Die USA sind die älteste (Medien-)Demokratie der Welt. Franklin D. Roosevelt unterhielt sich in den dreißiger Jahren bei den "Fireside Chats" per Radio mit den Wählern, John F. Kennedy war der erste Präsident des TV-Zeitalters, 2008 kommt die nächste Medienrevolution: Barack Obama und John McCain kämpfen vor allem im Internet um Stimmen, werben auf MySpace und sammeln so Millionen an Spendengeldern und rekrutieren eine Armee von Graswurzelaktivisten. Tobias Moorstedt erkundet in seiner Reportage, wie die politische Software den demokratischen Prozess verändert. Er trifft junge Texaner, die durch das Netz mit liberalen Gedanken in Kontakt kommen, begleitet Bürgerjournalisten und spricht mit Internetstrategen und Bloggern - den Meinungsführern des 21. Jahrhunderts.
So lohnend wie aufschlussreich fand Rezensent Oliver Pohlisch die Lektüre dieser Untersuchung über die digitale Medienrevoltion, deren erster großer Nutzer und Nutznießer der demokratische Präsidentschaftskandidat Barak Obama ist. Denn sie zeigt ihm, wie dessen Wahlkampf den "surfenden Citoyen" für die demokratische Kampagne gewann und sogar für sich einspannte. Und damit gleichzeitig verkrustete Institutionen und Strukturen aufbrach. Gern ist der Rezensent dem Autor Tobias Moorstedt auch an die physischen Schauplätze der digitalen Medienrevolution gefolgt, zu einigen ihrer Protagonisten. Er freut sich an Moorstedts These, dass im Internet die Utopie der Brechtschen Radiotheorie umgesetzt sei. Und es gefällt dem Rezensenten, dass Moorstedt das von ihm beschriebene Phänomen nicht vorbehaltlos lobt, sondern auch Nachteile und Schattenseiten benennt. Als Schwachpunkt empfindet es Pohlisch jedoch, dass dabei die rechtsradikale, undemokratische Seite der Politisierung des Internets nur am Rande gestreift wird.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.2008
Wild und gefährdet soll sie sein, die Demokratie! Den polemischen Furor, mit dem Tobias Moorstedt sein eigenes Metier, den Zeitungsjournalismus, ins Museum schickt und die Medienrevolution in den USA als Renaissance des Politischen besingt, betrachtet Alexandra Kemmerer mit freundlichem Interesse. Sie folgt dem Autor auf seiner Reise durch die wahlkämpfenden Staaten, besucht mit ihm Kampagnenchefs, Spindoctors und Webmaster und theoretisiert mit ihm. Habermas, Putnam und vor allem Chantal Mouffe mit ihrem Plädoyer für mehr Leidenschaft in der Politik lassen Kemmerer diese Reiseimpressionen auch als kritische Selbstbetrachtung lesen. Moorstedts Beurteilung des politischen Europas ("öde Diskursdemokratie") und seine Zweifel an unserer diesbezüglichen Lernfähigkeit quittiert die Rezensentin allerdings mit der schlagenden Feststellung, bei diesem Buch handele es sich selbst um alteuropäischen Meinungsjournalismus. Exzellent und "herrlich unausgewogen".
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