Tagtigall

Ins Ausgesparte hinein

Die Lyrikkolumne im Perlentaucher. Von Marie Luise Knott
14.05.2014. Clemens J. Setz und Yahya Hassan: Über Prosa, in Verse gebrochen.
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I.

Über Papageien

Kinderlose Papageien
die frei in der Wohnung fliegen
beginnen manchmal Schuhe zu füttern

Sie halten sie für offene Schnäbel
Und sammeln Körner für sie

Kein noch so hochhackiges
fremdes Paar Stiefel
das nur eine Nacht hier stehen blieb
muss leer nach Hause gehen.

Eine Prosaminiatur, präzise notiert, voller Komik, jedes Wort an seinem Platz. Allein schon die Bewegungen darin - fliegen, füttern, öffnen, sammeln, stehen, gehen. Clemens Setz, dem Autor dieser leichten, phantastischen Zeilen, gelingt es, die Papageien, unsere buntgefiederten Sprachimitatoren, aus dem ihnen von uns Menschen zugedachten Käfig zu befreien. Was die Tiere tatsächlich im Gedicht imitieren, wirft ein Licht auf einen ganz anderen Aspekt der menschlichen Natur. "Kinderlos" ist als Wort dem Menschlichen vorbehalten. Die wahrscheinlich durch Zwangssterilisation kinderlos gebliebenen Papageien erobern hier ihre natürlichen Instinkte zurück und beginnen, wo ihnen die Küken fehlen, Phantomfütterungen an Schuhmündern. Selbst One-night-stands, die trotz Samenspende einfach nach Hause gehen, kommen in den Genuss der "Papa"geien-Phantasmen. Setz ist es gelungen, die Sehnsucht nach einem kreatürlichen Miteinander, das Vaterschaft und Mutterschaft umfasst, mit abgründigem Witz aufscheinen zu lassen.

Warum aber hat Setz, der Erzählkünstler, seine Prosa in Verse gebrochen? Und das nicht nur bei den Papageien? Und: Setz ist keineswegs allein. Dichter schreiben prosaische Texte nieder, klauen ihnen Punkt und Komma und vielleicht noch das ein oder andere, und dann brechen sie die Sätze scheinbar willkürlich in Zeilen auf, völlig unabhängig von Grammatik- oder Sinn-Einheiten. Man ahnt: das Öffnen der Sätze ins Ausgesparte hinein ist ein dichterisches Wagnis.
In einem der letzten Gedichte des Bandes "Vogelstraußtrompete" gibt Clemens Setz Hinweise, was dabei geschieht.

Ein Sonett, das ist ein vierzehnstöckiges
Bürogebäude aus Glas und Beton.
Und hie und da segelt durch ein eckiges
Fenster ein Flugzeug davon.

Die ästhetischen Setzungen des Gedichtes gleichen einem Gebäude aus Glas und Beton, mit 14 Stockwerken. Gerade diese stählerne Anlage aber ist in ihrer Geschlossenheit die Startbahn für ganz andere Dimensionen, für das Poetische, das hier als Flugobjekt gegen alle Realität durch alle Öffnungen davonsegeln kann. Doch leider gibt es in dem Band auch Gedichte, bei denen sich kein Flugobjekt einstellt, so oft man auch hinschaut.

Weltenlauf

Und sie bewegt sich doch,
sagte der Jäger
nach dem verfehlten Schuss.


Wo Sinn und Klang - im Unterschied zum Papagei - nichts weiteres hergeben, brechen auch Zeilenbrüche nirgends hin auf.

Clemens J. Setz: Die Vogelstraußtrompete. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, gebunden, 88 Seiten, 16 Euro


II.

Der staatenlose, aus Palästina stammende, in Dänemark lebende Dichter Yahya Hassan (siehe unser Vorgeblättert) haut seinen Hörern seine Prosa um den Kopf. Um dies zu tun, setzt er seine Sätze in Verse. So festigt er sie. Jede Zeile ist ein Satz, oder ein Halbsatz. Hier bricht die Form kein Fenster auf unabhängig vom Sinn. Zeilenende ist Sinnunterbrechung. Jede Zeile eine Setzung. Keine Fenster, keine Balkone, keine Flugzeuge. Die Sätze sind beides in einem: Wutschrei und Hilferuf. Hassan schreibt an gegen die Gewalt im Innern der muslimischen Gemeinschaft, die ihm den Atem nimmt, und gleichzeitig gegen die Dänen, die in ihm nur den potentiellen Kriminalstraftäter sehen.

Für sich genommen, als Ich-Äußerungen sind seine Texte eine Provokation ("Ich bekriege Euch mit Worten, ihr werdet mit Feuer antworten"). Doch: hier spricht kein privates Ich. Zu Recht haben Yahya Hassans Texte einige Kritiker an die Wut in Allen Ginsbergs Langgedicht "Howl" erinnert; und Heinrich Detering, des Dänischen mächtig, hat in der FAZ das Original kommentiert: erst aus der Spannung zwischen Schriftbild und Syntagmen ergebe sich, so sagt er, die suggestive Wirkung des Textes. "Der, der hier schreibt, und der, den Yahya Hassan sprechen lässt, erscheinen als zwei verschiedene Instanzen." Und dann wird Detering konkret: "Was immer der Sprecher an sexistischen und rassistischen Ressentiments, an Hass auf Israel und auf die eigene Herkunft fomuliert, wird vom Schreiber weder geteilt, noch verurteilt." Gerade durch die Abschottung der einzelnen Sätze im Zeilenbruch wird das Beschriebene begreifbar.

IN DER WOHNUNG DIE ICH ANGEZÜNDET HABE ASSEN WIR IMMER VOM BODEN VATER SCHLIEF AUF EINER MATRATZE IM WOHNZIMMER
DIE GESCHWISTER DIE BEREITS GEBOREN WAREN
WAREN VERTEILT AUF DIE WOHNUNG
EINER AM COMPUTER EINER KROCH ÜBER DEN BODEN
UND EINER WAR BEI MUTTER IN DER KÜCHE
WENN DU NICHT AUFHÖRST DEINE GESCHWISTER ZU STÖREN ZÜNDE ICH DICH AN
SAGTE MUTTER UND HIELT VATERS FEUERZEUG HOCH
DOCH ALS SIE ES WEGLEGTE
KAM ICH IHR ZUVOR
(*)

Die Lettern haben sich erhoben gegen die Herkunfts- wie gegen die Ankunftskultur, da beide seiner Generation die Würde geraubt haben. Sogar die sanften Zeilen wie

FUCK YOU ZÄHNE DIE KLAPPERN IN KÄLTE

sind nuancenlos rauh.
 
Derzeit steht Yahya Hassan unter Polizeischutz, weil in Dänemark radikale Rechte und radikale Muslime sich durch ihn provoziert fühlen. Man wünscht ihm die Freiheit, die er sich selber kraft der Komposition genommen hat.

Yahya Hassan: Gedichte. Ullstein Verlag, Berlin 2014, gebunden, 176 Seiten, 16 Euro

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*Der Zeilenumbruch weicht leicht ab von der im Buch vorliegenden Druckfassung.
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