Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2026 - Kunst

Was ist Kunst? Das Wahre, Schöne und Gute? So sagte man mal, heute eher nicht mehr, meint der Schriftsteller Bernd Eilert in einem Essay für "Bilder und Zeiten" (FAZ). Zweifel daran gibt's aber schon sehr lange, notiert er: "Gut zwei Jahrtausende zuvor hat Lukrez festgestellt, es sei süß, vom festen Ufer aus die Seenot anderer zu beobachten, und ebenfalls süß, einer Schlacht von sicherer Warte aus zuzusehen. Man muss eben nur weit genug weg sein. Michel de Montaigne sah es gelassen: 'Jedem kann es mal passieren, dass er Unsinn redet.' Er setzt allerdings dazu: 'Schlimm wird es erst, wenn er es feierlich tut.'"

In der FAZ berichtet Christian Gohlke von einem Vortrag des Baritons Christian Gerhaher, der an der Bayerischen Akademie der Schönen Künste das "Ideal einer autonomen Kunst" pries, "die nur eigenen Gesetzen verpflichtet sein soll: zweckfrei - und gerade darum auch sinnvoll und förderungswürdig. ... nicht obwohl, sondern weil sie nicht explizite politische Botschaften pädagogisch zu senden versucht, sich hingegen der Eindeutigkeit entzieht und so für vielfältige Interpretationen offen bleibt."

In der taz berichtet Uwe Mattheiß von Streit um das Wiener Aktionismus Museum (WAM) in Wien und anderen Museen, die sich dem Erbe Otto Mühls widmen: "Überlebende, die als Kinder im Zwangssystem der 'Mühl-Kommune' teils jahrelang psychischen und sexuellen Missbrauch erfahren haben, kämpfen bis heute gegen eine Verwertung von Bildern aus dem Gewaltkontext der Sekte im Kunstmarkt und gegen ihre Normalisierung im Ausstellungsbetrieb."

Besprochen wird die Ausstellung "Karl Hofer. Zwischen Schönheit und Wahrheit" im Kunstmuseum Moritzburg in Halle (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2026 - Kunst

Arnaud, 41, sexualisierte Gewalt durch Kleriker und in der Familie, Foto: Simone Padovani. Kunstraum Hase29

Ausgerechnet in der Domstadt Osnabrück, wo der katholische Missbrauchsskandal 2023 zu einem Bischofsrücktritt führte - und wo Theaterintendant Ulrich Mokrusch im Sommer das Stück "Ödipus Exzellenz" über den Skandal aus "Rücksicht auf die Kirche" vom Spielplan nahm (unsere Resümees) - zeigt der Kunstraum Hase29 nun die großformatigen Schwarz-Weiß-Porträts der Serie "Shame - European Stories" des italienischen Fotografen Simone Padovani. Entstanden sind sie 2022 und zeigen Opfer sexualisierter Gewalt von Norwegen bis Rumänien, berichtet in der taz Harff-Peter Schönherr, der die Ausstellung nur empfehlen kann: "Texte gruppieren sich zu den Bildern, erzählen Lebens- und Überlebensgeschichten von Schweigen und Trauma, von Aufklärungshoffnung und Aufbegehren. Auch sie sind kaum erträglich. Aber sie öffnen Augen. Sie zeigen: Scham lässt sich ablegen, Gerechtigkeit einfordern, und: Sexualisierte Gewalt gibt es in allen Milieus. (…) Alle Bilder hängen auf derselben Höhe. Sie wirken wie eine Phalanx des Widerstands." 

Die großartige Ausstellung "Queere Moderne" im Düsseldorfer K20 macht nicht nur Kreative jenseits der heteronormativen Sexualität sichtbar, sie zeigt auch, wie weit diese untereinander vernetzt waren, erkennt Ralf Stiftel in der FR. Neben Entdeckungen wie Hannah Gluckstein oder Milena Pavlovic-Barili lernt Stiftel hier auch, dass queere Künstler auch in der abstrakten Kunst Impulse setzten: "Marlow Moss erweiterte den Neoplastizismus von Piet Mondrian um Elemente, die der niederländische Künstler sogar wieder übernahm. Und wo Mondrian in seinen strengen Kompositionen zunächst nur die männlich konnotierte Vertikale und die weibliche Horizontale gelten ließ, da führte Moss Doppellinien ein. In ihrem Bild 'Untitled (White, Black, Blue, and Yellow)' (um 1954) gibt es sogar ein schwarzes Quadrat, das nicht mit der Gitterkonstruktion verbunden ist."

Weitere Artikel: In der FAZ gratuliert Stefan Trinks der Künstlerin Annegret Soltau zum Achtzigsten. Die Londoner National Portrait Gallery hat frühe Daguerreotypien der britischen Mathematikerin Ada Lovelace, aufgenommen von dem französischen Fotografen Antoine Claudet, erworben, meldet Ursula Scheer ebenfalls in der FAZ. Die Zeichnung "Portrait de Susanne Pfeffinger", angefertigt 1484/1485 von Hans Baldung Grien, ist nach mehr als 500 Jahren im Besitz der Nachfahren der Porträtierten entdeckt worden, meldet der Standard.

Besprochen werden außerdem die Lisette-Model-Retrospektive in der Wiener Albertina (SZ, mehr hier) und die Ausstellung "Up in Flames" im Prager DOX Centre for Contemporary Art, die den Maler David Lynch würdigt (NZZ, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.01.2026 - Kunst

"David Lynch mag zwar gestorben sein, aber seine Kunst wirkt noch sehr lebendig", stellt taz-Kritikerin Katharina Granzin im DOX Centre for Contemporary Art in Prag fest, das mehr als vierhundert Werke des Künstlers und Regisseurs ausstellt: "Das Ganze ist von sehr eigentümlicher Schönheit. Der menschliche Körper in seinen Einzelteilen zieht sich als Grundthema durch Lynchs Kunst. Köpfe tauchen in immer neuen Varianten auf; niemals vollständig oder unversehrt, sondern hier radikal reduziert, dort halb verwest, und oft nur erkennbar anhand vager äußerer Umrisse. Ekel-Lust-Höhepunkt in diesem Zusammenhang ist die filmische Installation 'Ant Head', worin Ameisen, akustisch untermalt mit einem energetischen Schlagzeugsolo, emsig durch eine stark deformierte Kopfskulptur wuseln, die alle Anzeichen fortgeschrittener Verwesung trägt."

FAZ
-Kritiker Stefan Trinks lässt sich in der Bremer Kunsthalle gerne von der "alternativen Lesart" überzeugen, die die Kuratoren für das Werk Alberto Giacomettis anbieten: Danach sei der "Menschenkneter" Giacometti vor allem durch seine Herkunft aus dem Engadiner Bergell geprägt worden. Die gigantischen Bergmassive hätten nicht nur seine Größenmaßstäbe beeinflusst, sondern auch ein inniges Verhältnis zur Natur geschaffen: "Kronzeuge für eine neue, differenzierte Sicht auf seine Figuren bleibt 'Die Lichtung' von 1950". Sie "existiert heute noch im Wald hinter Giacomettis Geburtsort Borgonovo. Aus seinem Tagebuch ist bekannt, dass er dort als Jugendlicher eine Epiphanie hatte, was die Geworfenheit ins Leben und Unbehaustheit in der Welt anlangt, zugleich aber auch das Aufgehobensein in der Natur. Die isoliert einsam auf der Bronzelichtung stehenden Staken verkörpern so weniger Menschen als vielmehr die Tannen der Borgonovo-Lichtung."

Besprochen wird die Ausstellung "Kunst um 1800" in der Hamburger Kunsthalle (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2026 - Kunst

Ein Bild aus C. G. Jung: Rotes Buch - Liver Novus. 1913-1930, 
© Stiftung der Werke von C. G. Jung, Zürich

Stefan Trinks besucht für die FAZ "eine der komplexesten Ausstellungen seit langem". Thema der Schau "C. G. Jung und die Entdeckung der Psyche" im Landesmuseum Zürich ist, naheliegenderweise, die Psychoanalyse, insbesondere in ihrer Schweizer Spielart, und ihr Verhältnis zur Kunst. Trinks lernt viel über die Widerborstigkeit des Schweizerischen, über die Spuren, die Nietzsche und Robert Burton in der Eidgenossenschaft hinterlassen haben, über vergessene Protagonistinnen der Psychoanalyse. Tolle Kunst gibt es außerdem zu sehen: "Unter den Künstlern, deren Œuvre ohne die Psychoanalyse nicht annähernd dasselbe wäre, ragen in der Ausstellung Meret Oppenheim mit ihrem gekreuzigten Penis 'Ende und Verwirrung' von 1971, Heidi Bucher mit ihren Raum-Häutungen, Marlene Dumas mit ihrer unheimlichen Familienaufstellung 'Nuclear Family' von 2013 in Grau und Louise Bourgeois' 'Filette' von 1968 mit dem wie ein Damoklesschwert über Freuds Couch schwebendem Phallus heraus."

Waldemar Otto, Macher und Machwerk III, 1989. Foto: Auktionshaus Van Ham


Hans-Joachim Müller würdigt in der Welt Waldemar Otto, dessen Skulpturen zwar einen festen Platz in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts haben, aber nur selten ausgestellt werden. Vielleicht, weil Otto sich konsequent dem Zeitgeist verweigerte: "Gänzlich unbeeindruckt von den raschen Kulissenwechseln seiner visuellen Umwelt arbeitete er an seinen 'Torsi', an seinen stehenden und liegenden Figuren, bedachte mit knappsten Mitteln ihre Situation im Raum und schuf so ein Werk, das mit unbeirrbarer Abständigkeit dem Kampf um die Figurenreste zusah, in dem die Moderne ihre Triumphe erlebt hat. Dass einer in den späten 1950er-Jahren, als die Kunstwelt zwischen informeller Gestik, Zero-Bewegung und erstem amerikanischem Pop-Realismus in Aufruhr war, eine 'Figure in Space' formt, die in ihrem Drahtgerüst zu schweben scheint, das verrät allen Willen zur trotzigen Eigenständigkeit." Anlass des Textes ist keine Ausstellung, sondern eine kommende Auktion mit Otto-Werken im Kölner Auktionshaus Van Ham.

Weiteres: Nicola Kuhn kommentiert im Tagesspiegel ein neues Trump-Gemälde in der National Portrait Gallery, Philipp Meier tut es ihr in der NZZ gleich.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.01.2026 - Kunst

Ausstellungsansicht aus der Fundacio Joan Miro. © Fundació Joan Miró. Foto: Davide Camesasca. 

Dass Joan Miró kein Englisch konnte, hat ihn nicht davon abgehalten, bedeutende Beziehungen zu anderen Malerinnen und Malern auf der anderen Seite des Atlantiks zu pflegen, sieht Hans-Christian Rößler für die FAZ in der Fundació Joan Miró in Barcelona. Die Ausstellung "Miró und die USA" zeigt einen "universellen Miró": "Seine amerikanischen Kollegen ermutigen den Katalanen, immer größere Skulpturen und Wandgemälde zu wagen - ein lang gehegter Traum. In Spanien ist das unmöglich, auf der anderen Seite des Ozeans findet er den Raum und die Mäzene dafür: Die monumentale Skulptur 'Mond, Sonne und ein Stern' erhebt sich auf der Brunswick Plaza in Chicago. Das Bronzemodell besitzt die Stiftung in Barcelona. Während er in Spanien mit Zensur und Polizeistaat zu kämpfen hatte, empfing 1959 der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower Miró im Weißen Haus, um ihn mit dem International Guggenheim Award auszuzeichnen. In den neugierigen USA herrschte Aufbruchstimmung."

Weiteres: Die Künstlerin Gabriele Stötzer wird mit dem Goslaer Kaiserring ausgezeichnet, meldet Monopol. Besprochen wird die Ausstellung "Daniel Spoerri: Wenn alle Künste untergehn" im Kunstmuseum Chur (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.01.2026 - Kunst

Adrian Ghenie: The Nightbird 2. 2025. Foto: Galerie Judin  

Zu "Hirnfäule" soll die stete Aufnahme von wertlosen Inhalten auf Social Media führen - und aus Menschen werden "Smartphone-Bestien". So jedenfalls stellt es sich der rumänische Maler Adrian Ghenie in seiner Serie "Cloud Fever" vor, die Helene Rönhsch (FAS) in der Berliner Galerie Judin gesehen hat: "All seine Figuren, in den Ölgemälden und den dazugehörigen Kohlestudien, scheinen auf die eine oder andere Art unter 'Hirnfäule' zu leiden: Ihre Körper sind deformierte Gebilde, oft physisch verwachsen mit ihren Smartphones, Tablets, Laptops - dort, wo Augen, Mund und Nase sein sollen, sind Fratzen aus Hautwülsten. Und wo zwischenmenschliche Beziehungen stattfinden könnten, tauchen immer wieder Endgeräte auf. (…) In Ghenies 'Nightbird 2' sitzt eine Nachtgestalt am Tisch, einsam im Dunkeln, eine Hand an der Energydrinkflasche, die tief in eine Mundöffnung hineingesteckt wird - die andere Hand ist routiniert am Laptop. Auch wenn sich die Figur schon langsam im blauen Licht des Bildschirms zu zersetzen scheint, an Schlaf ist wohl nicht zu denken."

Weitere Artikel: Der Tagesspiegel übernimmt einen zuerst auf der ägyptischen Nachrichten-Website Al Manassa veröffentlichten Artikel, in dem Tanja Kunesch die Debatte um die Rückgabe der Nofretete resümiert. Seit der Eröffnung des Grand Egyptian Museums werden Stimmen lauter, die die Rückgabe fordern, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz weist aber darauf hin, es gebe bisher keine offizielle Rückgabeforderung der ägyptischen Regierung. Ebenfalls im Tagesspiegel gratuliert Christiane Meixner den fünf Künstlerinnen, die vom Berliner Haus des Papiers ein Stipendium erhalten haben. In der FAZ schreibt Stefan Trinks zum Tod des Bildhauers Hubertus von Pilgrim.

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Phantome" des polnischen Künstlers Dominik Lejman in der Berliner St. Matthäuskirche (Tsp).
Stichwörter: Ghenie, Adrian

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.01.2026 - Kunst

Wada Reijiro: MITTAG. 2025. Installation view, Mori Art Museum, Tokyo, 2025-2026. Production support: SCAI THE BATHHOUSE, Tokyo. Foto: Takehisa Naoki

Unter dem Titel "Roppongi Crossings" zeigt das Mori Art Museum in Tokyo alle drei Jahre zeitgenössische Künstler aus Japan oder der japanischen Diaspora und bei Monopol staunt Elke Buhr, wie zeitgenössisch hier auch traditionelles Kunsthandwerk wirken kann: "Geradezu körperlich wirken ... die mannsgroßen, abstrakten Keramikobjekte des 1981 geborenen Künstlers Takuro Kuwata, die mit ihrer expressiven Wulstigkeit und den starken Farben so gar nicht der feinen Keramiktradition des Landes zu entsprechen scheinen - und sich doch auf sie beziehen, indem sie kleine Fehler und Sprünge, die während des Brennprozesses entstehen, bewusst mit einbeziehen und als Teil der Schönheit des Objekts verstehen."

Christine Schlegel, o. T., 1986, Siebdruck, aus: Inge Müller / Christine Schlegel, Vielleicht werde ich plötzlich verschwinden, Eigenverlag, Berlin, 1986 © Christine Schlegel, Foto: Ludwig Rauch

Künstlerbücher werden selten gewürdigt, wenn sie erscheinen, dann in kleinen Auflagen. Noch schwieriger war es für Künstler in der DDR, ihre Botschaften und Arbeiten zu verbreiten, erkennt Sandra Rendgen (Monopol) in der Ausstellung "Die Tage waren gezählt" im Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst in Cottbus. Und doch gelang es den Künstlern, ihre Arbeiten zirkulieren zu lassen: "Projekte von fast epischen Ausmaßen waren die periodisch erscheinenden Künstlerzeitschriften 'Schaden' (17 Ausgaben ab 1984) und 'Anschlag' (zehn Ausgaben ab 1984). Sie erschienen im Eigenverlag; der 'Schaden' mit lediglich 35 Exemplaren. Die Zeitschrift enthielt literarische und theoretische Texte (die mit Durchschrift auf der Schreibmaschine vervielfältigt wurden), gelegentlich auch mal Noten oder andere Materialien, und vor allem Fotografien und Grafik. Die Cover der siebzehn Ausgaben waren jeweils originale Zeichnungen, etwa mit Farbkreiden gezeichnet - und auch hier ist jedem Blatt die Frage eingeschrieben: Wie können wir gegen die Enge und Apathie des Systems angehen, inhaltlich und ästhetisch?"

Seit ein paar Jahren schwirrt der Begriff "Red-Chip-Art" für kommerziell und popkulturell ausgerichtete Kunst durch die Kunstwelt, schreibt der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, der sich dem Phänomen im Tagesspiegel zu nähern versucht: "Generell entsteht Red-Chip-Kunst stark nachfrageorientiert und wirkt deshalb umso kommerzieller. Sie will nicht provozieren oder verrätseln, um sich als autonom zu behaupten, sondern macht sich mit den Fans gemein. Sie unterstützt diese emotional, will geliebt und 'gelikt' werden. Auch daher passt sie so gut in die Erfolgslogik Sozialer Medien. Ohne Instagram gäbe es gar keine Red-Chip-Kunst, denn es braucht Orte jenseits etablierter Kunstinstitutionen, damit diese Spielarten von Kunst überhaupt sichtbar werden, damit sich um sie herum Communitys von Fans bilden können."

Besprochen werden die Ausstellungen "Expedition Zeichnung - Niederländische Meister unter der Lupe" im Wallraf-Richartz-Museum in Köln (FAZ) und "Raoul Hausmann. Vision. Provokation. Dada." in der Berlinischen Galerie ("Ein lebenspraller Blick in eine Avantgarde, die ihre beste Zeit vor hundert Jahren hatte und deren Schatten fast schon menetekelhaft ins Heute reicht", so Paul Jandl in der NZZ. Mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.01.2026 - Kunst

Two Virgins, 2013 © Cara Romero

Die vier Ausstellungen, die im Humboldt Forum unter dem Titel "Beziehungsweise Familie" gezeigt werden, sind großartig, nur können sie sich kaum in den "abweisenden" Räumen des Museumsgebäudes entfalten, seufzt Verena Harzer in der taz. Davon abgesehen aber lernt sie hier, was Familie heute bedeuten kann. Etwa in der Ausstellung "Sich verwandt machen", die Arbeiten von zwölf Künstlerinnen zeigt, "die Verwandtschaft nicht als Blutlinie, sondern als Geflecht aus spirituellen, organischen, materiellen und historischen Bindungen begreifen. Ein offenes Verständnis zieht sich durch die Werke: Haegue Yangs Skulpturen verbinden Elemente des koreanischen Schamanismus mit Alltagsmaterialien und verschieben so die Grenze zwischen Ritual und Routine. ... Soe Yu Nwe geht noch weiter: Ihre Keramiken dehnen Verwandtschaft auf Brunnen, Bäume und andere Dinge aus. Zugehörigkeit wird bei ihr zu einem offenen, nichtmenschlichen Gefüge."

Perpetual Infinity, a day-long performance by Yuko Kaseki at Kochi Biennale 2025

Für die Welt hat sich Silvia Anna Barrilà auf den Weg in die südwestindische Region Kerala gemacht, wo derzeit die inzwischen 17. Ausgabe der Kochi-Muziris Biennale stattfindet. Die 66 Künstler aus 25 Ländern positionieren sich erstaunlich politisch, so die Kritikerin. Das zeigt sich ihr schon in der Entscheidung, dass "auch Dalit-Künstler ausgestellt werden, die ihren Widerstand gegen die Kastenideologie als weiterhin existierende Realität - in Indien wie in der Diaspora - ausdrücken. Zu ihnen gehört Kirtika Kain, geboren in Neu-Delhi und aufgewachsen in Australien, die in ihren Gemälden traditionelle Materialien und abstrakte Formen verwendet, um Fragen der Identität und des Erbes der kastenlosen oder 'unberührbaren' Dalit zu verarbeiten."

Weiteres: In der FR freut sich Dirk Walter, dass das Münchner Staatsarchiv unbekannte Zeichnungen erworben hat, die der Anwalt Otto D. Franke, der bei Prozessen gern zeichnete, vom Prozess gegen die Putschisten 1924 anfertigte. Im Standard erklärt Katharina Rustler, wie das vom Vorarlberg Museum gestartete Pilotprojekt "Museum auf Rezept" funktioniert. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Die geheime Macht der Düfte" im Kunstpalast in Düsseldorf (NZZ) und die Ausstellung "Entwerter/Oder und das sogenannte 'Zeitschriftenunwesen'" im Willy-Brandt-Haus in Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.01.2026 - Kunst

Edita Schubert: Profusion, 2025, Ausstellungsansicht. © Muzeum Susch / Art Stations Foundation; Foto: Federico Sette

Kein Weg zu weit ist FAZ-ler Stefan Trinks, wenn es gilt, außergewöhnliche kunsthistorische Entdeckungen zu machen. Diesmal verschlägt es ihn ins Muzeum Susch im verschneiten Engadin, wo eine Ausstellung das Werk der jugoslawischen Avantgardistin Edita Schubert vorstellt. Ausgesprochen vielseitig ist das Schaffen der zwischen Pop-Art, Kafka und ihrem Vorbild Dürer fröhlich hin und her vagabundierende Schubert, staunt Trinks, der, so scheint es, am liebsten jede Arbeit einzeln besprechen würde. Als Appetitanreger hier seine Beschreibung einer Serie Schuberts zu Kuppelbauten: "Ungeheuer eindrucksvoll stehen Schuberts drei Urkuppeln aus in den Grundfarben Rot-Gelb-Blau getöntem Gips im Saal, die zwar auf jener der berühmten bosnischen Ibrahim-Pascha-Medrese in Počitelj basieren, mit der Durchdringung des busenförmigen Halbkreises und des eher männlich konnotierten hexagonalem Tambours dieser Koranschulenkuppel aber eine archaische Ewigkeitsform kreieren, die so bildgewaltig wie Kubricks Monolith auf dem Mond ist."

Einer anderen außergewöhnlichen Künstlerin begegnet Trinks' FAZ-Kollegin Bettina Wohlfahrt in der Pariser Cité de l'architecture et du patrimoine: Fabienne Verdiers abstrakte Bildwelten werden im Museum mit Portalen und Skulpturen aus dem Mittelalter kombiniert, einer Epoche, mit der sich Verdier in ihrem Schaffen intensiv auseinander setzt. Besonders interessiert sich Wohlfahrt für Verdiers außergewöhnliche Maltechnik: "In ihrem Atelier entwickelte sie Pinsel aus bis zu dreißig Pferdeschweifen und ein Schienensystem, das die mächtigen Malinstrumente von oben (…) in einer von der Künstlerin geführten Schwingung hält, wobei die Leinwände am Boden liegen. (…) So entstehen ihre 'Walking Paintings' mit dickflüssigem Dripping oder faszinierende großformatige Vortex-Gemälde mit himmelstrebenden Farbwirbeln. Kosmische Energie in die malende Ausführung einfließen zu lassen, ist Teil der Lehre der chinesischen Kalligraphie. Unter anderen Vorzeichen entspricht dies der sakralen Kunstausübung im Mittelalter. Damit drücken Verdiers Gemälde jenseits der Kulturen einen universalen Elan aus."

Weitere Artikel: Horst Brederkamp erinnert in der FAZ an Herbert Beck, eine zentrale Figur der Frankfurter Museumsszene. Marcus Woeller schreibt in der Welt über einen Trend am Kunstmarkt hin zu Luxusobjekten wie etwa einer Hausbar in Form eines Flusspferdes, die für 31,4 Millionen Dollar wegauktioniert wurde. Auf monopol berichtet Anna Gien über ihre Erfahrungen als Performancekünstlerin. Ingeborg Ruthe trauert in der BlZ um den 83-jährig verstorbenen DDR-Künstler Manfred Butzmann.

Besprochen werden die Schau "Le Grand Dauphin" im Schloss Versailles (Welt), Willem de Rooijs Ausstellung "Valkenburg" im Centraal Museum Ultrecht, die sich dem kolonialistischen Untertönen im Werk des Malers Dirk Valkenburg widmet (taz) und Neriman Polats Schau "Groundless" in der Berliner Zilberman-Galerie (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.01.2026 - Kunst

Unbekannte Fotografin (Kollegin von Asimina Paradissa mit deren Kamera), Asimina Paradissa auf dem Fahrrad, Wilhelmshaven, 1966/67, © Asimina Paradissa

Wie die Arbeit - und Lebenswelt sogenannter Gastarbeiter, aber vor allem Gastarbeiterinnen, in Deutschland aussah, kann Dagmar Leischow für die taz in einer Foto-Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg entdecken. "Früher hießen wir Gastarbeiter" zeigt Foto-Arbeiten der Künstler Muhlis Kenter, Nuri Musluoğlu, Mehmet Ünal und Asimina Paradissa. Vor allem letzere fasziniert die Kritikerin mit ihren Selbstporträts: "Die gebürtige Griechin hat sich ab 1968 immer wieder von Verwandten oder Kolleginnen ablichten lassen. Ursprünglich hatten diese Aufnahmen quasi Selfie-Charakter, die Fabrikarbeiterin schickte ihrer Familie Fotos, um sie zumindest ein bisschen an ihrem Alltag in der Fremde teilhaben zu lassen (...) Asimina Paradissa erzählt die Geschichte der Gastarbeiterinnen aus der Ich-Perspektive. Egal, ob man sie im Wohnheim für unverheiratete Frauen in Wilhelmshaven oder bei der Arbeit in einer Fabrik in Wuppertal sieht: Sie blickt stets offen in die Kamera, ohne Frage präsentiert sie sich ziemlich selbstbewusst. Sogar wenn sie ihr Zimmer reinigt, lacht sie. Sie posiert wie eine Ballerina, ihren Putzlappen hält sie wie eine Trophäe hoch. In ihrer Freizeit wirkt sie fröhlich, an ihrem Arbeitsplatz deutlich ernster."

Das Museum für bildende Künste in Leipzig hat endlich die Biografien seiner jüdischen Mäzene recherchiert und damit das sogenannte "Stiftermosaik", ein Gruppenporträt mit Stifterpersönlichkeiten, ergänzt: Das wird aber auch höchste Zeit, meint in der FAZ Andreas Platthaus. Die israelische Künstlerin Shlomit Lehavi bringt die Leben wichtiger jüdischer Akteurinnen in einer Installation mit dem Titel "Sichtbarmachen" näher: "Es ist eine Hörstation, die in fünf Kapiteln Erzählungen der Biographien von sechs Leipziger Persönlichkeiten bietet, denen das MdbK Werke etwa von Van Gogh, Mentzel, Spitzweg, Rodin, Max Liebermann, Käthe Kollwitz, Max Klinger oder Renée Sintenis verdankt. Und das grandiose Selbstporträt, das der jüdische Künstler Eduard David Einschlag, ein wichtiger Protagonist der Leipziger Secession, 1924 gemalt hat. Schon 1927 wurde es dem Museum geschenkt, von Hermann und Toni Halberstam, einem Mäzenatenehepaar, dem die Stadt auch die Gründung einer nach Toni Halberstams Vater Julius Ariowitsch benannten Stiftung verdankt, die 1931 ein jüdisches Altersheim eröffnete, dessen 350 Insassen 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurden."

Weiteres: In der FR macht sich Björn Hayer auf einem Spaziergang durch Venedig Gedanken über den Zusammenhang von Kunst und Politik.