Es gibt nur ein' Rudi Völler

Die Filmkolumne. Von Janis El-Bira, Thomas Groh
03.07.2019. Klaus Lemke lässt seine "Neuen Götter" lässig in der sonnendurchglühten Maxvorstadt Münchens posen, plaudern und abhängen. Manfred Oldenburger zeigt in einer Doku den Fußballstar Toni Kroos als Feintuner und kühler Präzisionsmechaniker, der für alles eine Lösung hat.


Judith (Judith Paus) sitzt am Eisbachufer im Englischen Garten, wo die Surfer dem Wasser trotzen, wäscht Handys im rauschenden Gewässer und wirft die Geräte - offenbar Diebesgut - nach kurzer Ansicht prompt in den Fluss. Dann pirscht sie durchs Ufergebüsch, grüßt die sommerseligen Schwimmer, findet ein Käppi im Matsch: "New Gods" steht drauf, sie setzt es auf, blickt trotzig in die Kamera - und damit geht das Abenteuer los.

Wobei, was heißt schon Abenteuer in einem Lemke-Film? Wo Abenteuer doch Landnahme bedeutet, der widerständigen Gegend abgetrotztes Überleben - und nicht zuletzt Narration. Von letzterer will Lemke, der seine Filme so dreht, wie andere leben - nämlich in den Tag hinein -, allerspätestens seit Beginn seines DigiCam-Spätwerk nichts mehr wissen. Und das mit dem Land? Lemkes Fernsehkino ist ein Kino des überschaubaren Terrains: Seine jüngsten drei (und allesamt sehr schönen) Filme "Making Judith", "Bad Girl Avenue" und nun "Neue Götter in der Maxvorstadt" spielen, wie der Blick auf GoogleMaps dem München-Unkundigen verrät, zwei Ecken von seiner neuen Wohnung weg. Zwischen den markanten Hauptspielorten - das Café Schall und Rauch, die Copy-Oase, der U-Bahnhof Universität - liegt nicht einmal genug Strecke für einen Kaffee zum Mitnehmen (nur Wolfgang Flatz' surrealer Skulpturendachgarten liegt draußen in Obersendling). Und eine Ecke weiter: Die Türkenstraße, wo einst das legendäre Kino Türkendolch beheimatet war - hier entstand "Zur Sache, Schätzchen", hier ging die Münchner Gruppe ins Kino.



Heiliger Boden westdeutscher Kinogeschichte also, heute allerdings mehr als bloß sanft zurechtgentrifiziert. Wie ein subversiver Stachel nisten sich in dieser Ecke Lemkes lebensunfähige Überlebenskünstler ein - Judith Paus, die in Lemkes Filmen inzwischen jene Rolle einnimmt, die Henning Gronkowksi lange Zeit hatte, und der punkige Penner Jürgen (Jürgen Orlowski), die gemeinsam zechprellend durch die Straßen ziehen ("#ignorant #newwave #fashion", verleiht Judith Jürgen als Prädikat, er nennt die "Vogue" "Vogü"). Jürgen hat sich eine Ecke im U-Bahnhof eingerichtet, Judith übernachtet in einer Klozelle an der nahen Kunstakademie. Und macht sich einen Spaß daraus, mit taffen Sprüchen Handys zu zocken. So gerät sie an Emma (Emma-Lynn Mainzer), die das ebenfalls machen will.

Eins kommt zum anderen, gerade wie es gefällt. Dialoge auf dem Dach, eine Premiere beim Filmfest München (dem einzigen Lemke treu gewogenen deutschen Festival von Rang und Namen und schon deshalb besser als die Berlinale), in der Copy-Oase gibt es Kuchen für Judith, der wunderbare Rainer Knepperges schwirrt als Kunsthändler alten Schrot und Korns toll idiosynkratisch durchs Bild und verirrt sich auf der Suche nach einem Callgirl für Geister im Labyrinth seiner eigenen Obsessionen. Einen Bösewicht soll es auch noch geben, mit dem sich Judith per Internetvideo zum Duell anlegt. Klaus Lemke selbst tritt ebenfalls auf - in einem dermaßen grandiosen, überraschenden Moment, dass es eine Sünde wäre, davon etwas zu verraten.

Kurz: Ein schöner Münchner Sommer entfaltet sich da wie zuletzt in allen Lemke-Filmen, es verbreitet sich die lässige Stimmung jener Tage, an denen es nichts zu arbeiten, nichts zu tun gibt, mit langen Morgen im Bett und späten Abenden im Lauen, draußen in der Stadt, die zuvor noch vom goldenen Sommerlicht geküsst wurde (der Klimawandel ist definitiv Lemke-Fan). Der Film plätschert auf so schöne, idiotisch verwinkelte Weise herum wie das Gehirn seine Gedanken denkt, wenn es vom Nichtstun, Sonnenbaden und mit Leuten Plaudern angenehm bräsig geworden ist.



Das ist in zweierlei Hinsicht schön: Erstens macht sich dieses Fernseh-Kino wunderbar frei vom Zwang, sich zur Gegenwart zu verhalten oder gar in der Realität angesiedelt zu sein (Lemkes Filme - und gerade auch die "Neuen Götter" - spielen längst im Lemke-Universum, fließen ineinander über, auch immer mehr Meta findet sich, da geht es längst nicht mehr ums authentische Straßenleben). Zweitens ist das schön, weil es in Deutschland einfach keinen besseren Schauspielerregisseur als Lemke gibt. Wen interessiert schon Handlung, wenn er Knepperges beim verschreckten Prostituierten-Talk zuschauen kann? Wenn Judith wild in der Straße posiert oder Jürgen "Es gibt nur ein' Rudi Völler" grölt?

Weil Lemke das sicher auch so sieht, endet der Film einfach irgendwann nach knapp einer Stunde (mit einem hinreißend karg poetischen Bild) und es folgt, nein, nicht (nur) der Abspann, sondern nochmal eine Art Best-Of der schönsten Szenen des Films, der damit unterstreicht, dass jede und jeder in den "Neuen Göttern" einen echten Glanzmoment hat. Klingt nach Zeitschinderei, ist aber in Wahrheit ein schönes Geschenk: Lemkes freie Splitter- und Fragmentfilme sehen heißt, sich mit so wahnwitzigen wie tollen Menschen zu befreunden, die es ohne diese Filme in dieser Form nicht gäbe. Und mit Freunden die schönsten Momente nochmal genießen - gerade das ist es, was Film auszeichnet.

Thomas Groh

Neue Götter in der Maxvorstadt - Deutschland 2019 - Regie: Klaus Lemke - Darsteller: Judith Paus, Richard Schmelcher, Jürgen Orlowski, Emmy-Lynn Mainzer, Rainer Knepperges - Laufzeit: 70 Minuten.

"Neue Götter in der Maxvorstadt" läuft auf dem Filmfest München am 3., 4. und 6. Juli sowie in der Nacht vom 8. auf den 9. Juli im ZDF.

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In der ersten und in der letzten Minute dieses Films schrubbt Toni Kroos in einem Spülbecken seine Fußballschuhe. Er macht das lieber selbst und lässt nicht etwa putzen. Denn nicht nur sauber, sondern blütenweiß sollen seine Drei-Streifen-Treter werden. Ohne weiße Schuhe an den millionenwerten Füßen, findet Toni Kroos, geht bei ihm gar nichts. Manche mögen zwar denken, da sei psychologisch etwas nicht ganz im Takt, gibt er zu, aber für ihn sei das eben ein Muss. Also wird emsig geschrubbt.

Wer wegen eines Fimmels für weiße Schuhe befürchtet, in den Bereich psychisch bedenklicher Extravaganz gerückt zu werden, bei dem kann man sicher sein: alles voll normal. Selten gilt das mehr als hier. "Der Toni Kroos", wie Uli Hoeneß während Kroos' Zeit beim FC Bayern stets zu sagen und damit diesen eh schon unscheinbaren Namen noch weiter zu verzwergen pflegte, war nämlich schon immer pumperlgsund. Auch Manfred Oldenburgs episch aufgepumpte Kinodokumentation über den Real-Madrid-Spieler, Fußballweltmeister und vierfachen Champions-League-Sieger lässt daran nicht den geringsten Zweifel: Kroos, das Fußballwunderkind mit unerschütterlichem Selbstvertrauen aus der mecklenburgischen Provinz. Kroos, der perfekte Familienmensch und soziale Wohltäter. Kroos, der ultraleise Superstar, der sich selbst auf dem berühmten WM-Kabinenfoto der deutschen Nationalmannschaft mit Kanzlerin und Bundespräsident irgendwo im Hintergrund einsam die (weißen) Schuhe auszieht.

Die einzige Abweichung von der Norm ist für jemanden wie Kroos genau diese Affirmation des Normalen gegenüber den Exaltiertheiten des Spitzenfußballs. Als ihm einmal im Film auf einem Hotelflur Diego Maradona entgegenwummert, fürchtet man fast um Kroos' Unversehrtheit. Die Szene wirkt wie die Kollision eines keimfreien Labortransports mit einem Giftmülltruck. Kroos, der seit fünf Jahren in Spanien lebt, wimmelt Maradona wie zum Schutz auf Englisch ab. Nichts darf verunsichern im Betrieb Kroos, nichts verunreinigen. Selbst sein Haus am Stadtrand von Madrid, in das er dem Filmteam Homestory-artig Einlass gewährt, gleicht jenen Musterküchen aus dem Interior-Showroom, in denen noch nie ein Fettspritzer eine Bratpfanne entjungfert hat.



Was also fängt man geschlagene zwei Stunden lang im Kino mit einem derart gewöhnlichen Menschen an? Die erste Antwort lautet: ziemlich wenig. "Kroos" genügt sich als Heldensaga; ein ehrliches Stück Reklame, das selbst die Eigenschreibweise des Titels ("Kr8s") noch vom Instagramnamen seines Stars übernimmt. Ein Panini-Sticker mit Rückseite. Die zweite Antwort: Kroos ist natürlich doch kein gewöhnlicher Mensch. Seine fußballerische Genialität ist (wenigstens inzwischen) unumstritten, seine mehrere Situationen im Voraus antizipierende Spielintelligenz ebenso schwindelerregend wie sein Gehalt und seine Titelsammlung.

Aus beidem, der völligen Gewöhnlichkeit im Leben und der Außergewöhnlichkeit im Spiel, formt Regisseur Oldenburg einen sehr deutschen Kroos-Michel als Identifikationsfigur, deren teutonischen Wertekonservatismus der Film rückhaltlos feiert. Kroos ist hier eine Art Fußball-Diplom-Ingenieur mit Leitungsfunktion und Ikeabett. Ein Feintuner und kühler Präzisionsmechaniker, der für alles eine Lösung hat, genau seinen Wert kennt und die Dummheit seiner gesamten Mitwelt deklarieren darf, wenn er nicht bekommt, was er verlangt.

"Es war mir immer klar, dass es nicht an mir, sondern am Trainer lag, dass ich nicht gespielt habe", erklärt Kroos einmal über seine Bayern-Zeit. Das allerdings ist auch die spezifische Arroganz des scheinbaren Normalos, die umso ekliger ist, weil sie als Witz getarnt aus einer hermetisch geschlossenen Ich-Welt entlassen wird, die keinerlei Zweifel, keinen Hauch von Devianz duldet. Etwa, wenn der Film Kroos' Zaudern im Elfmeterschießen des letztlich verlorenen Champions-League-Finales 2012 von dessen Berater zu einem Akt reinster Ratio umdeuten lässt: Wenn ein Toni Kroos sich nicht hundertprozentig elfmetertauglich fühlt, schießt ein Toni Kroos eben keinen Elfmeter. Scheitern ausgeschlossen.

Für Regisseur Manfred Oldenburg erscheint "Kroos" damit wie ein weiterer Baustein in seiner Abarbeitung deutschen Leids und deutscher Größe: Nach Fernsehproduktionen mit scheppernden Titeln wie "Hitlers Manager", "Wir Weltmeister - Ein Fußballmärchen", "Stalingrad - Die Wende an der Wolga" und "Mein Kampf. Das gefährliche Buch" jetzt also freundlich und schmerzfrei: "Kroos". Damit darf er bundesweit auf die großen Leinwände. Fußballer sind schließlich Vorbilder.

Janis El-Bira

Kroos - Deutschland 2019 - Regie: Manfred Oldenburg - Laufzeit: 113 Minuten.