West-Berlin war ein merkwürdiger Ort, eine Art "drittes Deutschland" zwischen Bundesrepublik und DDR. Unter den besonderen Lebensbedingungen dieser "Insel" entstand ein eigenes kulturelles und geistiges Klima, das Künstler und Abenteurer aus der ganzen Welt anzog. In den 50er Jahren war die Stadt das "Schaufenster des Westens". In den 60er Jahren galt sie als Zentrum der Studentenbewegung. Aber es entstanden auch zahlreiche noch heute prägende kulturelle Institutionen. Schließlich entwickelte sich in Kreuzberg eine Subkultur, die ins ganze Bundesgebiet ausstrahlte. Auch politisch fand sich West-Berlin immer wieder im Brennpunkt des Weltgeschehens. In den Berlin-Krisen der späten 40er und der 50er Jahre stand die Existenz der Stadt mehrfach auf dem Spiel. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt betrat hier 1961 während des Mauerbaus die Bühne der internationalen Politik. In den 70er Jahren wurde das Berliner Milieu zur Keimzelle des Terrorismus.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 23.12.2009
In Wilfried Rotts Geschichte von Westberlin, von der Teilung der Stadt 1948 bis zum Mauerfall 1989, kann Jürgen Tietz ausführlich die politische Geschichte, ihre Protagonisten und vor allem über den Berliner Filz erfahren. Was der Rezensent dagegen weniger beachtet findet ist das kulturelle West-Berlin, in dem sich in den rund 40 Jahren ja durchaus Großartiges ereignete, so Tietz mit Hinweis auf Philharmonie und Schaubühne. Richtig schmerzlich vermisst aber hat er die "spezielle Atmosphäre" der Teilstadt, das "Potenzial des Möglichen", das dem halbverfallenen, halbfertigen West-Berlin seine "Aura" verliehen hat und das er in Rotts Buch so gar nicht wiedergefunden hat. Und natürlich dieser Berliner Hauch von "Großstadtdschungel und Laubenpieper-Wildnis".
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.10.2009
Rezensent Jens Bisky mag West-Berlin, auch wenn andere es für einen "Vorposten der Antiquiertheit" voller "unverbesserlicher Frontstädter" halten, die zuviel RIAS gehört haben. Mit Freude hat er deshalb Wilfried Rotts Geschichte der Stadt in die Hände genommen, hat sie aber nicht ganz glücklich wieder geschlossen. Groß ist Rott offenbar in der Darstellung des Berliner Politfilz. Wie sich die Architektin Sigrid Kressmann-Zschach als Ehefrau des Kreuzberger Bürgermeister Willy Kressmann (genannt "Texas-Willy") und Geliebte einschlägiger Senatsdirektoren die Aufträge für solche Schrecklichkeiten wie den Steglitzer Kreisel und das Kudamm Karree ergattert hat - das bleibt auch für Bisky unvergesslich. Allerdings findet Bisky den Berliner Sumpf nun auch nicht viel schlimmer als den Frankfurter Filz oder den Kölner Klüngel. Deswegen vermisst er umso schmerzlicher in diesem Buch, was West-Berlin jenseits von Landespolitik und weltgeschichtlichen Großereignissen - Luftbrücke, Mauerbau und Mauerfall - einzigartig gemacht macht: Kultur, Alltag und Mentalität.
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