Bücherbrief

Schnappschüsse auf das Leben

09.05.2016. Lars Gustafsson über gestohlene Identitäten, Neel Mukherjees Schilderung einer bengalischen Papierfabrikanten-Dynastie, Lucia Berlins subtile Komik, ein Einstieg in den Denk-Kosmos George Steiners - dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Mai.
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Weitere Anregungen finden Sie in unseren Notizen zu den aktuellen Literaturbeilagen, der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", in Arno Widmanns "Vom Nachttisch geräumt", der Lyrikkolumne "Tagtigall", den Leseproben in Vorgeblättert und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Lars Gustafsson
Doktor Wassers Rezept
Roman
Carl Hanser Verlag 2016, 144 Seiten, 17,90 Euro

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Bei der Lektüre von Lars Gustafssons letztem Roman "Doktor Wassers Rezept" wird den Kritikern schmerzlich bewusst, wie sehr sie den Anfang April verstorbenen schwedischen Schriftsteller vermissen. Die Geschichte um einen jungen Schweden, der die Identität eines aus der DDR geflohenen Schlafforschers annimmt, ist eine wunderbare Reflexion über Lügen, Verführungskunst und Lebenssinn, meint Christoph Bartmann in der SZ. "Ein schönes philosophisches Spiel rund um Identität und Nichtidentität, Lug und Trug, Freiheit und Determination", kurz: "ein wahres Lesevergnügen", wie Claus-Ulrich Bielefeld in der Welt schreibt. Und dabei "wesentlich substanzieller" als Thomas Manns "Felix Krull", staunt Jochen Schimmang in der taz. Wenn sie mit so viel "Esprit, Humor und (Selbst-)Ironie" daherkommt, lässt sich Andreas Breitenstein (NZZ) auch "Altherrenerotik" gerne gefallen.


Clarice Lispector
Der große Augenblick
Roman
Schöffling und Co. Verlag 2016, 128 Seiten, 18,95 Euro

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Auch "Der große Augenblick" von Clarice Lispector ist ein letzter Roman, erstmals erschienen vor fast vierzig Jahren und nun vom Schöffling Verlag in neuer Übersetzung herausgebracht. Von der Intensität und Dichte dieses gerade einmal 128 Seiten fassenden Kurzromans zeigen sich die Kritiker verblüfft: Laut Michaela Metz (SZ) kann das Buch als brasilianisches Sozialdrama, als Selbsterfahrungstrip oder als sprachphilosophische Untersuchung gelesen werden. Wie die Autorin die Grenzen des Erzählens auslotet, indem sie einen Erzähler einsetzt, der die Geschichte der Schreibkraft Macabéa aus Rios Armenvierteln in einer Mischung aus Mitleid und Sarkasmus berichtet, hat Christian Thomas (FR) beeindruckt. "Das Nebeneinander von Fiktion und Metafiktion ist es dann auch, das diesen im besten Sinne postmodernen Roman zu einer mitreißenden Lektüre macht", meint Katharina Schmidt-Hirschfelder in der Jüdischen Allgemeinen.


Neel Mukherjee
In anderen Herzen
Roman
Antje Kunstmann Verlag 2016, 640 Seiten, 26 Euro

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Vom Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen, beteuert die Kritik einmütig. Denn auch wenn "In anderen Herzen" korrekterweise auf ein mitunter melodramatisches Mehrgenerationen-Epos schließen lässt, täuscht er doch massiv über das hohe Niveau hinweg, auf dem der Roman operiert. Neel Mukherjees Schilderung einer bengalischen Papierfabrikanten-Dynastie in den ausgehenden sechziger Jahren ist ein nachhallendes, schockierendes und erstaunlich aktuelles Porträt einer Gesellschaft, der Ansehen und Schein mehr gilt als Moral, stellt Claudia Kramatschek in der NZZ beeindruckt fest. Als eine höchst gelungene Mischung aus Arundhati Roys "Der Gott der kleinen Dinge" und den "Buddenbrooks" beschreibt Tino Dallmann den Roman im NDR. In der taz fühlt sich Shirin Sojitrawalla angesichts des Unterhaltungswerts an die TV-Serie "Downton Abbey" erinnert, hebt aber auch den präzisen, bisweilen harten Realismus hervor. So unmittelbar schildere Mukherjee Schmerz und Gewalt, dass man sie selbst zu spüren meint, warnt Anne Haeming bei SpOn: "Das muss man aushalten."


Dzevad Karahasan
Der Trost des Nachthimmels
Roman in drei Teilen
Suhrkamp Verlag 2016, 724 Seiten, 26,95 Euro

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Enorm, was Dževad Karahasan in seinem dreiteiligen Roman "Der Trost des Nachthimmels" unterbringt, staunen die Rezensenten: Aufstieg und Fall des Seldschuken-Reichs, die Entstehung des islamischen Terrorismus, eine Biografie des persischen Universalgelehrten Omar Chayyam und das alles verknüpft mit der Gegenwart Bosniens. Nur von Ferne erinnert das an einen klassischen historischen Roman, meint Tobias Schwartz im Tagesspiegel, der "literaturhistorisch ungemein bewanderte und gewiefte Autor" spiele vielmehr virtuos mit den Konventionen des Genres. "Man ahnt sofort: Karahasan erzählt mit diesen Mitteln von heute", stellt Helmut Böttiger im DradioKultur fest. In der NZZ hebt Andreas Breitenstein zu einer Hymne auf dieses literarische "Jahrzehnte-Ereignis" an, das Politisches mit Persönlichem, Monumentales mit Intimem und Episches mit Dialogischem so brillant verknüpft, wie es sonst nur in den großen Romanen Tolstois, Dostojewskis oder Thomas Manns zu finden sei. Einzig Stefan Weidner bereut in der SZ die Lektüre: zu viel Gerede, zu wenig Geschehen, stöhnt er.


Lucia Berlin
Was ich sonst noch verpasst habe
Stories
Arche Verlag 2016, 384 Seiten, 22,99 Euro

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Über zehn Jahre nach ihrem Tod erlangt die 2004 gestorbene Lucia Berlin in den USA späten Ruhm, der dank Antje Rávic Strubels beim Arche Verlag erschienener Übersetzung nun auch nach Deutschland schwappen könnte, freuen sich die Rezensenten. Die Autorin schreibt über Putzfrauen, Lehrerinnen, Mütter, allesamt Erniedrigte und Beleidigte, über sozial abseitige Milieus, Elend und Abgründe, in die allerdings wie Sonnenstrahlen immer wieder das Glück fällt, wie Angela Schader in der NZZ feststellt. Als "unsentimental, dramatisch und herzzerreißend" preist Manuela Reichart den Band im DradioKultur, während Wolfgang Schneider im Tagesspiegel Berlins "subtile Komik" und "außergewöhnliche Feinheit in der psychologischen Beobachtung" hervorhebt und empfiehlt, die Stories langsam zu lesen, um die "beiläufige Schönheit dieser Schnappschüsse auf das Leben" goutieren zu können. Dass Tobias Schwartz (taz) bei der Berlin-Lektüre an Größen wie Carver, McCullers, Munro und Tschechow denken muss, ist für ihn ein "Indiz dafür, dass man es hier mit einer originären, letztlich unvergleichbaren Schriftstellerin zu tun hat".


Sachbuch

Paul Mason
Postkapitalismus
Grundrisse einer kommenden Ökonomie
Suhrkamp Verlag 2016, 430 Seiten, 26,95 Euro

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Internet, künstliche Intelligenz und hochentwickelte Maschinen machen nicht nur viele Berufe überflüssig, sondern letztlich auch den Kapitalismus, schreibt der britische Fernsehjournalist Paul Mason in seinem Buch "Postkapitalismus" und löst damit eine angeregte Debatte in den Feuilletons und ein geteiltes Echo unter den Rezensenten aus. Für Tom Wohlfarth (Freitag) leistet das Buch "historische und theoretische Pionierarbeit" und ist dabei "durchgehend glänzend geschrieben". "Überraschende Zusammenhänge" hält es für Hans-Martin Schönherr-Mann bereit, der das Buch im DLF exzerpiert. Im Spiegel beschreibt Georg Diez den Autor als jemanden, "der sich die Widersprüche unserer heutigen Welt anschaut - und erst mal das Positive sieht". Etwas zu positiv fallen Masons Thesen für Philipp Rhensius (taz) aus, der zwar vieles interessant findet, aber den Hinweis auf die Folgen dieser historisch umwälzenden Etappe für die Bevölkerung vermisst. Laut René Scheu (NZZ) richtet sich Mason in erster Linie an "konsumorientierte Opportunisten". Und in der SZ ächzt Jens Bisky, das Buch "reiht ein Wohlfühlschlagwort des Antikapitalismus ans andere und verknüpft alles mit geschichtsphilosophischen Motiven, die keinem wehtun". Bei Vimeo ist ein Mitschnitt der Democracy Lecture zu sehen, die Mason vergangenen Monat am Berliner HKW gehalten hat.


Hans Woller
Mussolini
Der erste Faschist. Eine Biografie
C. H. Beck Verlag 2016, 397 Seiten, 26,95 Euro

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Benito Mussolini gilt heute vielen als bloßer Vorläufer Hitlers, der italienische Faschismus als Nationalsozialismus mit menschlichem Antlitz. In seiner Biografie "Mussolini. Der erste Faschist" räumt der Münchner Historiker Hans Woller mit diesen verharmlosenden Vorurteilen auf und schildert das faschistische Regime des "Duce" in seiner ganzen Brutalität, berichten die Rezensenten. Mussolini wurde nicht erst "nicht im Fahrwasser Hitlers" zum Rassisten, sondern interessierte sich schon früh für Theorien zu einer Verbesserung der "arischen Rasse", erfährt Eva Pfister im DLF. Richard Herzinger empfiehlt das Buch in der Welt als präzise Darstellung der Entstehung des Faschismus, während Clemens Klünemann in der SZ die klare Analyse der "Choreographie des faschistischen Politikspektakels" lobt. In der Zeit hebt Louisa Reichstetter den unakademischen Stil des Autors hervor: gut lesbar und dabei kein Wort zu viel verlierend. Etwas anders sieht das Ignaz Miller (FAZ), der das Buch zwar insgesamt "klar strukturiert und erfreulich kompakt" findet, sich aber an den "vielen und nicht immer glücklich gewählten Adjektiven" stört.


Dieter Grimm
Europa ja - aber welches?
Zur Verfassung der europäischen Demokratie
C. H. Beck Verlag 2016, 288 Seiten, 24,95 Euro

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Die Europäische Union erlebt gerade ihre schwerste Krise, doch mit einer vielerorts geforderten Ausweitung der Kompetenzen des Europäischen Parlaments sind ihre Akzeptanzprobleme nicht zu lösen, meint der Verfassungsrechtler Dieter Grimm. In "Europa ja - aber welches?" sind Essays, Fachbeiträge und Vorträge versammelt, die Grimm in jüngster Zeit zum Thema Europa und seine Verfassung verfasst hat. Als eminenter Kenner des Konstitutionalismus kann der Autor der EU nachweisen, wie wenig sie zwischen Verfassung und Vertrag, Recht und Politik zu unterscheiden imstande ist, lobt Florian Meinel in der FAZ und hält fest, dass Grimms Ausführungen nicht bloß konservative Europakritik sind, sondern ein konkreter Aufruf zu einer Europäisierung des Europäischen Parlaments und offen politischen Entscheidungen auf europäischer Ebene. Auch Rolf Lamprecht, Karlsruhe-Korrespondent der SZ, hält Grimms Blick auf die Ursachen des Demokratiedefizits in der EU für ebenso kenntnisreich wie verblüffend und konstatiert: "Ein epochales Werk".


George Steiner
Ein langer Samstag
Ein Gespräch mit Laure Adler
Hoffmann und Campe Verlag 2016, 160 Seiten, 20 Euro

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Das Interview, das die Pariser Journalistin und Verlagslektorin Laure Adler im Jahr 2002 mit dem großen Autor und Intellektuellen George Steiner aufnahm, erstreckt sich über zahlreiche Fortsetzungen bis ins Jahr 2014. Der daraus hervorgegangene Gesprächsband "Ein langer Samstag" bietet "nicht nur einen wunderbaren Einstieg in den Denk-Kosmos Steiners, sondern eröffnet auch Kennern seines Werks erstaunliche Einblicke", stellt Eva Hepper im DradioKultur begeistert fest. Otto A. Böhmer (taz), der die "vorzügliche" Übersetztung von Nicolaus Bornhorn hervorhebt, sieht das Verdienst des Bandes darin, dass es uns "einen Autor näherbringt, der noch zu Lebzeiten wiederentdeckt werden kann". Nicht zuletzt Steiners Prognose, "wenn die Menschen nicht lernen, sich als Gäste und Gastgeber zu begegnen, werden sie sich zerstören", ist für Volker Breidecker (SZ) von bedrückender Aktualität. In der Jüdischen Allgemeinen vermisst Alexander Kluy bisweilen kritische Nachfragen Adlers, empfiehlt den Band aber dennoch als "erstaunlich zugängliche Einführung in das Leben und Denken" Steiners.


Düzen Tekkal
Deutschland ist bedroht
Warum wir unsere Werte jetzt verteidigen müssen
Berlin Verlag 2016, 224 Seiten, 16,99 Euro

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Im vergangenen Jahr hat die in Hannover geborene Jesidin Düzen Tekkal mit dem Dokumentarfilm "Hawar - Meine Reise in den Genozid" über die Verbrechen des IS an den Jesiden im Nordirak für Aufsehen gesorgt, nun wendet sie sich mit dem Buch "Deutschland ist bedroht" ihrem Heimatland zu. Die Bedrohung, die sie ausmacht, geht von "bösen Zwillingen" aus: islamistische Fundamentalisten auf der einen, Rechtsextremisten auf der anderen Seite verhöhnen die Errungenschaften des Grundgesetzes und stellen Werte wie Meinungs- und Religionsfreiheit in Frage, warnt sie. Integration, richtig verstanden, müsste an beiden Rändern der Gesellschaft ansetzen, denn "auch Deutsche, die in Clausnitz vor den Bussen grölen, sind für mich nicht integriert", wie Tekkal im Gespräch mit Marc Reichwein (Welt) erläutert. In der FAZ freut sich Regina Mönch über diesen wichtigen, "unerschrocken streitbaren" Beitrag zu einer bislang weitgehend "verdruckst und politisch korrekt" geführten Debatte. Für den DLF hat sich Monika Dittrich mit der Autorin unterhalten.