Vom Nachttisch geräumt

Nicht in ein Nichts hineinsterben

Von Arno Widmann
11.05.2015. Glücklich sterben? Das neueste Buch des katholischen Theologen Hans Küng hat nur ein Thema: den Tod
Im November 2013 interviewte Anne Will den 85jährigen katholischen Theologen Hans Küng. Er erklärte, dass er nicht bereit sei, den Weg seines alten Freundes des Rhetorikprofessors Walter Jens zu gehen. Er, der gläubige Christ, werde seinem Leben ein Ende setzen, bevor es seinem Bewusstsein entgleite. Auf die Frage von Anne Will, ob ihm Papst Johannes Paul II., der sein Parkinson-Leiden öffentlich machte, nicht auch Trost gespendet habe, antwortete Küng: "Mir nicht. Mir überhaupt nicht. Ich fand es verantwortungslos, die Kirche sozusagen vom Sekretär leiten zu lassen. Das war ja damit verbunden, dass er überhaupt nicht mehr fähig war, die Kirche zu leiten. Da muss ich sagen, Joseph Ratzinger hat da meinen größten Respekt verdient, dass er gerade das nicht wollte. Er hat schon rechtzeitig erklärt, dass er durchaus bereit sei zurückzutreten, wenn er sieht, er kann es nicht mehr machen… Das hing aber zusammen mit der Situation im Vatikan, mit dieser ganzen schrecklichen Geschichte der Missbrauchsfälle, deren Vertuschung er selber angeordnet hatte als Kardinal: Das sei unter dem päpstlichen Geheimnis zu behandeln."

Nicht darum ging es in diesem Gespräch, sondern um die Freiheit eines Christenmenschen, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Anne Will fragt Hans Küng: "Warum wollen Sie denn ihr Leben beenden, sollten Sie Anzeichen spüren einer beginnenden Demenz?" Küngs Antwort: "Weil ich nicht der Meinung bin, dass das irdische Leben alles ist. Das hängt natürlich mit meiner Glaubensüberzeugung zusammen, dass ich nicht glaube, dass ich in ein Nichts hineinsterbe. Ich kann Leute verstehen, die nicht an ein ewiges Leben glauben, dass die natürlich Angst haben vor dem Nicht-sein. Ich aber bin der Überzeugung, dass ich nicht in ein Nichts hineinsterbe, sondern in eine letzte Wirklichkeit hineinsterbe. Dass ich sozusagen nach Innen gehe, in die tiefere, tiefste Wirklichkeit und von dorther also ein neues Leben finde. Das ist meine Glaubensüberzeugung. Und die lässt mich natürlich etwas souveräner sein bezüglich der Länge und dem Aushalten in diesem Leben."

Das Interview liegt jetzt auch als Buch vor. In einem "Postscriptum aus aktuellem Anlass" schreibt Hans Küng: "Ende Juni 2014, während der letzten Vorbereitungen zur Drucklegung dieses Buches, durchlebte sein Autor eine schwere gesundheitliche Krise: eine Folge seiner fortschreitenden Parkinson-Erkrankung. Buchstäblich über Nacht schien ihm die Kontrolle über sein Leben aus den Händen zu gleiten - ein Zustand, der sich erst nach Wochen intensiver ärztlicher Betreuung allmählich besserte. Es war genau jene Erfahrung, die ich unbedingt vermeiden wollte: womöglich nicht mehr selbstbestimmt über Leben und Sterben entscheiden zu können, den Zeitpunkt womöglich "verpasst" zu haben..." Hat er nach dieser Erfahrung seine Einstellung geändert? Nein. Hans Küng versucht mit diesem Buch den Kritikern seiner Haltung deutlich zu machen, dass er auch aus religiösen, aus theologisch gut fundierten Gründen der Auffassung ist, es gehöre zur christlichen Freiheit dazu, auch dem von Gott geschenkten Leben ein Ende zu machen. Das Buch ist eines der bewegendsten Bücher zur Diskussion um den Freitod.

Hans Küng, Glücklich sterben?, Piper, München 2014, 159 Seiten, 16,99 Euro (Bestellen)