Die klassische, industriegesellschaftliche Erste Moderne, die "Hochmoderne", unterschied trennscharf Kategorien von Menschen, Dingen und Tätigkeiten und traf Unterscheidungen zwischen Handlungssphären und Lebensformen. Heute gilt: Die Nebenfolgen radikalisierter Modernisierung stiften auf dem gesamten Globus das Bewusstsein neuer Weltprobleme. Diese Entgrenzung erzwingt Entscheidung: Je mehr Entgrenzung, desto mehr Entscheidungszwänge, desto mehr provisorisch-moralische Grenzkonstruktionen, Grenzpolitik. Alle Handelnden - Regierungen und politische Parteien, internationale Organisationen ebenso wie Arbeit und Kapital, Reiche und Arme, die Menschen verschiedenster Religionszugehörigkeiten und Hautfarben - müssen sich in diesem transnationalen Kraftfeld neu situieren: Lasten und Kosten verteilen, Ziele definieren, Wege finden, Koalitionen schmieden und Zukünfte einer gemeinsamen Welt imaginieren, woraus tiefgreifende Verwerfungen und Konflikte entstehen. Das zentrale Thema dieses Buches lautet dementsprechend: Wie wird die Politik der Grenze in der entgrenzten Moderne betrieben?
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 01.02.2005
Im Zentrum der Theorie der "reflexiven Moderne", dem neuesten Projekt des Soziologen Ulrich Beck, sieht Rezensent Ralf Grötker die "bemerkenswerte Diagnose" einer Krise, die nicht nur "Anpassungs- und Strukturkrise", sondern "Begriffskrise" sei. Begriffe und Begriffsgegensätze wie Natur und Gesellschaft, Krieg und Frieden oder Leben und Tod befänden sich in dieser Krise, die so verschiedene Konfliktfelder wie Pränataldiagnostik oder Transplantationsmedizin, Sicherheitspolitik und Gentechnik durchziehe. Die Entwicklung all dieser Bereiche werde durch ein gemeinsames Moment geeint: Begriffliche Grenzen würden allerorten durchlässig. So würden Ausnahmefälle zur institutionell respektierten Norm - wie etwa bei der gesetzlichen Anerkennung von Verwandtschaftsverhältnissen in Patchworkfamilien. Der umfangreiche Sammelband, an dem gut fünfzig Autoren mitgeschrieben haben, sucht laut Grötker die Diagnose der reflexiven Moderne in einer Vielzahl disparater Problem- und Diskursfelder zu verdeutlichen und Kernelemente der Theorie im konkreten Alltag aufzuzeigen. Als Beispiele, die dieses Vorhaben illustrieren sollen, greift er zum einen die Diskussion um die Frage nach einem eindeutigen Kriterium für das Eintreten des Todes heraus, zum anderen die Frage nach der Funktion des Geldes in Paarbeziehungen. Am Ende steht seine wenig überraschende Einsicht: "Die Sachlage ist kompliziert. Fortan können wir sagen: reflexiv modern."
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