Tagtigall

ein winken denken

Die Lyrikkolumne im Perlentaucher. Von Marie Luise Knott
31.03.2014. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und das Lyrikkabinett empfehlen die besten Lyrikbände des Jahres 2013. Zum Nachlesen und Nachhören.
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Was für eine Initiative! Es gibt immer noch keinen Deutschen Buchpreis für Lyrik, doch im zweiten Jahr nun schon haben die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aus Darmstadt und die Stiftung Lyrikkabinett aus München gemeinsam eine Liste veröffentlicht, die ausschließlich Lyrikbände aus den letztjährigen Verlagsprogrammen empfiehlt: Hier die "Lyrikempfehlungen. Die Gedichtbücher des Jahres 2013". Erklärtes Ziel ist es, die bemerkenswertesten Neuerscheinungen hervorzuheben und die Stimmenvielfalt der gegenwärtigen Poesie stärker ins öffentliche Gespräch zu bringen.

Das Empfehlungssystem ist einfach und genau auf das genannte Ziel zugeschnitten: Es gibt keine Jury, die sich auf "die Besten" einigen muss. Nein. Jeder der 11 Empfehlenden - die meisten sind Lyriker oder Kritiker - hat zwei Stimmen, eine für die deutschsprachige Lyrik, und eine für die internationale Lyrik in deutscher Übersetzung. Die vor einigen Wochen publizierte Liste kann sich sehen lassen: Maria Gazzetti etwa empfiehlt gesammelte Gedichte von Thomas Brasch ("Die nennen das Schrei")", der Dichter Heinrich Detering empfiehlt Nora Gomringers "Monster Poems" und Daniela Strigl die "études" der großen Friederike Mayröcker, während Holger Pils sich für das verführerische Sprachengewirr von Uljana Wolf ("meine schönste lengewitch") erwärmt.

International preist die Lyrik-Mäzenatin Ursula Häusgen die "Erkundungen des widersprüchlichen Lebens" von Anders Olsson ("Aber so unendlich leicht dir zu antworten"), außerdem werden zwei Bände von Silvia Plath, ein Sammelband zur italienischen Lyrik des 20. Jahrhunderts ("Die Erschließung des Lichts"), sowie nachgelassene Gedichte des Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz herausgehoben. Sein Diktum, dass Gedichte "unter unerträglichem Zwang" entstünden, "in der Hoffnung / ein Instrument der guten und nicht der bösen Geister zu sein" trifft auf viele der Empfohlenen zu. Nicht nur in dieser Hinsicht steht der von Florian Kessler empfohlene Band "Kreuzwort" der Autorin Valzhyna Mort (siehe Tagtigall vom Dezember 2013) in der Tradition von Milosz.

An der Empfehlungsliste fällt auf, dass im Bereich der deutschsprachigen Lyrik lebende und auch junge Autoren in der Mehrzahl sind, während bei den Übertragungen aus fremden Sprachen ältere Werke und große Namen (Hartwig, Noteboom, Carver, Milosz, Plath) dominieren, auch wenn mit Bogaert, Lindner und Mort drei junge Autoren vertreten sind. Tut man sich schwer hierzulande mit den Experimenten junger Zeitgenossen fremder Zunge? Greift man deswegen heutzutage, was das Ausland anbetrifft, statt auf Robin Robertson oder Charles Bernstein, immer noch gerne auf das kanonisierte Bekannte zurück?

In Leipzig, auf der Buchmesse, haben die Leiter der beiden empfehlenden Institutionen, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, und der Leiter der Stiftung Lyrikkabinett, Holger Pils, drei jüngere Autoren vorgestellt, zwei davon aus Leipzig. Drei Bücher von 22 - das ist ein kleiner Ausschnitt, möchte man einwenden. Sie lasen ausführlich und wurden von Detering und Pils derart kundig befragt, dass sich wie von selber der jeweilige poetische Eigenwille herausschälte.

Besonders beeindruckend war die Lesung von Carl-Christian Elze ("ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist"), der im wirklichen Leben auch im Leipziger Zoo arbeitet. Sein rhythmischer Zeilenfall betörte unmittelbar.

viel zeit verbring ich, autos anzuschaun, die mir gefallen.
denn schöne autos stehen da wie schöne häuser auch.
man kann sie ruhig betrachten, nicht wie schöne menschen
die meist vorbeigehen. will man auf ihre schönheit achten
Ist es zu spät - schon steigen sie in autos ein, gehn auch in häuser.
viel zeit verbring ich, gräber anzuschaun, die mir gefallen.
denn wilde tiere stehen da, als seien sie zahm.
man kann die füchse ruhig betrachten, wie auch die erde
& die blumen, die dort wachsen, wenn man sie lässt.
viel zeit verbring ich, dinge anzuschaun, die in mich fallen.


Auf Deterings Nachfrage, weshalb er, der Autor, auch dort ein "denn" einsetze, wo es keine von außen erkennbare Logik gäbe, erzählte Elze, dass er beim Schreiben - wie im wirklichen Leben - auch nicht alles entschlüsseln könne, dass er vielmehr rauschhaften Zuständen vertraue, ja, hier und da beim Schreiben auf "Autopilot" stelle. Das "Ich", das Elzes halbbewussten Bewusstseinsstrom offensichtlich in Bewegung setzt und Pils an Peter Rühmkorfs Zeile "Wenn ich mal richtig ICH sag" erinnerte, ist keine modische Selbstentblößung. Es ist ein unprätentiöses Ich, das sich - besonders dort, wo es sich mit Worten wie Kinn oder Fliege, oder gar "fickenden Fliegen" assoziiert, - zu einer Variation auf den Vokal "I" ausweitet.

Dass Lyrik freiheitliche Bilder und Assoziationen schaffen kann, davon zeugte der Vortrag des holländischen Dichters Erik Lindner, dessen von Rosemarie Still übertragenen Band "Nach Akedia" (siehe Tagtigall vom 19.12.2013) der Kritiker Michael Braun empfohlen hatte, mit der Begründung, der "hellwache Melancholiker" Lindner inszeniere in jedem Gedicht einen "Film in Worten" und sein Wechsel von Totale und Naheinstellung imitiere stumme Kamerafahrten. Seine Gedichte, sind Bruchstücke möglicher Erzählungen, denn er weiß, dass auch nicht narrative Gedichte Geschichten freisetzen. Ob Pils Pierre Berteaux' Hölderlin-Studie im Kopf hatte, als er Lindners hin- und- herschreitenden Ton hervorhob? Im Gehen, so meinte Pils, erschließe sich Lindner die Welt, und mache gleichzeitig sich und seine Verse durchlässig für das sich im Gedicht Ereignende.

Als dritten Band empfahl Monika Rinck Martina Hefters Gedichtband "Vom Gehen und Stehen", ein "Vademecum gestischer Bewusstseinslagen". Auf kleinstem Raum werden spielerisch Paradoxien zusammengeführt, sowohl im Klangspiel von "Stille Post", als auch im Kapitel "Aufgaben" (etwa: "ein winken denken / an der grenze zur wut"). Mit körperlicher Präzision und Phantasie beobachtet die Autorin sich beim Stehen im überfüllten U-Bahn-Waggon oder auf einer Stehpartie; dabei übersetzt sie Sprache in Bewegung und Bewegung in Sprache. Lyrik könne, so schloss Detering, "körperverändernd" sein. Sie überrascht, als hätte man bislang nur versäumt, die Dinge so zu betrachten.

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