Pascal Boyer

Und Mensch schuf Gott

Cover: Und Mensch schuf Gott
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2004
ISBN 9783608940329
Gebunden, 440 Seiten, 22,50 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Enderwitz, Monika Noll und Rolf Schubert. Sind die Götter und Gott nur erdacht? Ja und nein, besagen neueste Forschungen, denn wir können gar nicht anders, als Gott und Götter mit und nach unserem Gehirn zu gestalten; so wie das Atmen können wir auch das Denken nicht einstellen.
Warum der Mensch sich seinen Gott und seine Götter erdenken muss, erläutert Pascal Boyer in seiner Studie, die einen Bogen von der Hirnforschung über die Neurobiologie zur Sprachforschung, Psychologie, Evolutionsforschung bis hin zu den Religionswissenschaften schlägt. Gott und Götter ermöglichen die Sinngebung des oft scheinbar Sinnlosen. Das menschliche Vertrauen darauf spiegelt sich in der Bedeutung, wie unverzichtbar die sozialen und kommunikativen Aufgaben der Religionen waren und sind. Und zwar auch dann, wenn Arbeit, Geld, Ideologie, Nation oder Sport die sehr weltlichen Rollen von Religionen übernommen haben. Gäbe es Gott und Götter nicht, man müsste sie erfinden, aber die dazugehörigen Religionen von Grund auf verändern, so die These von Pascal Boyer. Sicher ist jedenfalls, dass das 21. Jahrhundert durch die Religionen in Atem gehalten wird.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2004

Pascal Boyers Versuch, die Weitergabe und Entwicklung religiösen Wissens aus den im Laufe der Evolution geprägten Mechanismen des menschlichen Erkenntnisapparats herzuleiten, betrachtet Rezensent Friedrich Wilhelm Graf mit gehöriger Skepsis. Boyer argumentiert zunächst pluralistisch, erklärt Graf, indem er die Fülle an Glaubenswelten aus einer potenziell quasi unendlichen Vielfalt an Bewusstseinszuständen erklärt. Das "zentrale Argument" laute dabei: Wenn alle übernatürlichen Wesen Verstand besitzen, müssen sie sich demzufolge auch aus der Beschaffenheit des menschlichen Geistes ableiten und erklären lassen. Glaube ist ein Nutzbündnis mit einem übernatürlichen Wesen, und Religion ein "Nebenprodukt" der Entwicklung menschlichen Erkennens überhaupt. Als "entscheidende Schwäche" identifiziert Graf aber die Schwierigkeiten Boyers, religiöse Bilder von Tod und Leben mit den ihnen zugeschriebenen rituellen Praktiken zu deuten. Das vernachlässige sowohl die "prägnanten Gehalte" religiösen Bewusstseins als auch die starken Gefühle, die in diesen Riten geäußert würden. Zum Schluss lässt der Rezensent Boyer stellvertretend für alle Neurowissenschaftler eine Warnung zukommen, vor den "dunklen Wassern", auf denen sie mit ihren "windschnittigen Wissenschaftsjachten" herumschippern.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.10.2004

Eine nüchterne Sicht des Phänomens Religion findet Rezensent Armin Adam in Pascal Boyers Buch "Und Mensch schuf Gott". Der Professor für kollektives und individuelles Gedächtnis, soziokulturelle Anthropologie und Psychologie suche Religion nicht religionswissenschaftlich, ethnologisch oder soziologisch zu deuten. Stattdessen greife er auf Neurologie und Allgemeine Psychologie zurück, um Religion als eine Funktion des Gehirns zu erklären. Demnach befriedige die Religion diverse Bedürfnisse des menschlichen Geistes, biete Lösungen für die Informations- und Verstehensprobleme des Menschen und begründe mit ihrer Vorstellung von Gott oder Göttern einen moralischen Raum, der für das soziale Lebewesen Mensch von enormer Bedeutung sei. Auch wenn der Religion kein besonderer Sinn und kein besonderes Erkenntnisvermögen entsprechen, referiert Adam weiter, werden sie durch die Hintertür zum Knotenpunkt menschlicher Existenz, indem sie Vorstellung und Gefühle zum Großen des menschlichen Lebens organisieren. Mit seiner Begründung der Religion aus der Natur des Menschen nimmt Boyer den Religionen "alle Dramatik", meint der Rezensent.

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