Herausgegeben von Detlev Schöttker unter Mitarbeit von Steffen Haug. Mit farbigen Abbildungen. Die "Einbahnstraße", eines der ungewöhnlichsten Bücher Walter Benjamins. wurde 1928 nicht als Buch, sondern als Broschüre veröffentlicht, gestaltet in konstruktivistischer Typografie, versehen mit dem berühmten Umschlag von Sasha Stone, dazu geschrieben in der "prompten Sprache" von Flugblättern, Annoncen und Plakaten, die allein "sich dem Augenblick wirkend gewachsen" zeigt, nimmt diese Sammlung von Aphorismen eine auf den ersten Blick singuläre Stellung in Benjamins Werk und der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ein. Die Einbahnstraße war stilbildend und kann als Vorbild etwa für Blochs "Spuren" oder Adornos "Minima Moralia" gesehen werden. Auf den zweiten Blick und in der Rückschau offenbart sich eine weitere Besonderheit der Einbahnstraße: Sie ist eine entscheidende Gelenkstelle in Benjamins Gesamtwerk, in der Überlegungen des Frühwerks transformiert werden, um sie dann in späteren Arbeiten weiterzuführen. Dies veranschaulicht insbesondere die 43 Texte umfassende "Nachtragsliste zur Einbahnstraße", die Benjamin Anfang bis Mitte der dreißiger Jahre zusammenstellte. Sie wird, neben dem Erstdruck und allen handschriftlichen Vorstufen sowie zeitgenössischen Rezensionen, in der neuen Edition erstmals als Einheit zu lesen sein. Der Kommentar und das Nachwort des Herausgebers machen zudem die Verbindung der einzelnen Texte mit dem Gesamtwerk Benjamins sichtbar und zeigen, inwiefern die Einbahnstraße die Tradition der europäischen Aphoristik aufgenommen und zugleich erneuert hat.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.05.2010
Für Ludger Lütkehaus lassen sich das Leben und das "fragmentarische, widersprüchliche" Denken Walter Benjamins aus der Perspektive zweier komplementärer Figuren umreißen: der autobiografischen des "bucklichten Männleins" und der geschichtsphilosophischen des Engels der Geschichte. Wie sich beide zu biografischen und epochalen Unheilsgeschichten vereinen, kann Lütkehaus möglicherweise auch anhand der beiden nun erschienenen Bände der kritischen Benjamin-Gesamtausgabe nachvollziehen. Die Briefsammlung "Deutsche Menschen" (Band 10) und die philosophischen Lesestücke "Einbahnstraße" (Band 8) erscheinen dem Rezensenten in der Präsentation mit ihren Vorstufen, Varianten und Fragmenten als konsequente "Vergegenwärtigung der Trümmer der Geschichte".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2010
Sieht nach einem Missverhältnis aus, gibt Lorenz Jäger zu: Der Text von Walter Benjamin selbst macht gerade einmal siebzig der 610 Seiten dieses Bandes aus. Der Rest ist Anmerkung und Kommentar. Es hat aber, beeilt sich Jäger, dem Verdacht der Maßlosigkeit zu widersprechen, alles seine Richtigkeit. Ja, mehr noch, dies sei eine geradezu mustergültige Edition. Hoch interessant für ihn schon der Abdruck der durchaus zahlreichen, aber keineswegs einhellig positiven zeitgenössischen Kritiken. Überhaupt klingt der Rezensent sehr erleichtert, dass die Jahrzehnte der bedingungslosen Benjamin-Verehrung mit dieser im besten Sinne auf "Distanz" setzenden Ausgabe endgültig vorüber scheinen. Der "Einbahnstraßen"-Essays selbst hat Jäger als "vom Tode her" gedachter Text bei der Relektüre anders angeblickt als zuvor.
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