Tagtigall

Hörnerschwung

Die Lyrikkolumne im Perlentaucher. Von Marie Luise Knott
12.07.2014. Walliser Schwarzhalsziegen, ein Melklied, Clarice Lispector und "fremd sprechen" - Beobachtungen vom 19. Internationalen Literaturfestival im Walliser Leukerbad.
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Dass und vor allem wie wir unser Leben mit den Tieren teilen, ist in den letzten Jahren zunehmend Thema - auch der Literatur. Vielleicht, so mutmaßte einmal der Schriftsteller J. M. Coetzee, weil wir heute, da sie nur noch selten unsere Begleiter sind, in den Tieren etwas von unserem Ursprünglichen suchen, vielleicht aber auch, so die Vermutung weiter, weil wir uns angesichts unseres immer schrankenloseren Nützlichkeitshandelns um unser Seelenheil sorgen.

Leukerbad, ein Thermalort mit heißen Quellen, eng verwinkelten Gassen und Schweizer Holzhäusern, umgeben von hochaufragenden Felswänden, über deren Pässe einst auf Eseln die Menschen und die Waren gelangten, ist heute zuallererst ein Arrangement für Touristen, samt Hirschgeweih an Häuserwänden und Kuhgeläut auf ortsnahen Wiesen. Erst oben in den Bergen trifft man auf Natur, auf Adler, Murmeltiere, Gletscher, Wildblumen, Gemsen. Längst schon werden Äcker nicht mehr mit Pferden gepflügt, die Handelswaren nicht mehr, wie zu Goethes oder Maupassants Zeiten, mit Eseln über den "Gemmi"-Pass getragen. Doch auf dem Festival wanderten auffällig viele Tiere durch die Gespräche und die Lesungen, angeregt vielleicht durch die Tatsache, dass man am ersten Abend aus fernen Anden umgesiedelte Guanakos sowie eine Herde Walliser Schwarzhalsziegen zu Gesicht bekam.

Hans Ruprecht, der Leiter des Literaturfestivals, holt Jahr für Jahr Stimmen der Weltliteratur in diese malerische Kulisse, und die diesjährigen Lesungen, manche im wassergeleerten Thermalbad, betonten so manch Ungeheures in den Werken von Terézia Mora, Liliana Corobca und Saša Stanišić; doch auch das Somalia von Nadifa Mohamed, die Türkei Sema Kaygusuzs oder das Äthiopien von Maaza Mengistu erscheinen hier entrückter als bei Lesungen in Berlin oder München.

Die besondere Attraktion des Festivals jedoch liegt in Ruprechts feinsinniger Aufmerksamkeit für Exklusivitäten - und für die Literatur der Alpenwelt. In diesem Jahr strömten die Besucher am helllichten Tag zu dem Ziegenfilm "Im Augenblick", den der österreichische Dichter Bodo Hell vorstellte. Hell, ein Poet der Wiener Schule, feiert in seinen sich mitunter überstürzenden und dann wieder jäh abbrechenden Satzkaskaden die Überfülle der Schöpfung, vor der wir staunend stehen. Noch immer, mit seinen über 70 Jahren, verbringt er Sommer für Sommer als Senner auf einer Alm im Dachstein-Gebiet, wo er 140 Ziegen hütet und für sein Schreiben, wie er sagt, "ambulanten Anschauungsunterricht, Studien in Wahrnehmung, Rhythmus und Weitblick" erhält. Kein Wunder dass die langjährige Dichter-Freundin Friederike Mayröcker in einem Motto ihres jüngsten Bandes "études" sein "woher Fleisch des Gedichts" zitiert; dann beginnt ihr Vers: "und bin im freien Fall: bin Schwalbe Zeisig Drossel".

Lange hält die Kamera im Film auf Bodo Hells Ziegen und bestaunt die plastische Kraft der Natur, das harmonische Zusammenspiel von Kopfform, Fellfarbmuster und Hörnerschwung; dann fährt sie über den Körper und man bewundert die scheinbar zufällige Anordnung der weißen Flecken, die sich in den Steinen der Landschaft wiederholen. Sie leuchten in der Abendsonne. Lange verweilt das Kamera-Auge bei den Tierleibern, und die Bilder könnten sich uns einprägen, wären da nicht die allzu bedeutungsvoll hineingeraunten Zitate von Nietzsche, Descartes und Agamben ("Der moderne Mensch leidet an einer geschwächten Persönlichkeit") die wie bei einem schlechten Gedicht die Offenheit und Eigengestalt des Materials zunichte machen.

Als Hell später bei einer Lesung ein "Melklied" rezitierte, ahnte man plötzlich den Ursprung der Poesie, seine Verwurzelung in gemeinschaftlicher Praxis und gesellschaftlicher Teilhabe - eine Erinnerung an die Zeit, bevor Poesie zum individuellen und subjektiven Ausdruck wurde:

Melklied

1 und 2, 3
alt ist nicht neu
neu ist nicht alt
warm ist nicht kalt
kalt ist nicht warm,
reich ist nicht arm,
arm ist nicht reich
ungrad ist nicht gleich
gleich ist nicht ungrad
der Wagen der hat 4 Rad
4 rad hat der Wagen
singen ist nicht sagen
sagen ist nicht singen
tanzen nicht springen
springen nicht tanzen
flöh sind keine wanzen,
wanzen keine flöhe
wohl tut nicht wehe
wehe tut nicht wohl
eimer ist nicht voll

...

Dieses endlos fortsetzbare Spiel mit Antonymen gibt den Melkerhänden Takt, dem Kopf Futter und der eintönigen Zeit ihren Vertreib.

Doch nicht nur die Tiere wanderten durch das Festival. Ein traditioneller Schwerpunkt gilt dem verdichteten Wort, und der Lyriker und Performer Raphael Urweider brachte das Kunststück fertig, im Alten Bahnhof Dichter verschiedener Nationalität und Sprachverständnisse nicht einfach nacheinander lesen zu lassen, sondern einander zuzuführen. Dieses Jahr lasen die Schweizerin Katharina Faber, der Südafrikaner Charl-Pierre Naudé, der Wahl-Römer Durs Grünbein und die in Berlin ansässigen Dichter Esther Kinsky und Ernest Wichner. Urweider selbst widmete jedem als Kommentar ein Gedicht aus eigener Produktion und so bekam man eine Idee vom Wandern der Bilder durch Jahrhunderte, Kulturen und Kontinente hinweg.
 
Katharina Faber erinnerte an Ransmayrs Eismeister Carlsen, der samt Harpune von einem Walroß in die Tiefe der Meere gerissen wird, während Naudés Langgedicht "Interkontinentale Schnittstelle" koloniale Verwerfungen zwischen Südafrika und Antwerpen in den Blick rückte; es ging um Hände, Leichen von Befreiungskämpfern und um Schädel mit pockennarbigen Einschusslöchern. Dagegen setzte Esther Kinskys Vortrag auf die Wiederbenennung der Welt und ließ allerlei Archaisches, Verwildertes und Gefährdetes wuchern.

Oh lieber schwarzer lieber
gottvergess wend ab
das übel unverhofft das vöglein
fiederlos das uns zu nah
an herz und schulter sitzt und nichts
zu zwitschern weiß als dieses lied


Eine Beschwörung, die fast vergessene Pflanzennamen (gottvergess) und Volks-Rätsel (vöglein fiederlos) neu ansiedelt im Hier und Jetzt. Auf all dies und auf die Zerbrechlichkeit von Kinskys Vortrag antwortete Urweider mit eine Gedicht über Knospen ("Knospen sind Geduld verlangende Versprechen"), derweil Ernest Wichner - der im Gespräch mit Elke Schmitter vom Bilderwandern auf der Sprachinsel "Banat" erzählte, als "angrenzende Landschaft" zu Esther Kinsky und Charles-Pierre Naudés Schädel - sein "Maden"-Gedicht vortrug, in dem es hieß:

ein Schädel liegt hier unter Zweigen
der schweigt. In Schichten Leben darin
haarfein rund eine Gier nach Vollendung

sich walzend im Stillen wie Frieden
wie Tarnung wie Frieden. Der da gelegen
Schädel noch Maden nun um die Knochen

wucherndes Knospen und Wühlen einem
Ende zu das nicht ist. Es wird nicht es
bleibt. Es bleiben von Zweigen beschattet

bedeckt fast die gellend weiß und eins
überm andern die kriechende die schmatzende
Stille fast ans Hörbare schlagend Maden

....

darunter ein Schieben ein Sich-Recken
als ob da ein Wille wäre ein Drang nach
mehr wie hinauf wie empor zum Himmel

...

Bei diesem "schönsten Literaturfestival der Schweiz" (Tagesanzeiger), das auf Qualität, Begegnungen und Atmosphäre setzt, arrangieren Hans Ruprecht und sein Team ein Nebeneinander von literarischen Wanderungen, Lesungen und Gesprächen, sodass die vielen Festival-Besucher zwangsläufig so einiges verpassen. Großartig der Abend von Katharina Faber und Bernhard Moser über Leben und Werk der Grande Dame der brasilianischen Literatur ukrainischer Herkunft, Clarice Lispector, die einmal das Wort als ihre "vierte Dimension" bezeichnete; großartig auch das lange Interview mit ihr, das wenige Monate vor ihrem Tod entstand und in Leukerbad vorgeführt wurde; und großartig ferner die Vorstellung eines bislang unbekannten Mundart-Manuskriptes aus dem Nachlass von Robert Walser: im Duett lasen die Dichter Klaus Händl und Raphael Urweider Passagen daraus - der eine in Mundart, der andere in hochdeutscher Übersetzung. Kleine große Trumpfe und Triumphe in diesem Jahr.

"Übersetzungen" und Analogiebildungen gehören zum Elixir von Literatur. Der Schweizer Schriftsteller Urs Mannhart ließ, um einen Moment lauernder Stille in einem Kriegsgebiet zu beschreiben, Vögel kreisen und Hunde im Schatten einer Zapfsäule liegen, denen die Zunge auf den Asphalt hing. Einer der eingeladenen Dichter sah sich im Gespräch auf dem Dorfplatz, beim Anblick der hochgeschichteten Walliser Felswände, an Häute riesenhafter Elefanten erinnert, über deren sprichwörtliches Gedächtnis wiederum andere Autoren rätselten, während einer der anwesenden Verleger von der Intelligenz des Bartgeiers schwärmte, der große Knochen, die er selbst nicht aufknacken könne, aus dem Flug zu Boden fallen lasse. Tatsächlich verstehen wir die Tiere keineswegs besser als sie uns, doch die Literatur hält Welten im Dialog.

Jedes Kunstwerk "übersetzt" sich bei jedem Hören, Lesen und Betrachten jedes Mal neu. Und schon immer gehört gerade das Übersetzen zu den Versuchen, die Welt miteinander zu teilen. Vom "fremd sprechen" im Übersetzen handelte das Gespräch zwischen Stefan Zweifel und Esther Kinsky. Stefan Zweifel war fasziniert von Kinskys Grundüberlegungen, dass Übersetzen ein höchst individueller Akt ist, weil Sprache sich in jeden Körper verschieden einschreibe, und folglich jeder einen Text auf völlig verschiedene Weise lese. Gebannt lauschte das Publikum erst seiner, dann ihrer Lesung ein und derselben Passage aus Kinskys Roman "Sommerfrische", die erwartungsgemäß völlig verschieden tönten. "Es gibt kein objektives Wort", so Kinsky. Doch: das "System von Raum und Zeit hält uns in seiner Verbindlichkeit".

Kinsky treibe ihr Schreiben, so betonte Zweifel, weit hinaus ins Nichtintentionale, an jenen Ort, zwischen den Sprachen, wo vielleicht - eine Utopie - "ein Drittes" entstehen könne, ein Sein "ohne Bestimmung und Erfüllung", jenseits vorgefundener Zugehörigkeiten.

Als die Leukerbader 1951, Jahrzehnte vor der Erfindung des Literaturfestivals, erstmals mit dem Schriftsteller James Baldwin einem Schwarzen begegneten, staunten sie nicht wenig. Man schien ihn nicht wirklich für ein menschliches Wesen zu halten, so Baldwin, doch er erkannte die Chance der Begegnung: "Vielleicht", so schreibt er, "erweist sich diese Erfahrung eines Nebeneinanders von Schwarz und Weiß eines Tages als unentbehrlicher Wert in der Welt, vor der wir heute stehen. Eine Welt, die nicht mehr weiß ist und es nie wieder sein wird." Nicht weiß, nicht schwarz - ein Drittes eben.


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Zum Weiterlesen:

- Friederike Mayröcker, études, Suhrkamp 2014.
- Esther Kinsky, fremd sprechen, Matthes & Seitz 2013.
- Esther Kinsky, naturschutzgebiet. Gedichte und Bilder, Matthes & Seitz 2014.
- Bodo Hell, Omnibus. Texte von und Beiträge zu Bodo Hell, Literaturverlag Droschl 2014.
- Urs Mannhart, Bergsteigen im Flachland, Sezession 2014.
- Ernest Wichner, bin ganz wie aufgesperrt. Gedichte, Wunderhorn 2010.
- Aris Fioretos, Durs Grünbein, Verabredungen. Gespräche und Zwischenspiele über Jahrzehnte, Suhrkamp 2013.
- Raphael Urweider, Das Gegenteil von Fleisch, Köln, Dumont 2003.
- Robert Walser, Der Teich, hg. und mit einem Nachwort von Reto Sorg, aus dem Schweizerdeutschen von Klaus Händl und Raphael Urweider, mit 7 Holzschnitten von Christian Thanhäuser, Insel Berlin 2014.
- Gedichte von Charl-Pierre Naudé (deutsch Silvia Geist) in: Ankunft eines weiteren Tages. Zeitgenössische Lyrik aus Südafrika, Wunderhorn 2013.
- James Baldwin, Stranger in the Village, 1951.

Film:
"Im Augenblick. Die Historie und das Offene", Film von Othmar Schmiderer und Angela Summereder.

Zu Clarice Lispector:
Benjamin Moser, Clarice Lispector. Eine Biografie, aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2014. Ferner das einzige und letzte Interview:


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