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Colum McCanns Nurejew-Roman

11.12.2003. Bewegend fand Elke Heidenreich in ihrer Sendung "Lesen" Colum McCanns "Der Tänzer", ein Roman, der auf dem Leben Rudolf Nurejews basiert. Wir haben Informationen zu Buch, Autor und Nurejew im Netz gesucht.
In der Dezemberausgabe ihrer Literatusendung "Lesen" hat Elke Heidenreich ein Buch mal wieder ganz besonders gefeiert. Diesmal war es Colum McCanns "Der Tänzer" (bestellen), ein Roman, der auf der Lebensgeschichte des baschkirischen Balletttänzers Rudolf Nurejew basiert. Das Buch "ist faszinierend, es ist spannend, es ist poetisch, es ist dicht und lebendig und bewegend", schwärmte Heidenreich, der es im übrigen auch ganz egal ist, ob die von McCann erzählte Geschichte "wahr ist oder nicht", denn sie ist "wahrhaftig. Sie bringt uns einen der größten Künstler des vergangenen Jahrhunderts nahe und auch den Preis, den man dafür zahlen muss, so ein Künstler zu sein." (Wem die Zitate aus der Sendung nicht genügen, kann sich hier noch eimal Elke Heidenreich im Original anhören.)

Erschienen ist Colum McCanns Buch, der FAZ-Rezensentin Verena Luecken zufolge eindeutig sein bestes, im Rowohlt Verlag, der aber leider keine Leseprobe ins Netz gestellt hat. Dafür hat er dem Tanzgott Nurejew in seinem Magazin ein mehrseitiges Porträt gewidmet. Wer dennoch ein wenig in den "Tänzer" hineinschmökern möchte, muss vorerst mit einem Auszug aus der amerikanischen, bei Metropolitan Books veröffentlichten Ausgabe Vorlieb nehmen.

Colum McCann (mehr hier und hier) wurde 1965 in Dublin geboren. Er arbeitete als Journalist, Farmarbeiter und Lehrer und unternahm lange Reisen durch Asien, Europa und Amerika, etwa eine achtzehnmonatige Fahrradtour durch Nordamerika. Seine komfortable Dubliner Erziehung habe ihm keine Themen zum Schreiben eröffnet, wie er einmal in einem Interview verriet (hier ein etwas älteres Interview aus Atlantic Monthly, in dem er sich über die Motivation zu seinen Reisen äußert). Für seine Kurzgeschichten und Romane ist er bereits mehrfach ausgezeichnet worden, mag sein, dass dies auch seinen Recherchen geschuldet ist, lebte er doch für "This Side of Brightness" eine zeitlang mit Obdachlosen in den U-Bahn-Tunneln Manhattans (mehr dazu hier).

Wie McCann die für seine Nachforschungen zu "Der Tänzer" in Russland verbrachte Zeit erlebte, ist in einem ausführlichen Interview nachzulesen, das er dem Onlinemagazin identitytheory gegeben hat. Dort verrät er auch, was ihn trotz des Erfolges ein wenig wurmt: "Nie wird über das Buch gesagt, dass es mit sozialen Dingen zu tun hat. Es ist - ich will ja nicht wie ein Idiot klingen - kein proletarisches Buch, aber es ist ein wütendes Buch ... Wenn Sie mal drüber nachdenken, gibt es eine Menge Krieg und Kommentare dazu, was Reichtum den Menschen antut." Wie er überhaupt auf die Idee kam, über Nurejew zu schreiben, hat er Poets & Writers erzählt. Wie das Werk in der englischen und französischen Presse ankam, erfahren Sie hier, hier und hier.

Rudolf Nurejew (hier zu einer ausführlichen englischen oder französischen Biografie) gilt als einer der virtuosesten und charismatischsten Tänzer des 20. Jahrhunderts. Außer Nijinski hatte kein anderer männlicher Tänzer mehr Einfluss auf die Geschichte, den Stil und die öffentliche Wahrnehmung des Balletts als er. Er war ein Star, der die Welt des Balletts verändern sollte. In einem Interview hat er über das Tanzen gesagt: "Es ist ein Zwang, etwas zu tun, und zwar so und nicht anders. Das ganze Ich beginnt gleichsam zu brennen, steuert auf ein Ziel zu, fegt hinweg über alles, was sich dagegenstellt. Das ist es wohl, was für viele Menschen so schwer hinzunehmen ist. Sie ziehen e i n e Perspektive, e i n e Ebene vor, versuchen zu dämpfen, was darüber hinauszielt, hinausstrebt, hinausragt. Der 'Star' geht auf sein Ziel sehr brüsk, ja rücksichtslos zu. In dieser Rücksichtslosigkeit mag liegen, was man als provokant und skandalös empfindet. Aber ein bißchen erhoffen sich die Leute dieses Unerwartete ja auch. Oder besser: das erwartete Unerwartete."

Geboren wurde Nurejew am 17. März 1938 in der Transsibirischen Eisenbahn in Rasdolnoje bei Irkutsk - "der Rhythmus hat ihn wohl geprägt", heißt es in einem Porträt über den Tänzer, denn schon früh begann er bei der ehemaligen Tänzerin der Ballets Russes, Anna Udelzowa, mit dem Tanzunterricht. Fortsetzung fand seine Laufbahn 1955-1958 an der Leningrader Balletschule, die als die führende des Landes galt, und schon bald wurde der ehrgeizige Nurejew in das renomierte Kirov-Ballett aufgenommen. Mit dieser Kompanie begann seine internationale Karriere (die ihn bis in die Muppet-Show führte). Während einer Tournee 1961 bat er in Frankreich um politisches Asyl und blieb fortan im Westen. (Fotos einer seiner legendären Schwanensee-Aufführungen aus dem Jahr 1967 finden Sie hier, und hier geht es zu einem sehr österreichischen Text über "unseren Rudi", der seine Wiener Zeit Revue passieren lässt).

Als Rudolf Nurejew am 6. Januar 1993 in Paris an den Folgen von Aids verstarb, nannte ihn die ergriffene Anna Kisselgoff in der New York Times einen Kometen, der "glühend die Erde gestreift" habe.

Alexander Kraus