zahlreiche angelsächsische Autoren meinen, die seit Jahren predigen, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien (evolutions-)biologisch, genetisch, hormonell, neuronal bestimmt. Fine widerlegt für sie im Detail den Mythos essenzieller Männlichkeit und Weiblichkeit. Das scheint ihr manchmal fast ein wenig ermüdend. Nichtsdestoweniger hält sie es für notwendig.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2012
Dass sich die Gleichberechtigung nicht erledigt hat, ahnt Melanie Mühl schon. Die Lektüre des Buches der Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine aber macht ihr klar, wie weit der Weg ist, den wir noch zu gehen haben, zumal in den sogenannten fortschrittlichen Industrieländern. Im Vergleich zu Schwellenländern ist die geschlechterspezifische Berufswahl bei uns nämlich deutlich höher ausgeprägt! Gut an dem Buch gefallen Mühl nicht nur solche Augenöffner, sondern auch der immer wieder durchsickernde (nie schäumende) Zorn der Autorin auf die lieben Kollegen und die Verhältnisse. Das faktenreiche Buch über die Allgegenwart von Gender-Identität, meint sie, wird so auch noch amüsant.
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