"So schwankten wir langsam weiter, kein Floß der Medusa, sondern das Floß einer toten Familie, das heißt, sie waren alle tot außer mir, der nicht wußte, ob es 1913 oder 1930 oder 1976 war. Ich wusste auch nicht, ob ich ein eingeschüchtertes Kind oder ein träumender Greis oder einfach einer war, der zum Erinnern und Lieben und zum Erzählen ewig verurteilt blieb." Dieses Floß treibt von New York, wo Adolf Placzek 1940 im rettenden Exil gelandet war, zurück in die Vergangenheit, ins heimatliche Wien: Es passiert die Jahre des Ersten Weltkriegs, die Zwischenkriegszeit bis zum "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland, erinnert werden die Jugend in einer bürgerlichen jüdischen Familie, die verdrängten Zeichen der wachsenden Bedrohung, des erstarkenden Antisemitismus. In diesem außergewöhnlichen Prosatext gelingt es dem Autor, Geschichte und Lebensgeschichte in eins zu erzählen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.12.2000
In einer Doppelrezension bespricht Hans Christian Kosler zwei Bände von Adolf Placzek, der Wien 1939 verlassen musste und in den USA später eine renommierte Architekturbibliothek aufbaute. Beiden Texten gemeinsam ist nach Kosler eine ausgesprochen tiefe Melancholie.
1.) Adolf Placzek: "Traumfahrt mit der Familie" (Jüdischer Verlag)
Kosler lobt hier vor allem die "atmosphärische Verdichtung" und die "eindringlichen allegorischen Bilder", mit denen der Autor die Geschichte der Familie beschreibt, die kurz vor der Kristallnacht noch eine gemeinsame `Traumfahrt` unternimmt, bevor sich ihre Mitglieder aus den Augen verlieren. Der Rezensent sieht hier gleichzeitig den Untergang einer Zeit und das Ende des "Grossbürgertums" beschrieben. Doch anders als viele andere Autoren, habe sich Placzek nicht in Details verloren. Vielmehr liege die Stärke des Buchs vor allem in den Assoziationen, die es auslöst.
2.) Adolf Placzek: "Wiener Gespenster" (Zsolnay-Verlag)
Diese Geschichte, die von den Schwierigkeiten und dem Heimweh einer österreichisch-jüdischen Emigrantenfamilie in New York erzählt, bespricht Kosler nur kurz. Im Vergleich zur `Traumfahrt mit Familie` erscheint sie ihm einerseits "konventioneller geschrieben", gleichzeitig aber auch "wirklichkeitsorientierter".
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