Christian Tilitzki

Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich

2 Teilbände. Diss.
Cover: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich
Akademie Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783050036472
Gebunden, 1400 Seiten, 165,00 EUR

Klappentext

Erstmals wird in dieser Studie die philosophiehistorische Erforschung des Zeitraums zwischen 1918 und 1945 auf eine breite empirische Basis gestellt. Die ergibt sich aus der Berücksichtigung der akademischen Philosophie an dreiundzwanzig Universitäten sowie zehn Technischen Hochschulen des Deutschen Reiches, so dass die weltanschaulich-politischen Positionen von fast 400 Philosophiedozenten thematisiert werden. Das schon in der Professoren-Publizistik des Ersten Weltkrieges erkennbare Ideal einer "alternativen Moderne" (Rolf Peter Sieferle) gibt dabei den geschichtsphilosophischen Bezugspunkt ab, der sich jenseits parteilich-weltanschaulicher Orientierungen als administrative Erwartungshaltung an die wissenschafts- und kulturpolitische Sinnstiftungskompetenz der Philosophen richtet.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.09.2002

Bei dieser höchst umfangreichen Studie handelt es sich um ein Buch, das, wie der Rezensent Norbert Kapferer meint, "bedeutend" und "unseriös" zugleich ist. Bedeutend als Fleißarbeit, als Materialsammlung zu 26 Jahren deutscher Universitätsgeschichte, von 1919 bis 1945. Interessant in den Zeugnissen, die ausgebreitet werden, viele davon bisher unbekannt. Eigentlich aber, so der erste schwere Kritikpunkt, fehle es dem Autor am analytischen Rüstzeug, um seinen Gegenstand in den Griff zu bekommen. Mit seinen "Urteilen und Umwertungsversuchen" hat er sich, so Kapferer, "völlig überhoben" - seine Thesen seien zum großen Teil nicht haltbar. Nicht die Behauptung, dass das Jahr 1933 als Zäsur in der Berufungs- und Universitätspolitik weit weniger bedeutsam war als bisher stets behauptet. Nicht seine Überzeugung, die Tatsache, dass es keine einheitliche nationalsozialistische Philosophie gab, belege schon einen wirklichen "Pluralismus" der Anschauungen. Und noch viel weniger die eher beiseite gesprochenen Leugnungen der deutschen Hauptschuld am Zweiten Weltkrieg. Erst "gegen die Ideologie und die Intention seines Autors" wird dieser Band, meint Kapferer, wertvoll: die Zitate nämlich und das Material sprechen sehr wohl für sich (und gegen Tilitzkis Interpretation).

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.08.2002

Zwiespältig fällt das Urteil Kurt Flaschs über dieses Buch aus. Keinen Zweifel lässt er am Fleiß des Autors, an der Gründlichkeit, mit der er in entlegenen und bisher nicht erforschten Winkeln der deutschen Universitätsgeschichte nach Dokumenten gegraben hat, die Licht werfen können auf das Verhältnis deutscher Universitätsprofessoren zu den politischen Umständen. Entdeckt hat Tilitzki, dessen Studie - eine Dissertation bei Ernst Nolte und Karlfried Gründer - chronologisch voranschreitet von 1919 bis 1945, ein erstaunliches "Wirrwarr von Werten und Worten", auch und gerade im Dritten Reich. Was so entsteht, ist, so Flasch, ein "Kolossalgemälde", es stellt den Beginn eines neuen "Forschungsstadiums" dar. Jedoch hat der Rezensent auch entschiedene Vorbehalte. Zum einen gegen die allzu summarische - und aus nationalsozialistischer Ideologie geborgte - Zweiteilung der weltanschaulichen Lager in "Universalisten" und "Partikularisten", wobei letztere (den Nazis zugeneigt) als Bewahrer "lokaler und nationaler Differenzen" verteidigt werden. Darüber hinaus revidiert Tilitzki auch noch die sonst kaum in Frage gestellte These von der deutschen Allein- oder wenigstens Hauptschuld am Zweiten Weltkrieg. Dass Tilitzki sich, zuletzt, gar nicht für die Philosophie als solche interessiert, sondern nur für die politische Verrechnung der Positionen, das gerät Flasch angesichts der Kritik an der kaum verhohlenen Apologetik des Autors fast zum Nebeneinwand.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.06.2002

Starkes Buch. 1475 Seiten stark. Und eine "scharfe Anklage" gegen die bisherige philosophiehistorische Forschung in Sachen Nationalsozialismus. Er kenne, schreibt Thomas Meyer in einem höchst gekonnten Verriss, keine Studie, die das Wissen um die deutsche Philosophie zwischen 1918 und 1945 auch nur in Ansätzen "derart erweitert und kontextualisiert" wie die vorliegende. Großes Lob also für den "Aktenkenner" und "Quellenpositivsten" Tilitzki. So weit, so gut. Was folgt, ist eine gnadenlose Abrechnung mit einer sich auf Theoreme Ernst Noltes stützenden Dissertation, die nicht nur "von Beginn an jede Form historischer Objektivität verfehlt" und jegliches Interesse an den politischen Vorgängen des "Dritten Reiches" vermissen lässt, sondern darüber hinaus - und das ist ein Vorwurf, über dessen Brisanz "in diesen Wochen" sich der Rezensent durchaus im Klaren ist - "Merkmale jenes intellektuellen Antisemitismus" aufweist, "der jüdische Denker nur als abstrakte denunziert und ihre universalistische Ethik als leere Formen". Starker Tobak. Aber Meyer nennt Beispiele, die seinen Vorwurf stützen sollen: Keine Zeile etwa finde sich über die Spinoza-Publikationen von Leo Baeck, Leo Strauss u.a. aus der Weimarer Zeit, während der Spinoza-Streit des "Dritten Reiches" in "jeder Nuance" verhandelt werde; Einrichtungen wie das Frankfurter Lehrhaus von Franz Rosenzweig oder das jüdisch- Theologische Seminar in Breslau seien für den Autor nicht existent. Die Kritik an diesem Buch, so Meyer abschließend, müsse an der Methode und an der Interpretation ansetzen, "die zahllosen Ungeheuerlichkeiten" als Teil der Textstrategie verstanden werden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.04.2002

Eine ganzseitige Rezension für eine Dissertation über die Geschichte der deutschen Universitätsphilosophie von 1918-1945? Scheint ja ein dicker Hund zu sein. Rezensent Frank-Rutger Hausmann, Romanistikprofessor an der Uni Freiburg, nennt auch gleich die Gründe: Autor Christian Tilitzki hat bei Karlfried Gründer und Ernst Nolte promoviert, nennt sich selbst einen "Revisionisten" und hält in seiner Studie ein "Scherbengericht" über die jüngste Philosophiegeschichtsschreibung ab, die er des "moralisierens" bezichtigt. Hausmann verteilt in seiner Besprechung viel Lob - für die Aktenauswertung. Sie sei "eindrucksvoll, sachkundig und informativ", die Darstellung der philosophischen Berufungsgeschichte 1918-1945 "lückenlos", selbst der Spezialist finde viel Neues. "Erheblichen Erkenntnisgewinn" werde man in jedem Fall aus diesem Buch ziehen, selbst wenn man die zentrale These des Autors nicht teile. Nach Tilitzki waren die Philosophen zwischen 1933 und 45 ideologisch nicht verblendeter waren als vor oder nach dieser Zeit. Das sieht Hausmann ganz anders. Er wirft dem Autor vor, den "völkisch-rassischen Schwenk" der Philosophen nach 1933 zwar nicht zu leugnen, aber doch zu "relativieren". Erst nach der Machtergreifung wurden "international übliche Kategorien der Wissenschaftlichkeit" aufgegeben. Gegen die Aussagekraft der Berufungsakten wendet Hausmann - offenbar aus Erfahrung - ein, dass in Kommissionen oft "außerwissenschaftliche Argumente", die nicht schriftlich fixiert werden, entscheidend seien. Um die politische Einstellung der Hochschullehrer kennenzulernen, hätte Hausmann gern etwas über ihre aktive Mitwirkung in Parteien oder ihr tatsächliches Verhalten erfahren. Solche Zeugnisse fehlten jedoch "so gut wie ganz". Und schließlich erinnert Hausmann daran, dass ein großer Teil der angesehensten Philosophen nach 1933 als Juden nicht mehr lehren durften, was von den Nichtbetroffenen "kommentarlos bis zustimmend" hingenommen wurde. War nicht auch damals Ethik ein Teil der Philosophie, fragt der Rezensent.
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