Die Ankündigung der
Biennale von Venedig, dieses Jahr
Russland wieder auf die Kunstschau zurückkehren zu lassen (vor zwei Jahren hatte Russland seinen Pavillon an Bolivien abgegeben,
unser Resümee), stößt in den Feuilletons weiter auf Unverständnis. In der
Welt interviewt Marcus Woeller den ukrainischen Künstler
Pavlo Makov, der von der Entwicklung keineswegs überrascht ist: "Ich glaube, es ist die logische Fortsetzung dessen, was ich lange vor 2022 empfunden habe. Meine 'Fountain of Exhaustion' handelte von diesem seltsamen Gefühl, dass wir
Zeugen der Erschöpfung der Menschlichkeit werden und des Mangels an einem wirklichen Willen, das zu schützen, was von ihr noch übrig ist. Die Schwäche der sogenannten demokratischen Welt, die Unwilligkeit, fest zu den Prinzipien zu stehen, auf denen sie aufgebaut wurde. Es geht nicht darum, ob die Ukraine verraten wird oder nicht - es geht in erster Linie um
Selbstverrat." Katharina Rustler
fasst im
Standard die fast durchweg negativen Reaktionen auf die Biennale-Entscheidung zusammen. Für die
SZ kommentiert Jörg Häntzschel eher reserviert; er fände es "schön, sich mal wieder über Kunst zu streiten".
Wie es derweil in
Russland selbst um die Kunst bestellt ist, kann man heute in der
FAZ nachlesen. Kerstin Holm hat sich den in einem Seminar an der Ruhr-Universität Bochum vorgeführten Film "Fragil" angeschaut, in dem die Exilanten
Egor Isaev und
Konstantin Koryagin die desolate Lage dissidenter Kunst thematisieren. Unter anderem lernt Holm: "Nachdem im linguistisch noch freien Jahr 2009 Kriminalfahnder dem Nowosibirsker Künstler Artjom Loskutow, der die Nonsense-Monstrationen erfunden hatte, Rauschgift unterschoben, um ihn vor Gericht zu bringen, erlaubte das 2013 verabschiedete Gesetz zum 'Schutz der Gefühle Gläubiger' und insbesondere die seit den Protesten 2019 bei Strafprozessen verstärkt eingesetzten linguistischen Expertisen,
kirchenkritische Aussagen etwa von 'Pussy Riot' per se zu kriminalisieren beziehungsweise gar ein vor Islamismus warnendes Theaterstück kreativ in ein terroristisches umzudefinieren, wie es im Fall der Dichterin Schenja Berkowitsch und des von ihr inszenierten 'Lichten Falken Finist' 2024 geschah."
Andernorts bringt der
Iran-Krieg die Kunstwelt in Unordnung. Die
Art Dubai zum Beispiel ist gefährdet, seit ein wichtiges Hotel der Stadt von einer iranischen Rakete getroffen wurde. Werner Bloch
berichtet für die
NZZ, kann sich aber nicht vorstellen, dass dieser Rückschlag den Kunstaufschwung in der Golfregion ernsthaft gefährdet. Weil: "Zum Lamentieren neigt hier niemand. Wo in Europa Massenpanik und Hysterie ausbrechen würden, gibt man sich am Golf
cool und relaxed, voll Improvisationsdrang und bereit, sich Herausforderungen zu stellen." Der
Perlentaucher ergänzt: Das haben Autokratien so an sich, Lamentierer haben da nunmal einen schweren Stand. Bloch weiter: "Diese unerschrockene Attitüde hat Dubai immer wieder sein Überleben und Weiterkommen gesichert. Außerdem ist bereits enorm viel in die Kultur investiert worden. Dubai und Abu Dhabi sind 'too big to fail', nicht nur für die Araber. Europa und der Westen könnten es sich gar nicht leisten, dieses Modell fallenzulassen, ohne selbst enorme Verluste einzufahren."
Besprochen werden die
Fotoausstellung "Tanzbild" in der Wiener
Albertina modern (
Standard) und "Project a Black Planet: The Art and Culture of
Panafrica" im
MACBA Barcelona (
monopol).