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Essay

Gemeinsam einsam: Havels Beispiel

Von Andre Glucksmann
29.12.2011. Der Dissident ist nicht tot. Vaclav Havel verkörperte diese Figur wie kein anderer. Er demonstrierte die Macht der Ohnmacht - und war siegreich.
"Ein Intellektueller ist nie am richtigen Platz." Weit davon entfernt, diese grundsätzliche Deplatziertheit zu beklagen, machte der Dichter Vaclav Havel, ganz wie Beckett, Ionesco und Lou Reed, die Entwurzelung in der Moderne zur Regel des Lebens und Strategie des Denkens. Er posierte nicht. Eigenwilliger Dissident, Präsidentenbohemien - seine Weigerung, sich für den messianischen Führer der Völker zu halten, düpierte die Ansprüche der Mitstreiter von einst. Nach der Französischen Revolution behauptete Joseph de Maistre, dass einzig die geistliche und weltliche Macht eines Papstes Europa retten könnte. Die Chefkommunisten, Lenin und seine Nachfolger, gaben ihrerseits eine päpstliche Unfehlbarkeit vor, wie auch die Führer und die Ayatollahs.

Im Gegensatz dazu lehnte es Havel, Schriftsteller und Staatschef zugleich, in rigoroser Bescheidenheit ab, Himmel und Erde zusammenzulegen: 'Ich komme aus einem Land voll ungeduldiger Menschen. Vielleicht sind sie ungeduldig, weil sie so lange auf Godot gewartet haben, dass sie schon glauben, er sei gekommen. Dies ist ein ebenso gewaltiger Irrtum wie ihr Warten selbst. Godot ist nicht gekommen. Und das ist gut so, denn wenn ein Godot käme, wäre es nur der imaginäre Godot, der kommunistische Godot."

Das erbarmungslose 20. Jahrhundert verkehrte die edelsten Überzeugungen in ihr Gegenteil. Es zettelte totale Kriege für Frieden und Gerechtigkeit an, im Namen der edelste Zwecke baute es Vernichtungsager und Gulags. Angesichts dieser geistigen Katastrophe optierten die 242 Erstunterzeichner der Charta 77 für eine 'negative Philosophie'. Stolz auf ihre Unterschiede - sie waren Katholiken, Reformierte, Juden, Atheisten, Linke, Rechte, Nationalisten oder Kosmopoliten - entschieden sich die Dissidenten nicht für, sondern gegen etwas. Ihre gemeinsame Einsamkeit machte sie solidarisch im Unglück. "Manchmal müssen wir auf den Grund des Elend stoßen, um die Wahrheit zu erkennen, wie wir auch bis zum Grund eines Brunnens hinabsteigen müssen, um die Sterne zu sehen."

Die Kraft Vaclav Havels, die Stärke der Dissidenz, diese Macht der Ohnmächtigen, nannte der Philosoph Jan Patocka die "Solidarität der Erschütterten". Er, der Havel inspirierte, meinte damit: "Erschüttert in ihrem Glauben an den Tag, an das Leben, an den Frieden..."

Der Dissident empört sich nicht in edler Gesinnung, er wütet nicht von den Höhen seiner angeblich einwandfreien Tugendhaftigkeit herab; er weiß seine Empörung gegen sich selbst und die süßen Träume zu richten, an denen sich die Passivität aller und die Komplizenschaft eines jeden nährt. Der Feind ist nicht irgendein stinkender Teufel oder das allmächtige System, sondern unsere selbstgewählte Knechtschaft, der so verbreitete Hang, die Augen zu schließen und ruhig zu schlafen, komme, was wolle.

Nach dem Fall der Berliner Mauer strahlte der Optimismus von den Palästen bis zu den Hütten, wir feierten das Ende der Geschichte, der blutigen Kriege und der großen Krisen, alles bestens, Madame la Marquise. Totale Umkehrung heute: Die Unabwendbarkeit einer Apokalypse (einer ökologischen, finanziellen oder moralischen) paralysiert den Bürger, er zieht sich in sein Schneckenhaus zurück. In Fall der Euphorie wie der Depression, verurteilt ihn das vermeintlich unabänderliche Schicksal zu Ohnmacht und Gleichgültigkeit.

Dagegen verkörpern Vaclav Havel und der Dissident ein verantwortungsbewusstes Europa, das in der Lage ist, den tragischsten Situationen ins Auge zu sehen und sie zu bewältigen.

Ein letzter Moment: Sehr geschwächt, lehnt sich Havel nicht in seinem Leiden zurück.

Eine letzte Demonstration: Havel protestiert vor der Botschaft des kommunistischen Chinas gegen die Inhaftierung von Liu Xiaobo und der Unterzeichner der Charta 08.

Ein letzter Appell: Havel setzt sich für Julia Timoschenko ein, die in die postkommunistischen Kerker von Kiew geworfen wurde.

Bereits ans Bett gefesselt, erhebt sich Vaclav noch einmal, um öffentlich zwei Störenfriede zu empfangen und ihnen Anerkennung zu zollen, den Dalai Lama, den die Autokratie in Peking zum Teufel schicken möchte; und den Georgier Michail Saakaschwili, den Putin, ganz Mann vom Fach, "an den Eiern aufhängen" will. Ich war da, es ist nicht lange her.

Der Dissident beugt sich nicht, er ist verrückt vor Liebe nach der Freiheit. Mein Freund hat mich verlassen. Unersetzlich.

Und siegreich: Am 10. und 24. Dezember erhob sich eine menschliche Welle, Demonstranten jedweder Couleur boten dem Kreml die Stirn, "um nicht in der Lüge zu leben". So sprach Vaclav Havel. Seine Erben sind auf der Straße.

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Der Artikel erschien im Original in Liberation. Wir danken Andre Glucksmann für die freundliche Erlaubnis zur Übernahme.

Aus dem Französischen von Thekla Dannenberg
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