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Essay

Wege aus dem Schlamassel

Von Pascal Bruckner
09.04.2012. Wer im Namen des "guten Lebens" Verzicht predigt, ist ein Heuchler. Es ist nicht die Aufgabe der Ökologie, die Annehmlichkeiten des Fortschritts in Frage zu stellen oder sie anderen nicht zu gönnen, sondern sie mit Respekt für den Planeten zu vereinbaren. Der totalitären Versuchung eines ökologischen Diskurses, der sich in die intimsten Aspekte und Daseins einmischt, darf Europa ebenso wenig nachgeben wie den Einflüsterungen des Finanzkapitals oder der religiösen Intoleranz. Plädoyer für ein solidarisches Europa, das seine Energie aus den Ideen der Aufklärung zieht.
Pascal Bruckner wird am Samstag, den 14. April, im Rahmen des "tazlab" (Programm) über das "Gute Leben" auftreten und über den "Fanatismus der Apokalypse" sprechen. Den vorliegenden Essay veröffentlicht er zuerst auf Deutsch im Perlentaucher. (D.Red.) Hier der ganze Essay als pdf-Dokument.

Pascal Bruckner ist am Samstag, den 14. April in Berlin, mehr hier.

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"Es ist merkwürdig, das Ende einer
Zivilisation bewusst mitzuerleben."
Charles De Gaulle

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Die schlechten Nachrichten häufen sich: Europa driftet politisch auseinander und scheitert wirtschaftlich. Der Kapitalismus scheint den Tod seines ältesten Feindes, des Kommunismus, nicht zu überleben. Kaum 23 Jahre trennen den Mauerfall vom großen Schlamassel, in dem wir stecken: Zwanzig Jahre, in denen es Europa und Amerika vom Triumphalismus zum Zweifel, von der Glorie zum Katzenjammer trieb. Vom Kapitol zum tarpejischen Fels waren es für uns tatsächlich nur ein paar Schritte, und nur einige wenige helle Geister haben diesen Sturz vorausgesehen. Wir befinden uns in der Lage deklassierter Bourgeois, die in ein paar Monaten ihr Vermögen verloren haben und ihre plötzliche Armut mit der Mentalität des einstigen Komforts leben. Wir können es nicht glauben, wir verharren im Zustand der Verblüffung. In dieser Häufung der Missgeschicke liegt etwas fast Komisches, als dürfte das Unglück nur in Serie kommen. Es reißt uns den Boden unter den Füßen weg, ein gedämpfter und dennoch schrecklicher Aufprall. Jedes Mal, wenn wir glauben, den Boden erreicht zu haben, öffnet sich ein neuer Abgrund unter unseren Füßen. Wenn alles sich auflöst, hilft nicht nur das Gespür für Widerstand, sondern auch das für die Nuance. Es gibt eine Selbstgefälligkeit in unserem Pathos des Niedergangs, denn unsere Lage bleibt beneidenswert für viele mittellose Völker, für die wir die "Fremden mit den runden Bäuchen" (Xi Jiping) bleiben.


Kopernikanische Revolution

Geben wir es zu: Wir verstehen nicht, was geschieht. Und doch sind es nicht so sehr die Tatsachen, die beängstigen, sondern unsere Interpretationswut. Eine Flut von Kommentaren bricht über uns herein, deren Zahl besorgniserregender ist als ihr Inhalt. Wie die Ärzte am Krankenbett bei Molière, die ihre widersprechenden Meinungen austauschen, während der Kranke stirbt. Was ist in unseren Gesellschaften schief gegangen, dass sie vom Übermut in die Depression abgleiten, während der Rest der Welt in die Geschichte zurückkehrt, sich auflehnt und mit großer Geschwindigkeit entwickelt? Nach dem Fall der Dritte-Welt-Romantik und des Sowjetismus muss unsere Generation dem Einsturz einer weiteren Bastion zu sehen: der westlichen Vorherrschaft über den Planeten.

Was uns nach 1945 frei machte, war die Gleichzeitigkeit materiellen Wohlstands, sozialer Umverteilung, technologischer Fortschritte und der Sicherheit des Friedens durch den Aufbau Europas und die nukleare Abschreckung. Im Schutz dieser vierfachen Einhegung konnten wir uns im Westen in aller Sorglosigkeit als freie Individuen selbst verwirklichen. Nun stürzen diese Säulen eine nach der anderen ein, die Schulden hängen wie ein Bleigewicht an unseren Ökonomien, die Arbeitslosigkeit grassiert, das vom Wohlfahrtsstaat geknüpfte Netz der sozialen Sicherheiten löst sich auf, Armut und Bettelei kehren zurück, die Gefahren für das Klima untergraben unser Vertrauen in den Fortschritt - wir fühlen uns mitten in unseren Aktivitäten getroffen und wechseln von Gelassenheit zu Furcht. Wenn so viele Bürger sich ängstigen, dann heißt das, dass die klassischen Stoßfänger abgenutzt sind und sich der Einzelne mit seinen immer gravierenderen Problemen allein gelassen fühlt. Nichts scheint mehr die Brutalität der Globalisierung abzudämpfen. Europa selbst ist kein Schutzraum mehr, da es unter unseren Augen zerfällt, es wird selbst zum Auslöser der Wirrnis, wie ein Tempel, der über seinen Gläubigen zusammenstürzt. Das Schlimmste ist nicht mehr auszuschließen: Was so solide schien, ist mürbe, was dauerhaft errungen war, erweist sich als flüchtig. Auch darum schließen sich immer mehr unserer Zeitgenossen in ihre Nationen, Regionen, Familien ein wie vor einem Sturm, der über sie hinwegfegt.

Überall droht das Gespenst der Pleite: Pleite der Mittelschicht, der die Proletarisierung bevorsteht, Pleite Europas und der Vereinigten Staaten, die auf dem Feld versagen, auf dem sie einst brillierten: in der Wirtschaft. Willkommen in der Ära der Herabgestuften. Agenturen erklären Staaten zu Ramsch. Mehr denn je regieren zwei Instanzen: die Schule und das Gericht. In einer Zeit wilder Konkurrenz zwischen Kontinenten und Regionen sind wir zugleich Zensuren und Urteilen unterworfen, werden von oben abgekanzelt und von Gleichen bewertet. Europa erschien seinen Mitgliedsstaaten wie eine Festung, die sie ein für alle Mal vor der Tragödie schützte. Nun kehrt die Tragödie wieder, leise rauschend auf den Flügeln des Erfolgs. Kaum sind wir dem Kokon der gloriosen Nachkriegszeit entwachsen, durchleben wir eine Periode des Sturms, aber mit der Mentalität des Überflusses, geprägt von Reflexen, die nicht mehr der Wirklichkeit entsprechen. Überreste unser einstigen Herrlichkeit stehen Seit' an Seit' mit nagelneuen Bauruinen. Wir führen das Drama satter Kulturen auf, die auf alle Widrigkeiten mit Angst und Klageliedern reagieren. Schon die Alten hatten auf die unerbittliche Nachbarschaft von Sieg und Niederlage hingewiesen: Jede Vorherrschaft kann ins Gegenteil umschlagen. Der technischen und ökonomischen Verwestlichung des Südens entspricht ein Rückfall Europas und der USA in einen Zustand der Dritten Welt. Wir sind nicht mehr Herren über uns Schicksal, sondern sehen uns als Opfer einer Enteignung. Uns bleibt nur eine Gewissheit: Morgen wird schlimmer sein als heute, die eigentlichen Verluste kommen erst noch.

Schon im 20. Jahrhundert hatte sich eine Katastrophe ereignet, die doppelte Geißel des Nazismus und des Kommunismus, aber sie ist nicht vergleichbar mit der jetzigen. Die erste war schwarz und rot vor Blut, die jetzige ist grau in grau, ein sanftes Verenden. Aus jener Zeit der Finsternis und des Todes müssen wir lernen, um Maß für die jetzige Situation zu nehmen und unsere Kaltblütigkeit zurückzugewinnen. Wir brauchen keinen Churchill, es droht nicht jeden Tag ein Weltkrieg. Wir stehen nicht vor größeren Konflikten, wir leben nicht am Ende der Geschichte - höchstens am Ende der Geschichte Europas als dominierender Zivilisation. Das große politische und intellektuelle Ereignis dieses beginnenden 21. Jahrhunderts ist der Aufstieg einst kolonisierter Nationen in den Rang neuer, ihre einstigen Herren überragender Akteure des Weltgeschehens. Alles, worin wir glaubten zu brillieren, ahmen diese neuen Mächte nach und stürzen sich mit dem Eifer des Konvertiten in die Arena. Die alte Hierarchie des dominierenden Nordens und zurückgebliebenen Südens funktioniert nicht mehr. Wir sind nicht mehr die ersten und nicht mehr die besten. Wir treten in die Ära der braunen, gelben, schwarzen Menschen ein. Die Zeit des weißen Mannes ist vorüber oder zumindest relativiert. Das heißt nicht, dass die westliche Welt von der Karte verschwindet, im Gegenteil, aber sie muss ihre Kompetenzen und Grenzen neu definieren.


Selbstmord mit Kapital


Die Verheerungen des "Neoliberalismus" sind bekannt: Triumph des Finanzkapitalismus über den Kapitalismus der Unternehmen, Sieg einer parasitären Spekulation, die zur Explosion der Ungleichheit führt. Hinzukommt der massive Abbau der Industrie zugunsten der Dienstleitungen und Hochtechnologie,der auch zu einem Abbau von Arbeitsplätzen führte, die in Niedriglohnländer verlegt wurden. Eine Ökonomie der Rente verdrängte die Ökonomie der Produktion. Die in der Reagan- und Thatcher-Ära gepriesene Fiktion einer aus sich heraus das Gute bringenden Ökonomie, die nur von allzu einengenden Steuern und Gesetzen befreit werden muss, findet nun ihr unglückliches Ende - in den irren Algorithmen der Trader, dem "high frequency trading", den toxischen Papieren, die selbst von ihren Erfindern nicht mehr verstanden werden. Der letzte Beweis, dass das System von einem Überschuss an Komplikationen getötet wurde. Es hatte sich ein Glaube an eine Ökonomie durchgesetzt, die ihre Reichtümer jenseits der Arbeit hervorbringt, die Vermögen und Gehälter nach angeblich individuellem Verdienst verteilt und also die Schwachen bestraft und die Starken belohnt und dabei den zutiefst feudalen Charakter dieser Eliten verkennt, die sich in der Weise von Dynastien kooptieren und reproduzieren, auch wenn dann und wann ein Neuling ins System tritt. Diese Fabel wird von den exaltiertesten Anhängern der Tea Party ins farcenhafte Extrem getrieben, die die Steuern für Reiche ablehnen, nur noch die Armen und die Mittelschicht besteuern, jedwede Sozialhilfe abschaffen und die Regierung zu einer leeren Hülle machen wollen.

Wer glaubt, dass der Markt spontan die Einzelinteressen ausgleicht, dass er mit Gewissen und Vernunft ausgestattet ist, so dass Gier und Egoismus der Akteure die besten Garanten des Wohlstands wären, bewegt sich wie zu Zeiten des Kommunismus im Reich der reinen Ideen und sündigt aus Weltfremdheit. Wer eine bekannte Metapher verwenden will, könnte sagen, dass die unsichtbare Hand mitten in unserem Gesicht gelandet ist. Als hätte sich der Kapitalismus, als er auf sich gestellt war, in Ermangelung eines Feindes selbst vernichtet - wie ein Magengeschwür, das die Innenwände des Magens auffrisst. Zwanzig Jahre nach seinem Sieg hat er das Wunder vollbracht, genauso verhasst zu sein wie der Kommunismus in den Ländern des real existierenden Sozialismus. Beweis: die Wut über die von den Großfinanziers auferlegte Sparpolitik, die mit dem Wachstum jede Hoffnung auf eine Erholung tötet. Man kann sehr gut mit Schulden leben, solange man wieder herauskommt und sie nutzt, um einen neuen Wohlstand zu finanzieren. Erstaunliche Rückkehr von Montesquieus Klimatheorie: Die Länder des europäischen Nordens seien fleißig und sparsam, die des Südens verschwenderisch und müßig. Eine Armee arbeitsamer Ameisen gegen ein Ballett hirnloser Grillen.

Hellsichtige Analytiker haben einige Lösungsstrategien formuliert: Trennung der Geschäfts- und der Depotbanken, Schließung der Steuerparadiese mit allen Mitteln, inklusive Zwang, Kontrolle der Pensionsfonds, Kappung unanständiger Gehälter, Stärkung des Staates, Erschwerung der Steuerflucht, Entzug der Staatsbürgerschaft für Bürger, die ihre Steuern nicht in der Heimat zahlen, neue Zollgrenzen, Neudefinitionen der Rollen des Privat- und des öffentlichen Sektors mit einer Zentralbank, die in der Lage wäre, die Schulden unterschiedlicher Länder aufzukaufen und die Rolle der letzten Reserve zu spielen, Besteuerung finanzieller Transaktionen.

Allein, den Vermögenden zu nehmen und den Mittellosen zu geben, die Anstrengung auf alle zu verteilen, mag einen befriedenden Effekt haben, aber wird nicht alle Schwierigkeiten beheben. Auch mit strengerer Besteuerung - die Schulden müssen zurückbezahlt werden, in bar und klingender Münze oder sie werden Leiden bringen und die kommenden Generationen dauerhaft belasten. Ab einem gewissen Punkt reicht es nicht aus, die Reichtümer zu teilen, man muss neue produzieren. Unsere Länder haben über ihre Verhältnisse gelebt und ihre Fortschritte mit massiven Geldtransfers finanziert, mit denen sie die Defizite vergrößerten. Haushaltsdisziplin wird für alle gelten müssen.

Schlimmer noch: Die Krise des Kapitalismus ist auch die Krise seiner Bekämpfung. In dem Moment, wo die historische Lage Marx und Engels Recht zu geben scheint, ist man bestürzt von der Abwesenheit konkreter Vorschläge von Seiten der Berufsrevolutionäre und Neobolschewiken. Jenseits der totalen Sowjetisierung der Nationen mit öffentlicher Bestrafung der Unternehmer haben sie nur abgenutzte Rezepte zu bieten: Kollektivismus und Umerziehungslager. Der Antikapitalismus ist kein Projekt, sondern eine Leidenschaft, die junge Idealisten entflammt, alte stalinistische Professoren aus eingemotteten Abteilungen der Universitäten hervor lockt und Militante mobilisiert, die mit der etablierten Ordnung abrechnen wollen. Es ist die Leidenschaft, dagegen zu sein und den "Liberalismus" zu geißeln, ein selbstgenügsames Vergnügen. Eine Attitüde der Verneinung, als wäre sie das einzige, was von den alten Prophetien geblieben ist. Das Schlimmste, was der Markt seinen Feinden antun könnte, wäre zu verschwinden! Von einem Tag auf den anderen wären sie arbeitslos. Diese Kultur der Ausschließlichkeit ist übrigens eine Eigenschaft bestimmter europäischer Eliten, während Chinesen, Inder, Brasilianer, Südafrikaner pragmatisch genug sind, ihre Kräfte zu mobilisieren, weil sie wissen, dass verschiedene Arten der Marktwirtschaft existieren, die sich in Effizienz und Gerechtigkeit unterscheiden. Was dem Sozialismus, dem Staatskapitalismus, dem sozialen Kapitalismus in ihren Ländern folgt, hat für sie überhaupt keine Bedeutung, solange die Verteilung gerechter ist und den Planeten besser respektiert. So oder so wird man es mit weniger besser machen müssen, eine beachtliche Herausforderung des menschlichen Genies.

Wir befinden uns in der selben Desorientierung wie das 19. Jahrhundert - aber ohne die Hoffnung auf eine Überschreitung der bürgerlichen Gesellschaft. Das ist das schwarze Loch der Gegenwart: Unsere Welt ist nur die, die sie ist, ohne leuchtenden Horizont. In der Gegenwart müssen wir die Lösungen suchen, ohne die Hilfe einer hypothetischen Zukunft.

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Teile 2 und 3 des Essays finden Sie unter den folgenden Links:

Teil 2: Goldenes Kalb und Klassenkampf - Kritik ist nicht Zerstörung - Seid eures Unglücks Schmied

Teil 3: Weisheit in schweren Zeiten - Einrichtung in der Niederlage - Für einen aktiven Skeptizismus

Der ganze Essay als pdf-Dokument.

Archiv: Essay

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