Sentimentales Nachspiel

Deutschland - Costa-Rica, 4:2

Die Kolumne zur Fußball-WM 2006. Von Georg Klein
10.06.2006. Folge 1: Tränen der Germania.
Die Tränen flossen schon bei den ersten Takten der Nationalhymne. Und weil die Weinende meinen verwunderten Blick spürte, half sie meinem Gemüt mit einer Erklärung auf die Sprünge. Die deutschen Spieler sähen so rührend jung aus. Nachdem ihr halbwüchsiger Sohn wegen einer Fußballverletzung den ganzen Mai im Gehgips durch die Wohnung gehumpelt sei, habe sie bei der Kamerafahrt über diese unschuldigen Gesichter sogleich daran denken müssen, daß die Knochen der bezaubernden Burschen in Bälde recht gefährlich mit denen ihrer Gegner zusammenkrachen würden.

Die, die sich so mütterlich sorgte, ist eine große, kräftige und erwiesenermaßen sportliche Frau. Hundertfünfzig Jahre zurückversetzt und entsprechend kostümiert, gäbe sie eine bedrückend eindrucksvolle Germania ab. Mit geharnischtem Busen, das gußeiserne Schwert in der Faust, hätte sie dereinst als Schlachtenjungfrau das verkörpern können, was den jungen deutschen Nationalstaat ausmachte: nervöse Verletzlichkeit, Furcht vor Berührung durch das Fremde, Angst um die eigene Unversehrtheit, die in jähe Gewaltlust umschlägt.

Wie schön, daß sich unsere heutigen Sportheroen, daß unsere männlichen Leiber sich nicht mehr hinter einem hysterischen, falsch femininen Volkskörper verstecken müssen. Man kann es sehen: In unbefangener Selbstsorge greift sich unser schlaksiger Torhüter ans Sprunggelenk. Unser knabenhaft zierlicher Linksverteidiger fühlt nach erfolgreichem Zweikampf mit geschlossenen Augen über den lädierten Ellenbogen. Und Thorsten Frings, unser defensiver Bundesindianer, streicht sich, eben noch innig mit dem Gegenspieler zusammengeprallt, nachdenklich das zottelig lange Haar erst hinters eine und dann hinters andere Ohr zurück.

Wir freuen uns daran, als wäre dies das Selbstverständlichste von der Welt. Aber das "um und um" losgeschossene, das mörderisch fragmentierte Knie Christian Morgensterns mußte durch drei Strophen und zwei Weltkriege hüpfen, bevor ganz Deutschland, Germanien und ich, diese einfachen Gesten genießen durften.