Vom Nachttisch geräumt

Soll man etwa über die Pausen hinwegsingen?

Von Arno Widmann
27.04.2016. Will Musik neu erzählen: Der Sänger und Dirigent René Jacobs im Gespräch mit Silke Leopold
René Jacobs wird am 30. Oktober seinen 70. Geburtstag feiern. Aus diesem Anlass lese ich ein 2013 erschienenes sehr schönes Buch von und über ihn. Die in Heidelberg lehrende Musikwissenschaftlerin Silke Leopold hat eine Reihe von Gesprächen mit dem Sänger, Dirigenten, Regisseur, mit dem großen Wiederentdecker verloren gegangener Schönheiten nicht nur barocker Musik geführt und aufgeschrieben. Wer es liest, begibt sich auf eine Reise durch das Leben René Jacobs' und damit eine Reise durch eine der wichtigsten musikalischen Strömungen der vergangenen Jahrzehnte, nämlich die Geschichte der Entwicklung der historischen Aufführungstechnik. Bei der Lektüre wird er lernen, dass das, was da geschah, die gesamte musikalische Praxis revolutionierte.

Was auftrat als ein historistisches Unternehmen, als ein So-Musizieren "wie es eigentlich gewesen war", wurde der ferne Ort, von dem aus ein Hebel angesetzt werden konnte, der nicht nur die gängigen Aufführungspraktiken, sondern das Verständnis von Kunst insgesamt in Frage stellte. Bildung und Kenntnisse, Intelligenz und ein Ohr für Unerhörtes wurden so wieder zu zentralen Tugenden des Künstlers. Es entstand der Cantor doctus, der gelehrte Sänger. Undenkbar, dass Karajan ein Buch zu Stande gebracht hätte wie Gardiner über Bach oder dass - abgesehen von der einsamen Figur Fischer-Dieskau - irgendein Sänger gelehrte Bücher geschrieben hätte wie Ian Bostridge.

Die Suche nach einem im Laufe des 19. Jahrhunderts verloren gegangenen Klang führte zur Entdeckung neuer Kontinente. Man wird das Interesse für - dumm gesprochen - Weltmusik im Zusammenhang sehen müssen mit dem scheinbar ganz in die eigene, europäische Vergangenheit versunkenen Bemühen um die Wiederentdeckung der Alten Musik. Womit wir mitten in der neuesten wären. Es ist ein wenig so wie im 17. Jahrhundert, als in Florenz Musiker und Gelehrte sich ins Altertum vertieften und versuchten das antike Drama wieder zu beleben und bei dieser Gelegenheit die moderne Oper erfanden. "Reculer pour mieux sauter" - wer große Sprünge machen möchte, der braucht viel Anlauf, muss also weit zurückgehen. In der Weltgeschichte, im wirklichen Leben also, kommt es gar nicht so selten vor, dass jemand, der sich lieber ein wenig hinten hält, mit einem Male sich in einem Gelände befindet, von dem aus es nur ein ganz, ganz kleiner Schritt ist, um bei denen zu sein, die die ganze Zeit wild nach vorne drängten.

Sie werden Wochen für die Lektüre dieses Buches brauchen. Nicht weil es langweilig wäre. Das ist es keine Sekunde, sondern weil es voller Anregungen steckt, denen Sie nachgehen werden. Da ist gleich in der Vorbemerkung von Silke Leopold ein Hinweis auf eine Aufführung von Bachs h-Moll Messe im Berlin der achtziger Jahre. Das "Agnus Dei" sang René Jacobs. Leopolds genaue Beschreibung macht Sie so neugierig, dass Sie sofort das Buch aus der Hand legen, Ihren Laptop öffnen und auf Youtube nach irgendeiner Einspielung des "Agnus Dei" mit René Jacobs suchen. Sie finden sie nicht. Nur das "Agnus Dei" von Zelenka. Großartig, aber jetzt switchen Sie um, hören, weil Leopold von ihrer Altstimme sprach, Nathalie Stutzmanns Interpretation, dann die von Andreas Scholl und von Daniel Taylor.

Hier Nathalie Stutzmann:



Und hier eine Aufnahme mit dem unglaublichen Alfred Deller und einem leicht verstimmten Orchester aus jener Zeit, als "historische Aufführungspraxis" noch wirklich fremdartig klang.



Und hier Andreas Scholl mit mitlaufenden Noten:



Und hier René Jacobs mit dem "Agnus Dei" aus einer Zelenka-Messe.



Als ich zum Buch zurückkomme, ist fast eine Stunde vorbei. Ich kann nicht weiterlesen. Ich bin trunken von der Musik. So geht es immer wieder in diesem Buch. Wenn der 1946 geborene René Jacobs von seinen ersten Auftritten als Sängerknabe in der Kathedrale seiner Heimatstadt Gent erzählt, ja vorher schon, als Silke Leopold auf die große Genter Musiktradition hinwies, schlage ich nach. Oder wenn ich erfahre - ich hatte mir das nie klargemacht -, dass Philippe Herweghe, geboren 1947, René Jacobs und Gerard Mortier, geboren 1943, alle aus Gent stammen, aber in ihrer Jugend niemals aufeinander trafen, dann fange ich an, über Zeitgeist und Mode, über Nester und Konjunktur nachzudenken. Jedenfalls unterbreche ich die Lektüre. Als Jacobs erzählt, dass er als Knabe die Altistin Aafje Heynis bewunderte und beschloss, Sänger zu werden, da erinnere ich mich, dass ich in der Küche auf einem kleinen Höckerchen saß und begeistert meiner Mutter zuhörte, die beim Kochen Puccini- und Verdi-Arien sang. Meine Bewunderung erstickte meinen Nachahmungstrieb. Wäre sie ein Alt gewesen! Wer weiß? Vor allem aber höre ich - gepriesen, o Herr, sei Youtube! - ihr "Erbarme Dich" aus Bachs Matthäus-Passion und dann weiter. Bis ich beginne, durch sie hindurch René Jacobs zu hören. Jetzt begreife ich, was die Kenner meinen, wenn sie sagen, sie hörten hinter dem einen Pianisten seinen Lehrer und dessen Lehrer, und ganz dahinter glauben sie ein fernes Echo von Franz Liszt zu vernehmen.

So komme ich nicht weiter mit dem Buch. Ich muss aufhören alles nachzuschlagen, nachzuhören. Nehme ich mir vor, aber das klappt nicht. Ich weiß einfach zu wenig. Zum Beispiel Louis Devos. Ein weltberühmter belgischer Sänger, erzählt René Jacobs. Ich schlage wieder nach. Ich habe meinen Vorsatz, nichts zu lesen als dieses Buch, gerade mal eine Seite durchgehalten. Allerdings fand ich nur Aufnahmen mit Louis Devos als Dirigenten. Nicht eine des Sängers.

Auf die Frage "Wie bist Du zur Oper gekommen?", antwortet René Jacobs: "Als Kind habe ich Oper gehasst. Mein Vater interessierte sich überhaupt nicht dafür. Meine Mutter aber hatte ein Opernabonnement in Gent. Zweimal hat sie mich mitgeschleppt, beim dritten Mal habe ich revoltiert: 'Oper liebe ich nicht!' Die erste war 'Cavalleria rusticana', und ich fand es entsetzlich; die zweite 'Don Carlos', schon besser, aber immer noch zum Abgewöhnen. Es war schon die Zeit, in der ich Aufnahmen mit Fischer-Dieskau hörte und manchmal auch in Liederabende gegangen bin. Aber diese pompösen Opernsänger und diese statischen Inszenierungen damals - das fand ich schrecklich. Es war dann erst einmal aus mit meiner Liebe zur Oper." Es waren Schallplattenaufnahmen von Mozart-Opern mit Böhm und Karajan aus den fünfziger Jahren, die Jacobs mit der Oper versöhnten. Aber er ging nicht ins Opernhaus. Er saß zuhause vor dem Plattenspieler mit dem Libretto.

Silke Leopold und René Jacobs sprechen über die Tempi bei Bach. Leopold erinnert an Willem Mengelberg, der von 1895 bis 1945 das Concertgebouw-Orchester in Amsterdam leitete. Ein Spätromantiker, der Bach "mit großen Besetzungen, extrem langsamen Tempi, mit dem ganzen Pathos Wagner'scher Gesangskultur" aufführte. Will Jacobs, fragt Leopold, davon ein Stück wiederbeleben? Jacobs antwortet: "Niemand kann heute noch Mengelbergs Schneckentempo nachvollziehen. Es lohnt sich aber dennoch, die heute gängigen Tempi zu überprüfen. Die kalte Art, in der man so oft die Choräle 'erledigt' und über die Fermaten auf den Schlusssilben der Verse hinwegsingt, ist nach meiner Auffassung durchaus problematisch. In theoretischen Handbüchern der Zeit kann man lesen, dass diese Fermaten Pausen zum Nachdenken sein sollen. Und wir wissen aus überlieferten Notenblättern, dass es eine Organistenpraxis gab, auf diesen Fermaten eine kurze Improvisation zu machen, so wie es in bestimmten Kantaten für das Orchester ausgeschrieben ist. Soll man über die Pausen hinwegsingen? Darf ich die schmerzerfüllten chromatischen Gänge in den Mittelstimmen nicht auslassen, ohne gleich eines romantischen Expressivos geziehen zu werden?"

Natürlich eile ich jetzt wieder zum Computer oder an die CD-Wand und hole mir Mengelbergs Matthäuspassion-Einspielung vom 2. April 1939. Naxos brachte sie vor etwas mehr als zehn Jahren auf drei CDs heraus. Herzerweichend. Auch wenn man weiß, dass Mengelberg mit den Nazis kollaborierte. Aber es wird einem auch wieder mal klar, wie notwendig und auch übermächtig nach der definitiven Niederlage des Nationalsozialismus der Wunsch war, sich auch von den mit ihm erlebten Gefühlen zu verabschieden. Dabei wusste man damals schon, dass auch sie betrogen und erniedrigt wurden im Nationalsozialismus. Bei der Entdeckung des Neuen spielt die Gier darauf eine wichtige Rolle. Aber wichtiger noch ist die Abscheu vor einem widerlich erscheinenden Alten.

Mengelberg:



Ich bin noch immer nicht durch mit dem Buch. Aber dazu ist es nicht da. Das ist kein Buch, das man liest, das ist ein Buch, das einem zeigt, was man hören kann, wenn man die Ohren aufmacht, wenn man - das vor allem - sich Zeit nimmt.

René Jacobs im Gespräch mit Silke Leopold: Ich will Musik neu erzählen, Bärenreiter/Henschel, Kassel 2013, 223 Seiten, zahlreiche s/w und farbige Abbildungen, 24,95 Euro. Leseprobe