Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Wir sind benommen vom Kommunikations- und Informationsrausch. Gleichzeitig spüren wir eine Ohnmacht angesichts des Tsunamis der Information, die deformative, destruktive Kräfte entfaltet. Die Digitalisierung erfasst inzwischen auch den Bereich des Politischen und führt zu massiven Verwerfungen im demokratischen Prozess. Wahlkämpfe als Informationskriege werden mit allen erdenklichen technischen und psychologischen Mitteln geführt. Social Bots, die automatisierten Fake-Accounts in den sozialen Medien, verbreiten Fake News, Hetze und Hass und beeinflussen die politische Meinungsbildung. Troll-Armeen greifen in die Wahlkämpfe ein, indem sie gezielt Desinformation betreiben. Verschwörungstheorien und Propaganda beherrschen die politische Debatte. Mittels digitaler Psychometrie und Psychopolitik wird versucht, das Wahlverhalten unter Umgehung bewusster Entscheidung zu beeinflussen. Byung-Chul Hans neuer Essay beschreibt die heutige Krise der Demokratie, indem er sie auf den digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit zurückführt. Han gibt der Krise einen Namen: Infokratie und verortet sie im Informationsregime als neue Herrschaftsform.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 27.09.2021
Rezensentin Bettina Baltschev nimmt das handliche Buch des Philosophen Byung-Chul Han zum Anlass, über die eigene Unmündigkeit nachzudenken. Wie die algorithmisch gesteuerte Häppcheninformation auf subtile Weise Wissen, Erfahrung und Erkenntnis verdrängt, kommunikatives Handeln à la Habermas unmöglich macht und Verführern aller Art Tür und Tor öffnet, beschreibt ihr der Autor nachvollziehbar, obgleich in düsteren Farben. Damit schließt der Autor laut Baltschev an seine früheren Arbeiten an, spitzt seine Thesen jedoch zu und bezieht sie auf die unmittelbare Gegenwart. Dass er keine Auswegen aus dem "Informationsregime" skizziert, findet die Rezensentin in Ordnung.
Mladen Gladic gesteht Byung-Chul Han das Pathos am Ende seines Buches zu, wenn der Philosoph pessimistisch feststellt, dass der Krieg der Identitäten nicht aufzuhalten ist. Zuvor hat ihm der Autor mit Foucault, Arendt, Habermas und Postman das "Informationsregime" der Mediokratie erklärt, den Zerfall der Gesellschaft in Privaträume und Privatanliegen schlau analysiert und die Information begrifflich von der Wahrheit geschieden. Wer möchte da nicht pathetisch werden, fragt der Rezensent, wenn es heißt, die Wahrheit sei nur eine Episode, verweht im digitalen Wind und Rauschen der Information?
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