Sentimentales Nachspiel

So jung wie schon lange nicht - Deutschland: Italien 0:2

Die Kolumne zur Fußball-WM 2006. Von Georg Klein
05.07.2006. Folge 6: Gegen den großen alten Mann Del Piero zu verlieren, heißt jung aussehen.
Wäre es bekömmlicher gewesen, gegen erzfiese Italiener zu verlieren? Stünden wir heute Morgen als Geschlagene fester in den Schuhen, wenn uns nun der verführerische Würfelzucker einer Dortmunder Dolchstoßlegende den Kaffee oder den Tee versüßen könnte? Nach der fragwürdigen Sperre von Torsten Frings dräute dergleichen über dem Spiel, irgendetwas mit Tücke, Spucke, Ellenbogen.

Und mit etwas Pech hätte es durchaus so kommen können. Die italienische Mannschaft hatte ja auch zwei Burschen zu bieten, denen all das in die finsteren Mienen geschrieben schien, was man dem italienischen Fußball, seit den Zeiten als ich Fußballbildchen sammelte, an Schlimmem nachsagt.

Gut für den Frieden unserer Seele, daß der dämonisch frisierte Camonaresi längst ausgewechselt war, als Alessandro del Piero das alles entscheidende Tor schoß.

Von del Piero aus dem Turnier geworfen zu werden, war ein Glücksfall. Denn spätestens seit er mit unregelmäßig stoppeligem, fast kahlem Schädel antritt, ist er der Typus des großen Spielers, der einen überdehnt langen, schmerzensreichen Abschied nimmt. Der Meister weiß dies natürlich selbst. Und deshalb verzieht er, sogar wenn er ein prächtiges Tor geschossen hat, beim anschließenden Jubeln die Miene so leidend, als wäre das erste - nein, als wären die beiden demnächst nötigen künstlichen Hüftgelenke bereits in einer einschlägigen Mailänder Klinik bestellt.

Gegen den großen alten Mann Del Piero zu verlieren, heißt jung aussehen!

Und so wirkte unsere sympathische Mannschaft gerade im Augenblick der endgültigen Niederlage erfrischend milchbärtig, wohltuend zukunftsträchtig. Wenn der Körper einer Fußballnationalmannschaft in besonderen Augenblicken für den Leib des ganzen Landes stehen kann, dann war Deutschland in den Sekunden um den Schlußpfiff so jung wie schon lange nicht mehr, so jung, wie wir es uns nur wünschen können.

Ob unsere Kanzlerin und unser Bundespräsident dies auch empfunden haben?

Seltsam tantig und onkelhaft wirkten die beiden, als sie sich auf den Weg machten, um, wie der Fernsehkommentator eilends annahm, unseren jungen Spielern Trost zu spenden.

Wer tröstet hier wen?

Vielleicht hätte Alessandro del Piero unserer Regierungschefin und unserem Staatsoberhaupt davon erzählen können, wie wenig Trost die Schönheit der Jugend braucht und wie sehr das Überkommene angesichts solcher Schönheit danach lechzt, zumindest als Trostspender ein letztes Mal ernstgenommen zu werden.