Valentin Groebner

Das Mittelalter hört nicht auf

Über historisches Erzählen
Cover: Das Mittelalter hört nicht auf
C. H. Beck Verlag, München 2008
ISBN 9783406570933
Gebunden, 192 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Das Mittelalter ist ein Paradox: Düster und romantisch zugleich, aufregend fremdartig, aber auch Wurzel für Vieles, das uns heute prägt - kurzum, das Mittelalter ist ein Reservoir für unsere Wünsche, vor allem jedoch für die Bedürfnisse nach einem ganz anderen, ursprünglichen und authentischen Leben. Von kaum einem Zeitalter hat die Moderne so lustvoll geträumt wie von dieser fernen, aber immer neu inszenierten Epoche; meistens funktionierte sie als bedrohlich verlockender Rückspiegel. Auch die wissenschaftliche Erforschung dieser wundersamen Epoche hat sich nie im luftleeren Raum abgespielt. Gerade Mittelalterhistoriker waren den Vorstellungen ihrer eigenen Zeit von edlen oder weniger edlen Rittern, Burgfräuleins, tüchtigen Bürgern, gelehrten Mönchen und trutzigen Bauern eng verbunden. Sie fanden stets, was sie suchten. Anders gesagt: Mittelaltergeschichte handelt immer von der Gegenwart ihrer Erforscher. Aber was geschieht mit dem Rückspiegel Mittelalter - eine der großen Chiffren christlich-europäischer Kultur - angesichts der Globalisierung am Beginn des 21. Jahrhunderts?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2008

Mit großem Lob bedenkt der hier rezensierende Mediävist Michael Borgolte diesen Essay über das historische Erzählen: geistvoll, pointiert und glänzend formuliert, findet er ihn. Autor Valentin Groebner, Mittelalterhistoriker an der Universität in Luzern, gehört außerdem zu der seltenen Spezies, die einen Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Leben herstellen kann, so Borgolte. Interessiert folgt er den Ausführungen Groebners über Mittealterphobie und Mittelalterphilie von Petrarca bis Johannes Fried und Michael Crichton. Außerdem hebt er Groebners Plädoyer hervor, die Mediävistik möge sich von der Beschränkung auf das lateinische Mittelalter lösen und die Araber, Mongolen, Byzantiner, Juden und Slawen in ihre Forschung einbeziehen. Hierzu merkt Borgolte allerdings an, dass dieser Paradigmenwechsel in der deutschen Forschung sich nicht nur abzeichnet, sondern sogar erste Früchte trägt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.03.2008

Erfrischend findet Urs Hafner Valentin Groebners Essay zur Lage der Mediävistik. Der Professor für mittelalterliche Geschichte und deutschsprachige Mediävistik hält darin seinen Kollegen, die sich über zunehmende Bedeutungslosigkeit ihres Fachs und über populärkulturelle Aneignungen des Mittelalters beschweren, eine glänzend geschriebene Standpauke, freut sich der Rezensent. Gegen die Nörgeleien setze der Autor einen Abriss der Geschichte der Mediävistik, die klarstellen soll, dass historisches Erzählen immer ein subjektives Unterfangen ist, erklärt der Rezensent, der diese These zwar nicht gerade für neu hält, sie bei Groebner aber stilistisch brillant und pointiert vorgetragen sieht. Zudem bleibt der Autor auch nicht bei der Zustandsbeschreibung, sondern richtet mit seinem Essay auch einen Appell an die Kollegen, das Klagen einzustellen und sich stattdessen beherzt mit den Aufgaben der Gegenwart auseinander zu setzen. Die sieht er unter anderem darin, die eigenen "Wünsche", aus denen heraus Historiker das Mittelalter interpretieren, aufzudecken, so der Rezensent interessiert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.03.2008

Bestechend und originell fand Hans-Jürgen Linke den brillant formulierten Essay über die Erfindung des Mittelalters durch die Romantik. Zwar ist die These unter Historikern nicht mehr ganz taufrisch, aber Groebner zielt innerhalb seiner eigenen Zunft auch darauf ab "die Epoche der Naivität zu beenden", sprich sich als Mediävist angesichts der Forschungsergebnisse auch der belasteten jüngeren deutschen Geschichte zuzuwenden, dem Kaiserreich und "Dritten Reich". Der Rückgriff auf Helden und Mythen des Mittelalters füllte im frühen 19. Jahrhundert das Vakuum einer als "defizitär empfundenen Gegenwart" und diente den entstehenden europäischen Nationalstaaten zur Legitimation ihrer Gründung. Der deutsche aggressive Nationalstaat unter Kaiser Wilhelm und später unter Hitler bediente sich angesichts modernster Waffentechnik weiterhin aus dem Fundus mittelalterlicher Heilsgeschichte. Das Berufsbild kommender Mediävisten müsste sich nach Groebner demnach aus ganz anderen Elementen zusammensetzten, so der Rezensent.
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