David Nirenberg

Anti-Judaismus

Eine andere Geschichte des westlichen Denkens
Cover: Anti-Judaismus
C. H. Beck Verlag, München 2015
ISBN 9783406675317
Gebunden, 587 Seiten, 39,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Martin Richter. Anti-Judaismus gilt als eine irrationale Abweichung vom westlichen Denkweg hin zu Freiheit, Toleranz und Fortschritt. David Nirenberg zeigt demgegenüber anhand zahlreicher - oft erschreckender - Belege von der Antike bis heute, dass die Distanzierung vom Judentum zum Kern des westlichen Denkens und Weltbilds gehört. Für die frühen Christen und Muslime waren die Juden Feinde der von Jesus oder Mohammed verkündeten Wahrheit. Spanische Inquisitoren strebten ebenso wie protestantische Reformatoren danach, ein heimliches Judentum aufzudecken und zu zerstören, von dem sie die Christenheit bedroht sahen. Die Aufklärung räumte mit diesem Feindbild keineswegs auf. Voltaire bekämpfte in Gestalt der Juden den Aberglauben, Kant die selbstverschuldete Unmündigkeit und Marx das Privateigentum. Die Gegner mit Juden zu identifizieren hat auch ohne reale Juden funktioniert. Aber immer wieder waren Juden (und nicht nur sie) reale Opfer eines Anti-Judaismus, der die Geschichte des Westens wie ein roter Faden durchzieht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.07.2015

Über den intellektuellen Antijudaismus im westlichen Denken erfährt Stephan Speicher vom Historiker David Nirenberg Wissenswertes. Wie antijüdische oder antijudaische Argumentationsformen wirken, in den Paulusbriefen, bei Marx oder Kant, und wie sich daraus schließlich der Antisemitismus entwickelte, lernt Speicher. Auch wenn Nirenbergs "Netz" dank recht allgemeiner Kategorien ihm ein riesiges scheint, die Leistung des Autors, auf den sich durch das westliche Denken ziehenden Antijudaismus aufmerksam gemacht zu haben, steht für ihn außer Frage.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 25.07.2015

Rezensent Micha Brumlik bespricht drei Neuerscheinungen zur Geschichte des Antisemitismus, darunter, in kurzen Ausführungen, den vorliegenden Band: Etwas skeptisch scheint er schon, wenn David Nirenberg den Antijudaismus (so Nirenbergs Begriff) nicht nur als einen, sondern schlechthin als den Grundzug des westlichen Denkens erfassen will, dessen Ursprung er auf den Apostel Paulus zurückführt. Das alles ist für Brumlik nicht neu - er konzediert allerdings, dass Nirenberg extrem belesen und informiert ist.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 16.05.2015

Alan Posener lässt sich von David Nirenberg die Langlebigkeit und Macht vergangener Ideen erläutern. Posener ist dankbar über das erhellende Buch, aber auch deprimiert über die Funde und Folgerungen des Autors, der hier in der westlichen Geistesgeschichte nach einer Antwort sucht auf die Frage, warum die Juden zu Sündeböcken wurden. Dass das Judentum in den Debatten des 18. Jahrhunderts und bei Marx, Hegel, Voltaire allgegenwärtig ist, kann Nirenberg dem Rezensenten zeigen, und dass Fichte und Luther eine gewaltsame "Endlösung" predigten. Von einer christlich-jüdischen Kultur mag Posener spätestens seit dieser Lektüre nicht mehr sprechen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.05.2015

Zwei Einwände hat Helmut König gegen David Nirenbergs für den Rezensenten ansonsten höchst eindrückliche Arbeit zur Geschichte antijüdischer Vorurteile und Aggressionen. Erstens scheint König die monologische Form fragwürdig, die Nirenberg die Juden stets nur als Projektionsfläche darstellen lässt, auf der die Juden selbst gar nicht vorkommen. Produktiver scheint König der Dialog, also Rede und Gegenrede. Zweitens findet der Rezensent die Behauptung des Autors, der Antijudaismus sei im Kern der westlichen Vernunft angelegt, nicht konsequent zuende gedacht, nämlich als Wendung ins Grundsätzliche, wie bei Horkheimer und Adorno, meint König.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2015

David Nirenbergs Geschichte des "Anti-Judaismus" verfolgt das Motiv des Judenhasses bis weit vor die Prägung des Begriffes 'Antisemitismus' zurück, berichtet Jakob Hessing. In dreizehn chronologischen Kapiteln demonstriert der Mediävist, wie lange das Volk Israel schon als Kontrastfolie anderer Kulturen oder Religionen verwendet wird, die versuchen, ihre eigene Identität in einer abwertenden Distanzierung von den Juden zu konstituieren, erklärt der Rezensent. Besonders komplex ist dabei das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum, weil die christliche Kirche sich von ihren jüdischen Wurzeln emanzipieren will, aber es nicht kann, so Hessing.
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